Das Netz fängt bei Weitem nicht alle auf.

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Psychisch Kranke in Berlin : Unter Ausschluss
Christiane Tramitz

Nur fängt das Netz bei Weitem nicht alle Kranken auf – und die schwierigen, unangenehmen, auch Systemsprenger oder Austherapierte genannt, die rauschen durch. Insider der Psychiatrieszene beobachten mit Sorge, dass immer mehr dieser Personen, die einen öffentlichen Vormund haben, in Pflege- , Kranken-, oder Obdachlosenheime abgeschoben werden, ohne dass die Steuerungsgremien tätig werden könnten. Schätzungen zufolge verschwinden in Berlin auf diese Weise zehn Menschen pro Tag. Ein Viertel aller Abgeschobenen ist jünger als 55 Jahre, die Jüngsten sind gerade mal 22. Professor Peter Bräunig, Chefarzt für Psychiatrie beim landeseigenen Klinikkonzern Vivantes konstatiert: „Inzwischen leben in diesen Heimen mehr Menschen als damals in den großen Anstalten. Wir wollen nicht wieder die gleichen bedrückenden Verhältnisse wie früher haben und müssen deshalb gegensteuern.“

Und immer häufiger werden die psychisch Kranken zum Opfer der Bequemlichkeit jener, die für sie Verantwortung tragen sollten. Gemeint sind die Ärzte, gesetzlichen Betreuer und Gerichte, die in solche Heime einweisen, wohl wissend, was die Patienten dort erwartet, in was für ein Elend sie sie schicken.

Das Haus von „Pro Seniore“ in der Genthiner Straße in Berlin-Tiergarten ist ein solches Heim. Das Gebäude ist marode, heruntergekommen, der äußere Eindruck setzt sich innen fort. Es ist düster hier, die Fenster sind klein und nicht zu öffnen. Die Luft, verbraucht und verräuchert, lässt kaum atmen. Unter einem Dach mit Wachkomapatienten und Dementen sind die psychisch Kranken auf engem Raum untergebracht. In den meisten Zimmern stehen zwei bis drei Betten, zu dicht, zu eng für die Kranken. „Psychisch leidende Menschen halten räumliche Enge und zu große Nähe oft schlecht aus“, erklärt Bräunig. „Bei großer Menschendichte geraten sie schnell in Konflikt, was wiederum zu einem höheren Bedarf an sedierender Medikation führt“, sie werden also ruhiggestellt.

Und so schleichen die Menschen auf den dunklen Gängen umher, nachlässig gekleidet, ungekämmt, ungewaschen, mit trüben Augen. Ein alter Mann mit einer Perlenkette um den Hals brabbelt vor sich hin: „Ich muss daran arbeiten, dass ich nicht abhaue, abhaue, abhaue . . .“ Niemand wirft einen Blick auf den Wochenplan, der an der Wand hängt: Gleichgewichtsgruppe, Gruppe Frustabbau, Selbsthilfegruppe Stimmenhören. Niemand ist im Fitnessraum, der aus einem Punchingball und ein paar Hanteln besteht. Auch Raum E473 ist leer, Insel genannt. An der Tür hängen zwei verschlungene Glitzerherzen, drinnen liegen dünne Matratzenteile auf dem Boden. „Wenn jemand kommt, eine Freundin oder so. Auch Kranke haben Sehnsucht nach Liebe“, sagt ein Pfleger. Doch wer hat hier noch Freunde? Kaum zehn Prozent der Heimbewohner bekommen Besuch. Die Welt da draußen hat mit ihnen abgeschlossen.

Alt und Jung, Männer und Frauen aus jeder gesellschaftlichen Schicht. So unterschiedlich ihre Schicksale sein mögen, all diese Menschen haben ein Gehirn, das aus den Fugen geraten ist und eine erschütternde Perspektivlosigkeit. In ihren Zimmern spiegelt sich wider, was in ihren Köpfen vorgeht. Einige Heimbewohner stopften den Raum mit den Reliquien ihrer Vergangenheit voll – und mit den Lieblingen, die ihnen noch geblieben sind: Bär, Hase, Puppe, vor Zärtlichkeit abgewetzt.

Andere kontrollieren ihr Chaos mit zwanghafter Ordnung. Der Papierkorb muss exakt zehn Zentimeter neben dem Bett stehen, die Kugelschreiber liegen im Halbkreis auf dem Tisch, in Setzkästen stehen Miniaturwelten in Reih und Glied: eine Flasche Feigling, ein Brillengestell, Sicherheitsnadeln. In vielen Zimmern aber befindet sich nichts anderes als Bett, Schrank, Tisch, Stuhl.

„Die meisten von ihnen haben keinen Sinn für Schönes, sie merken nicht einmal, wenn wir ihnen zum Geburtstag Blumen hinstellen“, erklärt ein Betreuer. „Keiner von denen lebt im Hier und Jetzt. Wann gibt es Essen, wann Taschengeld, das ist das Einzige, was die noch interessiert.“ Das Personal ist engagiert, versucht das Beste aus der Situation zu machen, aber die meisten in diesen Einrichtungen sind am Limit angelangt, finanziell, kräftemäßig. Die Pflegestellen sind chronisch unterbesetzt. „Wir fühlen uns vom Senat im Stich gelassen. Es fehlt an allgemeiner Unterstützung, vor allem fehlt es an Geld“, klagen die Heimleiter.

Psychisch Kranke sind nicht nur Opfer der Einweisungspraxis, sondern auch Opfer marktwirtschaftlichen Denkens. In Berlin entstehen zahlreiche Pflegeheime, besonders für Senioren. Weil diese an Unterbelegung leiden, bedienen sich die Betreiber eines lukrativen Marktes: chronisch psychisch Kranke, vor allem jüngere. Da ist die Nachfrage groß. Zu Marketingzwecken, so berichtet Matthias Rosemann von der Träger gGmbH Berlin, werben einige dieser Heime ganz offen mit geschlossenen Abteilungen. Eigentlich für Demenzkranke gedacht, sind dort nun auch jüngere chronisch psychisch Kranke willkommen.

Geheimheime nennen Insider diese Einrichtungen. Geheim bedeutet Geheimtipp unter den Einweisenden. Geheim nennt man sie aber auch, weil es sie in dieser Form in Berlin nicht geben dürfte, ohne dass sie offiziell dazu deklariert worden sind. Wie viele dieser Geheimheime es in der Stadt gibt, weiß niemand zu sagen, nicht einmal der Senat. „Wir wissen, dass junge Menschen in solchen Heimen untergebracht werden, zahlenmäßig haben wir hierüber keine Erkenntnis“, sagt Heinrich Beuscher. Er ist der Berliner Landesbeauftragte für Psychiatrie, er sollte es wissen.

Geheim ist auch die Zahl derer, die in den vergangenen Jahren in stationäre Pflegeheime verschwunden sind. In den meisten Fällen undurchsichtig ist auch der genaue Grund für die Einweisung. Meistens sind es die Kliniken, die ihre Patienten dort einweisen, gerne in andere Bezirke, damit sie nicht zu lästigen Drehtürpatienten werden, die immer wiederkommen. „Auf das Entlassungsgeschehen einer Klinik hat der Senat keine Einflussmöglichkeiten“, sagt Beuscher und verweist auf gesetzliche Verpflichtungen. „Wenn abzusehen ist, dass ein psychisch Kranker nach dem Klinikaufenthalt weitere Hilfe braucht, muss jede psychiatrische Einrichtung bereits während der Behandlung Kontakt zu den bezirklichen Steuerungsgremien aufnehmen.“ Kliniken folgen diesem Gebot je nach Bezirken höchst unterschiedlich.

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