Hätte das Gericht die Situation vorbeugen können?

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Prozess um den Tod von Jonny K. geplatzt : Das Verfahren beginnt von vorn
Der Tatort am Alexanderplatz
Der Tatort. Auch am gestrigen Montag, dem Tag des geplatzten Prozesses, erinnerten Blumen an das Opfer.Foto: Thilo Rückeis

Was bedeutet es für das Verfahren?

Auf der Richterbank der Jugendstrafkammer sitzen drei hauptamtliche und zwei Laienrichter. Es wurde ohne Ergänzungsrichter und damit ohne möglichen Ersatz verhandelt. Fällt ein Richter heraus, geht alles auf Anfang. Denn über ein Urteil darf nur entscheiden, wer die komplette Beweisaufnahme erlebt hat. Richter Schweckendieck rechnete vor: „Vier Tage konstruktiver Verhandlung sind hinfällig geworden.“ Mit einer neuen Schöffenbesetzung muss alles wiederholt werden. Erst wird erneut die Anklage verlesen, danach erhalten die Beschuldigten die Gelegenheit, sich zu äußern. Dann müssen alle bereits befragten 16 Zeugen und Gutachter ein weiteres Mal befragt werden.

Hätte das Gericht dieser Situation vorbeugen können?

Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus. Die Aufmerksamkeit für den Prozess ist entsprechend groß. Die richterliche „Ersatzbank“ aber blieb leer. Ein Sprecher des Gerichts verwies auf die Gesetzeslage. Demnach müssten Ergänzungsrichter und -schöffen nur dann bestellt werden, wenn eine Verhandlung mit längerer Dauer zu erwarten sei. Für den Prozess um den Tod von Jonny K. aber seien zunächst nur zehn Tage geplant gewesen. In einem Prozess solcher Größenordung seien Ergänzungsrichter nicht üblich. Das könne man sich „auch personell nicht leisten“.

Prozessbeginn im Fall Jonny K.
Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes mit Tritten und Schlägen attackiert haben. Kurz danach erlag das Opfer seinen Gehirnblutungen. Seine Schwester, Tina K., wohnt dem Prozess bei. „Ich will wissen, wer schuld ist“, sagte die 28-Jährige vor Prozessbeginn.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Reuters
13.05.2013 13:26Seit Mitte Mai müssen sich die sechs Angeklagten im Fall Jonny K. vor Gericht verantworten. Sie sollen Jonny K. im Oktober 2012 in...

Wie geht es jetzt weiter?

Keiner will viel Zeit verstreichen lassen. Bereits am Donnerstag geht es von vorn los. Die sechs Verteidiger machten es möglich, indem sie auf Einhaltung von Ladungsfristen verzichteten. Allerdings nutzten sie die missliche Situation, um für ihre Mandanten eine Haftverschonung zu erwirken. Das Verfahren sei „von außen torpediert“ worden, das könne nicht auf dem Rücken der Angeklagten ausgetragen werden, sie hätten schließlich die Verzögerung nicht verschuldet, sagte der Anwalt des 19-jährigen Onur U., einem der Hauptangeklagten. Kurz darauf entschied das Gericht: drei der fünf inhaftierten Schläger bekommen gegen Auflagen Haftverschonung – „aus Gründen der Verhältnismäßigkeit“, hieß es. Damit bleiben nur Onur U. und der 24-jährige Bilal K. weiter im Gefängnis.

Wie weit war der Prozess bereits vorangekommen?

Ohne Geplänkel war der Prozess gestartet. Die sechs Angeklagten – vier müssen sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten, zwei wegen gefährlicher Körperverletzung – sagten am 13. Mai aus. „Ich habe ihn weder geschlagen noch getreten“, bestritt Onur U. einen Angriff auf den Schüler. Er gab aber zu, dessen Freund mit Fausthieben traktiert zu haben. Die Anklage geht davon aus, dass U. den Angriff provoziert hatte.

Andere Angeklagte gaben zu, Jonny K. am Oberschenkel oder am Schienbein getreten zu haben. Gerhardt C., der bei dem Angriff am 14. Oktober im Gesicht schwer verletzt worden war, hatte Onur U. belastet. Offen blieb nach der Befragung von drei medizinischen Gutachtern, welche von vier Verletzungen am Kopf zum Tod von Jonny K. führten. Ob durch einen Tritt, einen Schlag oder den Sturz sei nicht feststellbar, sagten die Ärzte.

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