Prozess in Berlin : Vater stach Tochter nieder, weil sie mit fremden Männern sprach

Sükrü K. attackierte seine Tochter mit einem Messer - laut Anklage aus "verletzter Ehre". Der 75-jährige Vater steht nun erstmals vor Gericht.

Kriminalgericht Moabit. Die 47-jährige Tochter und Opfer der Messerattacke ist in dem Verfahren als Nebenklägerin beteiligt.
Kriminalgericht Moabit. Die 47-jährige Tochter und Opfer der Messerattacke ist in dem Verfahren als Nebenklägerin beteiligt.Foto: Fabian Sommer/dpa

Der Mann im dunklen Anzug lächelte höflich, als ihn der Richter ansprach. „Ich verstehe nicht alles“, rief der Angeklagte. Er sei schwerhörig. Sükrü K. ist 75 und steht erstmals vor Gericht. Es geht um einen Vorwurf, der an den Mord an der 23-jährigen Hatun Sürücü im Februar 2005 durch einen ihrer Brüder erinnert. Sükrü K. soll seine 47 Jahre alte Tochter mit einem Messer attackiert und lebensgefährlich verletzt haben. Laut Anklage aus „verletzter Ehre“. Ihm habe der Umgang seiner Tochter nicht gefallen.

Staatsanwaltschaft geht von versuchtem Mord aus

Die Staatsanwaltschaft geht von einem versuchten Mord aus. Heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen habe der Vater seine Tochter angegriffen, heißt es in der zu Beginn des Prozesses am Montag vor dem Landgericht verlesenen Anklage. Der aus der Türkei stammende Sükrü K., der Angaben zufolge seit den 1970er Jahren in Deutschland lebt, hörte die Vorwürfe zunächst schweigend. Die Verteidiger sagten, K. werde voraussichtlich am Mittwoch eine Erklärung abgeben.

Die Tochter war am 17. April gegen 12 Uhr an ihrem Arbeitsplatz in einem Schuhgeschäft, als der 75-Jährige plötzlich in dem Einkaufszentrum in Gropiusstadt auftauchte. Er habe die Frau zur Rede stellen wollen, heißt es weiter in der Anklage. Er sei erbost gewesen, weil er sie mehrfach an der Schule ihrer Tochter im Gespräch mit Vätern anderer Kinder beobachtet habe. Er habe das als einen „Angriff gegen die Familienehre“ angesehen. „Obwohl er eigentlich den Ehemann der Tochter für dieses vermeintliche Fehlverhalten verantwortlich macht, hatte seine Tochter für ihn keinen Wert mehr und den Tod verdient“, so die Anklage.

Zeugen griffen ein

Als die Tochter nicht mit ihm reden wollte, soll der Vater ein Küchenmesser gegen sie erhoben haben. Mit der zwölf Zentimeter langen Klinge habe er ihr in den Hals schneiden wollen. Sie konnte laut Ermittlungen ausweichen. Da habe er ihr in den Bauch gestochen. Sie flüchtete aus dem Geschäft in die Ladenpassage. Er habe sie verfolgt und erneut zugestochen. „Hure“ habe er dabei gebrüllt und Todesdrohungen gegen die Frau ausgesprochen.

Zeugen gelang es, den mutmaßlichen Angreifer von der Frau wegzuziehen. Sükrü K. befindet sich in Untersuchungshaft. Seine Tochter kam lebensgefährlich an der Leber verletzt in ein Krankenhaus. Die Tochter ist in dem Verfahren als Nebenklägerin beteiligt. Am ersten Tag war sie persönlich erschienen. Als Zeugin werde die 47-Jährige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als Angehörige des Angeklagten Gebrauch machen und schweigen, hieß es.

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