Ausstellung im Schwulen Museum Berlin : Klappe zur Lust

Das Schwule Museum erklärt mit der Ausstellung „Fenster zum Klo“ die schwule Subkultur des Klappensex auf öffentlichen Toiletten.

Am Eingang einer unterirdischen Toilette in Friedenau.
Am Eingang einer unterirdischen Toilette in Friedenau.Foto: Marc Martin

Die öffentliche Bedürfnisanstalt ist gerade Thema in Berlin. Einerseits, weil ein akuter Mangel an öffentlichen Toiletten in der Innenstadt konstatiert wurde, was sich daran erkennen lässt, dass überall kräftig in Vorgärten und an Hausecken gepinkelt wird. Dann wird noch eine hitzige Debatte darüber geführt, was genau Ende nächsten Jahres passiert, wenn der Vertrag mit der Firma Wall, die die Stadt jetzt noch mit ihren City-Toiletten beglückt, nicht weiter verlängert wird. Und auch hier ging es um das stille Örtchen: Der Kabarettist Rainald Grebe unterlag jüngst vor Gericht mit seinem Begehren , künftig in Autobahnraststätten gebührenfrei und für lau pinkeln zu dürfen.

Zu den aktuellen Toilettendebatten passt es da bestens, dass das Schwule Museum dem Thema nun gleich eine ganze Ausstellung widmet. Öffentliche Pissoirs waren früher gang und gäbe in Berlin, bevor sie zu Beginn der Neunziger flächendeckend von den vergleichsweise aseptischen Solokabinen ersetzt wurden. Klappen nannte man die Orte, an denen man sich auch zum Sex traf, in schwulen Kreisen.

Klappensex wurde zum stehenden Begriff in einer Zeit, in der Schwule noch als irgendwie pervers galten, was gar nicht mal so lange her ist. Popstar George Michael wurde noch Ende der Neunziger beim Klappensex in einer öffentlichen Toilette von einem Polizisten in Los Angeles erwischt und zu drakonischen Strafen nebst öffentlicher Demütigung verdonnert.

Ein Ort für verborgene Wünsche

Der französische Fotograf Marc Martin hat der Klappe mit der Ausstellung „Fenster zum Klo“, deren Titel auch eine Verneigung vor Frank Ripplohs Schwulen-Film-Klassiker „Taxi zum Klo“ ist, eine feine und akribisch recherchierte Ausstellung gewidmet.

Sie würdigt eine Institution der schwulen Subkultur als etwas, das auch in Zeiten massiver Verfolgung Schwuler, wie etwa im Nationalsozialismus, ein Ort war, um das eigene Begehren zumindest artikulieren zu können. Auch wenn die Sittenpolizei von dem Treiben Wind bekam und immer wieder gnadenlos zuschlug.

Im Geheimen. Das Hinweisschild untersagt eine zweckfremde Besutzung.
Im Geheimen. Das Hinweisschild untersagt eine zweckfremde Besutzung.Foto: M. Martin

Aus heutiger Sicht, wo sich Schwule problemlos per App zum Sex verabreden oder es sich im geschützten Darkroom gemütlich machen können, mag die Vorstellung, Sex auf schmuddeligen und stinkenden Toiletten zu haben, schier unvorstellbar sein. Doch, so erfährt man bei „Fahrt zum Klo“, traf man sich manchmal auch nur vor dem Pissoir, um dann gemeinsam in einer schönen Wohnung weiterzusehen, was man noch so miteinander anstellen möchte.

Und außerdem, davon gibt es nicht zuletzt einige Bekenntnisse auf für die Ausstellung gesammelten Videos, war der Besuch der Klappe für Schwule und wohl auch für so manchen verklemmten Familienvater einfach ein spannender Ausflug an einen Ort, an dem verborgene sexuelle Wünsche wahr wurden. Die Zeit der Klappen ist weitgehend vorbei, durchaus mit Wehmut erinnert die Ausstellung an sie.

Fenster zum Klo. Bis zum 5. Februar 2018 im Schwulen Museum. Anfang 2018 soll eine ehemals öffentliche Toilette als Galerie mit Bar wiedereröffnen: Im Souterrain auf der Mittelinsel am Mehringdamm, Ecke Yorckstraße, werden zuerst die Arbeiten von Marc Martin zu sehen sein. Geplanter Eröffnungstermin ist der 13. Januar, eine Name steht auch schon fest: Die Klappe.

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