• Qualitätstourismus in Brandenburg: Wie eine Berlinerin nach der Air-Berlin-Pleite ihr Comeback im Spreewald plant

Qualitätstourismus in Brandenburg : Wie eine Berlinerin nach der Air-Berlin-Pleite ihr Comeback im Spreewald plant

Jasmin Taylor war schon mal eine große Nummer im Reisegeschäft. 2017 geriet ihre JT Touristik in den Strudel der Air Berlin. Jetzt wagt sie den Neustart.

Jasmin Taylor, Berliner Tourismusunternehmerin am Neuendorfer See in Brandenburg.
Jasmin Taylor, Berliner Tourismusunternehmerin am Neuendorfer See in Brandenburg.Foto: Tanja Buntrock

Puristisch, minimalistisch, naturverbunden: Wie ein Mantra wiederholt Jasmin Taylor diesen Dreiklang, wenn sie das Konzept ihrer neuen Tourismus-Projekte im Spreewald erklärt.

Es ist ein Vormittag Mitte Januar. Die Unternehmerin hat den Schreibtisch im Büro ihrer Seelandhaus GmbH in Neu-Westend in Charlottenburg verlassen, um hinauszufahren in den Unterspreewald.

Taylor stapft über das 50.000 Quadratmeter große Gelände des Örtchens Neuendorf am Neuendorfer See. Das Grundstück – immerhin halb so groß wie die Freifläche der Messe Berlin unterm Funkturm – liegt eine gute Autostunde südöstlich von Berlin, knapp 20 Kilometer von Lübben (Dahme-Spreewald), im dortigen Biosphärenreservat.

Ein „Erholungsparadies“ der Mittelklasse

Die 53-Jährige möchte hier in Brandenburg ein „Erholungsparadies“ der Mittelklasse im Frühjahr eröffnen: „Das Seedorf“ besteht aus 23 Cottages, vier Haupthäusern, einem Bioladen mit integriertem „Kochstudio“, einer umgebauten Scheune und einer Kapelle für Hochzeitsgesellschaften.

„Das ist ein Trend“, sagt sie über das Heiraten auf dem Land. Auch Jubilare, die ihren runden Geburtstag mit vielen Gästen feiern möchten, will Taylor mit ihrem Seedorf-Konzept ansprechen.

Puristisch. Computermodell der geplanten Inneneinrichtung.
Puristisch. Computermodell der geplanten Inneneinrichtung.Foto: Seelandhaus GmbH

Jasmin Taylor, gebürtige Iranerin, spricht von einer „Neu-Inszenierung“ dieses Waldgeländes. Sie deutet auf die ehemals gelben Bungalows, die unverputzt und noch ohne Fensterscheiben stehen. „Wir haben die kleinen Fenster rausgenommen und setzen größere ein: Wenn man herausblickt, umrahmt das Fenster die Natur.“

Ihre Vision: Naturverbundene Gäste – Familien, Paare, Singles, Gruppen – die sich im Spreewald erholen wollen und dabei in den 30 bis 80 Quadratmeter großen Hütten wohnen, sich in die von Taylor persönlich ausgesuchte Bettwäsche aus reinen Baumwollfasern schlafen legen und morgens ihr Frühstück mit Brot, Butter, Milch, Käse und Wurst aus dem Bio-Hofladen in einem der Haupthäuser zubereiten.

„Wir wollen wenig Auswahl bieten, aber dazu nur Waren mit hoher Qualität: Drei Sorten Bio-Brot, Butter, gesalzen oder normal, guter Wein, Bio-Obst…“, schildert Taylor.

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Während Taylor spricht, steht sie zwischen aufgerissenen Leitungsschächten im Boden und Sandhügeln. Es geht – wie meistens im Tourismusgeschäft – auch um Bilder im Kopf, die beim Gegenüber entstehen: von karierten Picknickdecken, auf denen rotbackige Feriengäste sonnengebräunt in einen knusprigen Brotlaib beißen.

Die Bio-Lebensmittel sollen vom örtlichen Bäcker und Metzger in den Hofladen geliefert werden, Kooperationsgespräche dazu liefen bereits. So hat Taylor fast jedes Detail selbst durchgeplant – bis hin zu den Echtholz-Haken in den Garderoben der Hütten. Noch fällt es einem schwer, sich vorzustellen, wie hier bald erste Gästejacken hängen.

Reduzierter Stil und Naturverbundenheit liegen im Trend

Andere wissen womöglich, wie es hier früher noch aussah: Zu DDR-Zeiten gab es auf dem Gelände Ferienlager; später betrieb hier die Haasenburg GmbH eines von drei Kinderheimen, das schwer erziehbare Jugendliche aus ganz Deutschland beherbergte und wegen Misshandlungsvorwürfen in die Schlagzeilen geriet. Ende 2013 wurde das Heim auf Anordnung der damaligen brandenburgischen Jugendministerin Martina Münch (SPD) geschlossen. Es folgten gerichtliche Auseinandersetzungen.

Taylor sagt, ihr sei die Geschichte des Geländes bekannt, aber sie konzentriere sich auf ihr Projekt, und dass es erfolgreich wird. Die Lage ist damals wie heute landschaftlich reizvoll und zieht immer mehr Besucher an.

Von Januar bis November 2019 registrierte der Spreewald gut 730.000 – 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Erstmals ist die Zwei-Millionen-Marke an Übernachtungen geknackt worden, ein Plus von 6,5 Prozent, sagt Annette Ernst, Sprecherin des Tourismusverbands Spreewald. Taylor greife mit dem reduzierten Stil und dem Schwerpunkt auf die Naturverbundenheit die aktuellen Themen auf und sei damit „am Puls der Zeit“, bescheinigt ihr Ernst. „Das passt genau in unser Konzept.“

Zukunftsstrategie 2030: Qualitätstourismus

Der Tourismusverband setzt bei seiner Zukunftsstrategie 2030 auf den Aufbau eines Qualitätstourismus: Dazu gehören regionale Produkte aus dem Reisegebiet. Die Zielgruppe käme aus dem Milieu der sogenannten „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability), was soviel bedeutet, dass diese Menschen auf einen gesundheitsbewussten Lebensstil und auf Nachhaltigkeit Wert legen.

Jasmin Taylor erzählt, dass sie 2018 von einem befreundeten Software-Unternehmer, in dessen Besitz das Grundstück ist, 49 Prozent gekauft habe. Ziemlich genau vor einem Jahr habe sie gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann losgelegt mit der Umgestaltung.

Das Projekt ist Taylors Comeback

Das Seedorf-Projekt ist Taylors Comeback als Unternehmerin: 2017 hatte ihre damalige Firma, der Reiseveranstalter JT Touristik, Insolvenz anmelden müssen.

Taylor spricht offen über die schlimmste Zeit ihrer bis dahin steil nach oben führenden Karriere: „Ich habe die Firma 2009 gegründet, es steckte mein ganzes Herzblut darin.“

JT Touristik hatte Pauschalreisen in 150 Destinationen angeboten und war auf die Vereinigten Arabischen Emirate spezialisiert. 65 Angestellte haben für die Chefin gearbeitet. Mit ihrer ausgeprägten „Personality PR“ wurde sie schnell zur Expertin in der Branche und avancierte unter die Top-Ten der deutschen Veranstalter. Auch Preise wie etwa den Award „Travel Industry Manager of the Year“ gewann die Tourismus-Unternehmerin.

Lidl-Reisen hat ihre Firma gekauft

Doch dann kam die Krise. Jasmin Taylor erklärt den Rückschlag so: Ein großer Veranstaltungsversicherer war ausgeschieden. Ihr sei es nicht mehr möglich gewesen, eine entsprechende Anschlussversicherung zu finden, um das Geschäft lukrativ zu betreiben. Zudem ging in dem Sommer die Air Berlin bankrott. Viele der Reiseziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden aber über Air Berlin beziehungsweise dem damaligen Anteilseigner Ethiad angeflogen.

Als klar gewesen sei, dass zu etwa 70 Prozent das Risiko bestand, dass JT Touristik die nächsten zwölf Monate nicht lukrativ würde arbeiten können, habe sie Insolvenz anmelden müssen. Lidl-Reisen hat die Firma gekauft, die Marke JT Touristik blieb erhalten.

Für Taylor brach eine Welt zusammen

Für Jasmin Taylor, deren Lebensziel es immer war, ein eigenständiges Leben nach ihren Vorstellungen zu leben, brach eine Welt zusammen. Mit 17 war sie während des Iran-Irak-Kriegs allein nach Deutschland geflohen. Sie lebte in Bonn, lernte Deutsch in einer Einrichtung der Katholischen Kirche und machte nur vier Jahre später ihr Abitur – mit Deutsch als Leistungskurs. „Ich wollte Goethes Faust endlich auf Deutsch lesen“, sagt sie.

Was für andere Horrorerinnerungen aus der Schulzeit auslöst, sei für sie etwas Schönes gewesen. Wie in so vielen iranischen Familien sei die Bildung der Kinder das Wichtigste im Leben der Eltern gewesen.

Jasmin Taylor sagt, dass sie in einem Bonner Luxushotel am Wochenende als Nachtschicht an der Rezeption gearbeitet habe. „Es war nicht so viel los, und ich konnte abends und nachts lernen. Ich glaube, innerlich habe ich mir schon damals gewünscht, ein Hotel zu haben.“ Schon immer sei ihr „finanzielle Unabhängigkeit extrem wichtig“ gewesen, weshalb sie viel arbeitete und viel Geld sparte. Während dieser Zeit holte sie auch noch ihren jüngeren Bruder aus Teheran nach Deutschland nach; er arbeitet heute als Arzt.

Bewegte Geschichte. Die Bungalows beherbergten schon zu DDR-Zeiten Feriengäste.
Bewegte Geschichte. Die Bungalows beherbergten schon zu DDR-Zeiten Feriengäste.Foto: Tanja Buntrock

Taylor fing ein Studium der Wirtschaftspsychologie an, verbrachte ein Semester in Cambridge in England, wo sie einen US-Amerikaner, ihren ersten Ehemann, kennenlernte. Der Liebe wegen ging sie mit ihm nach Maryland in die USA.

Doch nach dem Studienabschluss habe sie Europa so sehr vermisst, die kleinen Marktplätze und Innenstädte, die gemütlichen Restaurants. Sie zog zurück nach Deutschland – aber ohne ihren Mann. Sie landete in Berlin, macht sich selbstständig, es war der Beginn der 2000er Jahre. Taylor schrieb Business Pläne für „New-Economy-Projekte“ und gründete dafür die Beratungsfirma „Jasmin Taylor GmbH“, bevor sie später mit ihrer weiteren Firma „JT Touristik“ in den Reisemarkt einstieg.

Detox-Reise nach Sri Lanka und ein Jahr Auszeit

Nach der Insolvenz musste sie erst mal eine Auszeit nehmen von allem. Nach einer dreiwöchigen Detox-Reise nach Sri Lanka und einigen Kurz-Trips nahm sie sich fast ein Jahr Zeit – dann kam das Angebot für das Seedorf. Es soll nicht das einzige Projekt bleiben, das die Unternehmerin im Spreewald plant.

„Hideaway der absoluten Luxusklasse“

Auch das leer stehende Hotel am Schwielochsee im Oberspreewald – nicht zu verwechseln mit dem Schwielowsee – will sie mit ihrer Firma als Touristenziel weiterentwickeln. Als „Hideaway der absoluten Luxusklasse“, sagt sie, werde das Hotel als „Seehotel“ komplett neu aufgebaut. Hier sollen 130 Zimmer in dem Hotel auf der Halbinsel vom türkischen Star-Architekten Murat Tabanlioglu, den sie ihren Freund nennt, gestaltet werden. Er hat schon die Istanbuler Oper, das Istanbul Museum of Modern Art und den Flughafen Bodrum entworfen.

Doch bis dahin ist der Weg noch sehr, sehr weit. Weil das Gebäude im Naturschutzgebiet steht, gibt es viele Auflagen. Ein Bebauungsplan muss erstellt werden, doch Taylor schätzt, dass etwa ein Jahr vergehen wird, bis die Genehmigungen bei den Behörden durch sind.

Doch das stört die Unternehmerin nicht. Sie hat eine Vision – im Kopf sieht sie auch das neue Areal bis ins kleinste Detail vor sich.

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