• Qualitätspaket für Schulen in Berlin: Scheeres will mehr Unterricht und mehr Kontrolle
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Qualitätspaket für Schulen in Berlin : Scheeres will mehr Unterricht und mehr Kontrolle

Berliner Schülern mangelt es schon an den Schlüsselkompetenzen - und Senatorin Scheeres nennt 39 Schritte zur Verbesserung. Hier gibt es die komplette Liste.

Wichtige Grundlagen werden in den Grundschulen geschaffen. Darum legt die Senatorin hier den Fokus drauf.
Wichtige Grundlagen werden in den Grundschulen geschaffen. Darum legt die Senatorin hier den Fokus drauf.Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Mehr Deutschunterricht trotz Lehrermangels? Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will das scheinbar Unmögliche erreichen, um die Leistungen der Berliner Schüler zu verbessern. Wie das gehen soll und was sonst noch geplant ist, um die Qualität der Schulen zu erhöhen, erläuterte sie am Mittwoch.

Im Zentrum ihres umfangreichen Qualitätspakets, das 39 Punkte umfasst und vier Seiten füllt, stehen die Schlüsselkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen. Denn rund ein Drittel der Grundschüler offenbart bei obligatorischen bundesweiten Tests Defizite, die kaum noch bis zum Ende der Grundschulzeit ausgeglichen werden können. Aus diesem Grund will Scheeres ab Sommer 2019 in den Klassen 1 und 2 je eine Wochenstunde mehr Deutsch verordnen. Ein Jahr später soll dasselbe für die Klassen 3 und 4 gelten. Bislang gehört Berlin bei der Wochenstundenzahl in der Grundschule zu den Schlusslichtern.

Scheeres rechnete vor, dass sie dafür rund 200 Lehrerstellen brauche. Die Pädagogen dafür seien da, weil gleichzeitig immer mehr von den personalintensiven Willkommensklassen aufgelöst würden. Zudem wird genauer als bisher festgeschrieben, wie der Deutschunterricht ablaufen soll. Dazu gehört, dass es dreimal pro Woche ein je 15-minütiges Lesetraining geben soll und täglich ein fünf- bis zehnminütiges „Schreibflüssigkeitstraining“ sowie „Rechtschreibgespräche“.

Der Lernstand soll jährlich ermittelt werden

Um genauer als bisher zu wissen, ob die Unterrichtsziele erreicht werden, soll es zu Beginn der Klassenstufen 2, 4, 5 und 6 verbindliche Individuelle Lernstandsanalysen (ILeA) geben. In Klasse 3 gibt es ja bereits die Vergleichsarbeit Vera. Insgesamt orientiert sich Berlin an Brandenburg und Hamburg. Diese Analysen wird es auch für Mathematik geben, denn die - schwachen - mathematischen Kompetenzen stehen ebenfalls im Fokus. Wie bereits angekündigt, soll schon in der Kita stärker darauf geachtet werden, dass die Kinder ein mathematisches Grundverständnis entwickeln. Zudem werden „diverse Programme und Fortbildungsreihen“ mit dem Deutschen Zentrum für Lehrerbildung in Mathematik ausgeweitet. In wieweit Berlin sich am Hamburger Expertenbericht zur Verbesserung der Mathematikkompetenzen orientieren wird, ist noch offen.

An Schulen, an denen es oft Ärger mit Gewalt und Diskriminierung gibt, soll jeweils ein Tandem von Sozialpädagogen etabliert werden, das sich ausschließlich um diese Probleme kümmert.

Die Schulen ignorieren die Verordnung zur Selbstevaluation

Ein weiteres Schwergewicht will Scheeres auf die Kontrolle der Schulen legen. „Wir müssen ein Gleichgewicht finden zwischen eigenverantwortlicher Schule und verbindlichem strukturierten Handeln“, kündigte die Senatorin an. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Schulen manche Vorschriften ignorieren. Dazu gehört etwa die Nutzung des Selbstevaluationsportals, mit dem sich Lehrer der Beurteilung durch ihre Schüler stellen sollen.

Obwohl dies bereits seit 2011 verpflichtend ist und sogar in einer Verordnung festgeschrieben wurde, findet es kaum statt. Das will Scheeres nicht mehr hinnehmen: „Schulverträge“, die die Schulleiter bis Ende 2019 mit den Schulräten schließen, sollen beinhalten, dass solche Vorschriften künftig eingehalten werden. Zudem sollen sich auch Schulleiter, Schulräte und das Leitungspersonal der Bildungsverwaltung bewerten lassen. Auch dieses Ziel ist nicht ganz neu, wurde aber ebenfalls jahrelang ignoriert.

Aufgenommen in das Qualitätspaket wurde zudem die von vielen Seiten erhobene Forderung, dass alle Schulen verpflichtet werden sollen, Quereinsteiger aufzunehmen. Das Ziel ist, dass sich die beruflichen Neulinge weniger stark an den Brennpunktschulen ballen.

Der Fall "Bergius" und die Überraschung am Punkt 38

Am Schluss des Papiers findet sich noch eine kleine Überraschung: Scheeres gibt den Schulinspekteuren den Auftrag, „Lernergebnisse stärker zu gewichten“. Das geschah – zur allgemeinen Verwunderung – bisher kaum, was etwa dazu beitrug, dass die erfolgreiche Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule durch die Inspektion fiel. Scheeres’ Ansage an die Inspekteure dürfte eine Konsequenz aus der viel beachteten Causa Bergius sein - und bei vielen Inspekteuren unbeliebt sein.

Denn bisher überwiegt bei den Vordenkern der Schulaufsicht die Vorstellung, dass gute oder schlechte Lernleistungen vor allem an der sozialen Herkunft der Kinder hängen, der Schule also weder zugute gehalten noch vorgeworfen werden dürfen. Diese Vorstellung sei plausibel, dürfe aber nicht dazu führen, dass die Leistungen derart wenig in die Stärken-/Schwächenanalyse eingingen, wurde anschließend aus der Schulverwaltung kolportiert; zumal Scheeres kurz zuvor ihr Indikatorenmodell vorgestellt hatte, das auch auf die Leistungsentwicklung abhebt.

Dass die Kritik an diesem speziellen Punkt der Herangehensweise der Inspekteure nicht nur weiterhin in den Fluren der Schulbehörde geraunt wird, sondern sich verschriftlicht im Qualitätspaket wiederfindet, könnte somit zu den Aspekten des Pakets gehören, die Scheeres gegen Widerstände im eigenen Haus durchsetzte.

Der Leiter der Bergius-Schule, Michael Rudolph, der überregional für sein ebenso erfolgreiches wie hartes Durchgreifen gegen Gewalt und Disziplinlosigkeit bekannt ist, hatte nach dem Votum der Inspekteure gegenüber dem Tagesspiegel gemahnt, "dass Schule den Schülern gründliches Wissen und Können vermitteln muss und dazu ein gemeinschaftsverträgliches Sozialverhalten." Solange das bei der Beurteilung einer Schule "egal" sei , werde sich "nichts verbessern". Die heutigen Schüler würden "später einmal unsere Generation dafür zur Verantwortung ziehen".

Elterngremium begrüßt die Stärkung des Deutschunterrichts

Der Landeselternausschuss begrüßte insbesondere den zusätzlichen Deutschunterricht und die Lehrerfortbildungen in Mathematik. Nun müssten die Fortbildungen aber auch in der Schulpraxis ankommen, was angesichts der „ohnehin angespannten Fachkräftesituation“ nicht leicht umsetzbar sein werde. Da sich viele Verbesserungsvorschläge ausschließlich auf die Grundschulen bezögen, müssten in einem nächsten Schritt auch die Oberschulen in den Fokus genommen werden, forderte Landeselternsprecher Norman Heise.

Die Unternehmensverbände Berlin- Brandenburg begrüßten es angesichts der Mängel bei den Schlüsselqualifikationen, „dass die Bildungssenatorin die Schulqualität und die Lernergebnisse verbessern will“. Hildegard Bentele von der CDU fragte, „wie lange Scheeres noch auf Kosten der Berliner Schüler improvisieren darf ?" Paul Fresdorf, der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, forderte die Ausweitung der Schulpflicht auf das letzte Kitajahr. Die von Scheeres angekündigten Schritte, seien zwar "zum Teil richtig, wie die Anhebung der Deutschstunden", setzten aber zu spät ein".

Auch der grüne Koalitionspartner meldete sich zu Wort: "Angesichts der schlechten Lernerfolge der Berliner Kinder und Jugendlichen unterstützen wir die Qualitätsstrategie von Senatorin Scheeres", sagte Bildungspolitikerin Marianne Burkert-Eulitz. Klar sei aber auch, "dass dies alles langfristige Maßnahmen sind, die nur Schritt für Schritt ins Schulsystem implementiert werden“.

Aufgabeteilung zwischen Lehrern und Quereinsteigern?

Berlins bekanntester Pädagoge, der 2013 mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnete Robert Rauh, forderte, dass der Unterricht an den Grundschulen "hinsichtlich des Lehrpersonals differenziert werden sollte". Die Vermittlung von Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen sollten von voll ausgebildeten Fachlehrkräften; Übungen und Anwendungen von Quereinsteigern übernommen werden,. Zu seiner am Dienstag veröffentlichten "Berliner Bildungsoffensive" gehört zudem der Vorschlag, Lehrer von bürokratischen Aufgaben zu entlasten, "damit sie sich auf das Kerngeschäft, den Unterricht, konzentrieren können". Nicht nur die Schulleitung, sondern auch jeder Klassenlehrer solle "einen Verwaltungsgehilfen, der keine Lehrbefähigung besitzen muss," an die Seite gestellt bekommen, hält der Lichtenberger Deutsch-, Politik- und Geschichtslehrer für angeraten.

-- Robert Rauh gehört auch zum Podium einer - bereits fast ausgebuchten - Veranstaltung des Landeselternausschusses am 30. Januar. Unter der Fragestellung: "Gute Schule – ist sie auf dem richtigen Weg? Bildungsgerechtigkeit durch guten Unterricht!" An der Nürtingen-Grundschule diskutieren ab 18.30 Uhr neben Rauh unter anderem Miriam Pech (Vorsitzende der Vereinigung der Berliner ISS Schulleiterinnen und Schulleiter), Saraya Gomis (Antidiskriminierungsbeauftragte Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie), Staatssekretär Mark Rackles (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie), Brigitte Lutz-Westphal (Freie Universität Berlin, Didaktik der Mathematik) sowie Holger Gärtner (Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg).  

Das komplette Qualitätspaket, das 39 Punkte umfasst findet sich HIER. Dabei auch eine Übersicht über bisher erfolgte Neuerungen.

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