20 Jahre "La Leander" : Wo Potsdams Regenbogen leuchtet

Die Bar "La Leander" ist Potsdams wichtigster schwullesbischer Treffpunkt. Jetzt wird sie 20 Jahre - ein Treffen mit ihrem ersten Wirt Jirka Witschak.

Sebastian Goddemeier
Jirka Witschak (l.) war der erste Wirt im „La Leander“. 2009 gab er die Bar ab, doch die Geburtstagsparty ließ er sich nicht entgehen.
Jirka Witschak (l.) war der erste Wirt im „La Leander“. 2009 gab er die Bar ab, doch die Geburtstagsparty ließ er sich nicht...Foto: Joachim Liebe

Offenheit. Wärme. Zuflucht. Rebellion. Alles Begriffe, die Jirka Witschak mit dem „La Leander“ verbindet. Im Jahr 1998 eröffnete der heute 48-Jährige die Bar in der Benkertstraße 1 im Holländischen Viertel. Sie wurde zum Kampfsymbol für Schwule und Lesben. Ein Begegnungsort. Eine Schnittstelle von Politik, Kultur und Menschen. Witschak setzte sich immer wieder für die Rechte von Homosexuellen ein und wurde selbst zur Galionsfigur seines Etablissements. Dieses Jahr feiert das „La Leander“ 20-jähriges Jubiläum.

Witschak macht es sich auf der Ledercouch im „La Leander“ bequem. Er ist müde. Die Nacht zuvor feierte seine ehemalige Bar, die er 2009 in neue Hände abgab, 20. Geburtstag. „Bis 12 Uhr mittags wurde hier gefeiert“, sagt er. „Ich bin aber wesentlich eher abgehauen.“ Trotz des Verkaufs ist Witschak immer noch ein Teil der Bar. „Die Homosexuellenbewegung ist nach wie vor eine Herzensangelegenheit für mich. Vor allem das ,La Leander’.“

Regenbogenfahnen an der Wand

Er erzählt vom Abend. Die Geburtstagsfeier am Freitag begann mit einer pornografischen Lesung. Die Dragqueens Margot von Weizsäcker-Schloenske und Griselda von Hodenzollern trugen aus Erotikromanen aus den 70er-Jahren vor. „Es sollte schon ein bisschen was Schwules sein. Solche Literatur hat man damals nur unter der Ladentheke bekommen.“ Die meisten, vor allem die heterosexuellen Männer, hörten gespannt zu.

Witschak erzählt mit einem Lächeln im Gesicht, wie danach die Party losging. Er ist sichtlich stolz. Musik aus den 20er- und 30er-Jahren wurde gespielt. Im Keller, einer kleinen Tanzfläche unter der Bar, feierten die Gäste auf rund 15 Quadratmetern. Eine Regenbogenfahne hängt an der Wand. Ein DJ-Pult und eine Sitzbank finden Platz auf einer Erhöhung. Die Decke, aus Beton, ist nicht verkleidet.

Im La Leander wird nicht nur gefeiert, auch rebelliert

Nicht nur gefeiert, auch rebelliert Im „La Leander“ wird aber nicht nur schon immer gefeiert, sondern auch rebelliert. Regenbogenfahnen an der Außenseite des Lokals, Nacktbilder von Männern an der Fassade, schwule Erotik. „Eine Nachbarin hat sich ständig bei der Polizei beschwert und uns angezeigt“, erzählt Witschak. Der Fortschritt und die Forderung nach mehr Rechten hatten ihren Preis. Bußgeldbescheide, Anwälte, Widersprüche, sich wehren. „Widerstand zu leisten, das musste ich lernen. Sich zu wehren, zur Not mit Öffentlichkeit. Manche nennen mich mittlerweile ‚Krawall-Schachtel'.“

Politisch ist das "La Leander“ auch heute noch. Im ersten Obergeschoss des Gebäudes hat eine Wohngruppe ihr Quartier. Dort finden queere Menschen Zuflucht, die unterschiedlichster Herkunft sind. Zum Beispiel aus Syrien oder auch aus Potsdam. Sie bleiben meist längere Zeit. Ihnen wird die Möglichkeit gegeben, ein neues Leben aufzubauen. Das „La Leander“ als Ort der Zuflucht. Ein Ort der Vielfalt.

Als schwuler Mann in der DDR

Witschak selbst ist auch politisch aktiv, zum Beispiel in der SPD oder im Schwulen-Lesben-Verein „Katte e.V“. Er setzt sich für die Rechte von Homosexuellen ein. Aufgewachsen ist er in der DDR. „1989 bin ich ins Wachregiment gezogen. Dort hatte ich mein Outing und das erste Mal Sex mit Männern. Das war ein Findungsprozess, vor allem meiner Rolle in der Gesellschaft.“

Rechte für Homosexuelle, Aufstand und Widerstand, sich manchmal nicht bewusst sein, dass man Aktivist ist – Witschak wuchs in einer Gesellschaft auf, die gegen ihn war. Doch statt sich unterkriegen zu lassen, rebellierte er. So wie mit einem vermeintlich harmlosen Kuss. Unter der „Eisernen Glasblume“ im Palast der Republik in Berlin Ende der 80er-Jahre. Dort küsste er einen Mann. Unter der Beobachtung von vielen Sicherheitskameras, die ihm nicht bewusst waren. Ein Schwuler in der DDR. „Was wäre dort aus mir geworden? Ich weiß es nicht.“ Er wusste früh, wer er ist, das scheint Witschak weitergeben zu wollen. „Ich habe ein kleines Helfer-Syndrom.“

Potsdam galt lange als Schwulenhochburg

Um zu rebellieren, dafür hat er in Potsdam den richtigen Platz gefunden. Er gehört in Potsdam dazu, die Stadt ist ein Teil von ihm geworden. Als offen homosexueller Mann fühlt sich Witschak hier sehr wohl. „Das Schicksal hat es gut gemeint mit Potsdam. Friedrich II. war zum Beispiel schwul.“ Wenn man zurück in der Geschichte geht, galt Potsdam lange als Schwulenhochburg in Deutschland, erzählt Witschak. Das Schimpfwort „Potsdamist“ wurde als Synonym für „Schwuchtel“ verwendet.

So viel zur Vergangenheit. Die Zukunft, das ist es, worum es im „La Leander“ eigentlich geht. Die Zukunft gestalten, am besten freier und offener. Auch wenn dafür gekämpft werden muss. „Wenn man 20 Jahre schafft, schafft man auch weitere 20“, meint Witschak. Er möchte, dass die Bar weiterhin ein Raum bleibt, mit dem sich Menschen identifizieren können. Ein Raum, der Zufluchtsort, Party- und Kulturstätte ist. Am wichtigsten aber: Ein Symbol der Freiheit.

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