Der Prozess verliert sich in vielen Details

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Prozess um Entführung von Storkow : Tausende Puzzle und ein Maskenmann
Im Trüben fischen. Die Polizei patrouillierte im Oktober 2012 auf dem Storkower See. Dort soll zuvor ein bekannter Berliner Investmentmanager entführt worden sein. Der sogenannte Maskenmann, der Millionärsfamilien in Ostbrandenburg überfallen haben soll, steht bereits seit Mai vor Gericht. Ob er verurteilt wird, ist noch lange nicht klar. Foto: Patrick Pleul/dpa
Im Trüben fischen. Die Polizei patrouillierte im Oktober 2012 auf dem Storkower See. Dort soll zuvor ein bekannter Berliner...Foto: picture alliance / dpa

Aber der Prozess verliert sich in den vielen Details, das ist mühsam, anstrengend, manchmal wenig effektiv. Zeugen treten in Kompaniestärke auf, sie reden, sie überlegen, sie zweifeln, und oft fragt man sich, was sie denn nun zur Wahrheitsfindung beigetragen haben. Wie bedeutsam ist der Auftritt des älteren Ehepaars, das an einem Uferstück ein Kajak gesehen hat? Hier, bitte, hier liegt ein Boot, direkt vor Ihnen, sagt der Richter. „Haben Sie dieses Boot gesehen?“ Die Frau legt sich nicht fest, der Mann ist sich nicht sicher. Und selbst wenn es das Boot gewesen sein sollte? Was sagt das aus?

Ein Experte für Hundehaare aus Österreich wird extra eingeflogen. Am Tatort im Schilf wurde ein Hundehaar gefunden. Gehört es dem Hund von K.s Schwester? Der Gutachter hatte das Haar untersucht, das Ergebnis ist ernüchternd. Genaues lässt sich nicht sagen, eine konkrete Bestimmung ist unmöglich. Am Ende erklärt der Zeuge, dass er gerne Geld für seine Übernachtung hätte.

Schwammige Indizien

Und weil viele Indizien so schwammig, so kleinteilig sind, kann man darüber endlos diskutieren. Für Axel Weimann und seinen Kollegen Christian Lödden sind die Indizien natürlich untauglich, zumindest wenn sie die Schuld ihres Mandanten beweisen sollen. Am Tatort wurde eine Decke mit zwei DNA-Spuren gefunden. Die Decke stammt von einem Reifenhändler. Mario K. wohnt rund 600 Meter entfernt von dessen Firma. Keine der DNA-Spuren gehören zu ihm. „Die Staatsanwaltschaft stellt eine Verbindung der Decke zu unserem Mandaten her“, sagt Lödden. „Obwohl dort eine Plattenbausiedlung ist, in der tausende Menschen wohnen.“

Und was soll überhaupt der Satz vom „spurenvermeidenden Verhalten“? K. habe seine Wohnung nach Ende des Mietvertrags übergeben. „Natürlich hat er sauber gemacht. Das ist doch lobenswert.“

Zu den Fragen, die sehr fassbar sind, die sich bedeutsam vom Klein-Klein der Indizienanalyse abheben, gehört der Punkt: Hat der Unternehmer T. Teile seiner Entführung falsch dargestellt? Oder gar erfunden? Natürlich nicht, sagt die Staatsanwaltschaft. Doch Lödden sagt: „Wir müssen feststellen, dass bestimmte Punkte nicht zusammenpassen.“

Da ist zum Beispiel die Flucht. Der Unternehmer T. sagt, er habe sich nach Stunden in der Kälte selber befreit und sei dann auf Socken durch das Sumpfgebiet gehetzt, bis er bei einem Rentner-Ehepaar geklingelt habe. „Dass er das alles körperlich unbeschadet überstanden hat, dass er nach all den Strapazen zu so etwas fähig war, das ist schon ungewöhnlich“, meint Weimann. Ein Rechtsmediziner untersuchte das Opfer mehrere Monate nach der Tat und bezog in seinem Gutachten auch Angaben eines Notarztes ein. Der hatte T. direkt nach der Befreiung untersucht. Der Gerichtsmediziner hatte keine Anzeichen schwerster Unterkühlung oder Verletzungen festgestellt. „Es gibt nur geringe Anzeichen für den von T. geschilderten Tatablauf“, schreibt der Gutachter. Allerdings, für unmöglich hält er die Schilderung nicht.

Staatsanwältin Dubrau bleibt bei diesem Punkt überaus gelassen. Sie sei selber durch das Gelände marschiert, ebenso viele Polizisten, keiner habe Verletzungen davongetragen, also könne die Version von T. sehr wohl wahr sein.

Der Prozess wird von umstrittenen Fragen geprägt. Auch die Polizeiarbeit wird kritisch beleuchtet. Hat sich die Polizei, wegen des Erfolgsdrucks, zu früh auf Mario K. als mutmaßlichen Täter festgelegt? Ein Ermittler hat sich angezeigt wegen „möglicher Strafvereitelung im Amt“. Widersprüche in den Aussagen eines Opfers seien vom Chef der Soko bewusst ignoriert worden. Ermittler sollen angewiesen worden sein, kritische Fragen nicht zu stellen. Der Punkt wird noch im Prozess untersucht.

Der Verteidiger gilt als erfahren

Axel Weimann ist ein überaus erfahrener Verteidiger, er arbeitet mit allen Tricks. Wenn Zeugen den Kern ihrer Aussage klar und sehr deutlich formulieren und diese Aussage nicht im Sinne von Weimann ist, befragt er sie intensiv zu einem vergleichsweise unbedeutenden Nebenaspekt. Mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann weit weniger selbstsicher auftreten und der Eindruck entstehen könnte, der Zeuge sei sich insgesamt nicht sicher. So arbeitete er mit dem Polizeipsychologen Jan-Gerrit Keil, der die Aussage einer völlig überforderten Kriminologin bewerten sollte. Die Kriminologin hatte den Unternehmer T. quasi als Lügner dargestellt. Doch das Gericht lehnte sie als Expertin rundweg ab.

Mario K. dürfte auch in Zukunft schweigen. „Was soll er auch sagen?“, fragt Weimann. „Er könnte ja nur sagen, dass er es nicht war. Und das hat er bereits getan.“

Früher, vor dem Prozess, hatte er mehr geredet. Damals, als er Kripo-Beamten gegenübersaß. Er zeigte sogar Mitgefühl; ist ja auch schwer, solche Taten aufzuklären. Einer der Polizisten erinnert sich im Saal 107 an Mario K.: „Er wünschte uns viel Glück bei der Suche nach dem Täter.“ Mario K. tippt dabei auf die Tasten.

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