Statt Therapie konzentriert man sich auf bloße Pflege.

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Psychisch Kranke in Berlin : Unter Ausschluss
Christiane Tramitz

Pflegeheime sind nicht auf eine Wiedereingliederung der psychisch Kranken ausgerichtet. In der Hälfte dieser Einrichtungen gibt es nicht einmal Psychologen und deutlich zu wenig psychiatrische Fachärzte. Statt therapeutischer Maßnahmen, die der Selbstständigkeit dienen, wie Einkaufen, Wäschewaschen, Putzen, konzentriert man sich dort auf die bloße Pflege: aufstehen, umbetten, waschen, kämmen. So verwundert nicht, dass die wenigsten der Patienten diese Einrichtungen jemals wieder verlassen können. Medikamentös ruhiggestellt ziehen sie sich in den Heimen ohne Ausweg zurück in ihre eigene Welt. Manche bringen sich um, wie jüngst ein 35-jähriger Mann, der sich aus dem dritten Stock stürzte. „Unser Leben hier ist menschenunwürdig, es bedeutet ein Gefangensein“, sagt Herr S., schizophren, 70 Jahre alt. Weil ihn immer wieder unkontrollierbare Wutausbrüche anfallen und er dabei sein Zimmermobiliar zertrümmert, ist er nach langer Odyssee in einem Geheimheim gelandet. Er hat sich von der Welt verabschiedet, wie er sagt. Er zieht einen Strick aus der Tasche. „Mir geht es besser, seitdem ich meine Endlösung bei mir habe.“

Der Heimmarkt für psychisch Kranke wächst rasant. „Keiner dieser Menschen müsste in einem solchen Heim sitzen, würde man sie adäquat behandeln“, sagt Bernd Gander, Geschäftsführer der Pinel gGmbH, in deren Trägerschaft zwischen 400 und 500 dieser Menschen versorgt werden.

Würden alle Beteiligten an einem Strang ziehen, weder Kliniken, Gerichte, Betreuer noch das ambulante System Bequemlichkeit und Ökonomie walten lassen, könnte all diesen Menschen geholfen werden. Was fehlt, ist die Steuerung seitens des Senats. Gefordert ist Transparenz, mehr Übersicht und effektivere Kontrolle in dieser Grauzone der Psychiatrie. Vorgeschlagen wird eine zentrale Begutachterinstanz, die alle Kranken vor einer Einweisung durchschreiten. Überlegenswert wäre eine generelle Altersbeschränkung für solche Pflegeheime, damit die jungen psychisch Kranken in sozialpsychiatrischen Einrichtungen eine Chance auf Wiedereingliederung haben. „Der Staat hat eine Verantwortung, er kann die Schwächsten der Schwachen nicht der freien Marktwirtschaft überlassen“, sagt Gander und vermutet ein Gemauschel. „Die großen Heimträger üben auf die Politiker einen nicht unerheblichen Einfluss aus.“

Mario Czaja, CDU-Senator für Gesundheit und Soziales, möchte gegenwirken: „Ich will keinen Anwuchs stationärer Pflegeeinrichtungen, das konterkariert das, was man unter moderner Psychiatrie versteht. Und wenn psychisch Kranke in stationären Pflegeheimen landen, wofür es auch Gründe geben kann, dann muss die Qualität gewährleistet sein.“

Grundsätzlich spricht sich auch Beuscher, der Landesbeauftragte, für einen allmählichen Abbau der Pflegeplätze für psychisch Kranke aus, dennoch widerspricht er den Expertenstimmen: „Es ist einfach an der Realität vorbeigeschaut, wenn man sagen würde, wir brauchen solche Pflegeeinrichtungen nicht!“ Diese seien gegenwärtig noch wichtiger Bestandteil der Psychiatrie. „Wichtig ist nur, dass die richtigen Menschen dort ankommen und dass sich diese Einrichtungen für das gesamte psychiatrische System öffnen.“

Da verbirgt sich ein Skandal im Skandal. Seit 2006 weiß der Senat durch eine Studie der Freien Universität Berlin über das Problem. Jetzt sagt Beuscher, er befasse sich seit einem Jahr in monatlichen Sitzungen mit dem Thema. „Das steht immer auf unserer Tagesordnung, und vielleicht kann ich in Bälde genau sagen, wie viele psychisch Kranke mit welcher psychischen Erkrankung in welcher Altersgruppe, sich in welcher Einrichtung befinden.“ Um sich einen solchen Überblick zu verschaffen, war sieben Jahre Zeit.

Jakob mit den wirren Haaren, die Prinzessin mit den Zwillingspuppen, der Kapitän, Herr S., der junge Mann mit den Krücken, sie alle werden dann in einer Statistik auftauchen. Immerhin.

Im Eingangsbereich von Radeland ist niemand mehr zu sehen. Einzig die beiden Pförtner, sie lesen Zeitung. Der junge Mann ist fort. Eingewiesen. Unter dem Stuhl liegt nur noch das Taschentuch. Er hat es verloren auf der Endstation.

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