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Festakt in Berlin : Steinmeier bittet um Entschuldigung für Verfolgung Homosexueller

Beim Festakt zum 10. Jahrestag des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen bat Steinmeier um Vergebung für das geschehene Leid.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Besuch in der Ukraine.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Besuch in der Ukraine.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich für die Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit, aber auch in den folgenden Jahrzehnten entschuldigt. Beim Festakt zum zehnjährigen Jubiläum des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin sagte Steinmeier am Sonntag, er bitte um Vergebung "für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte".

In der Zeit des Nationalsozialismus seien Privatheit, Leben, Liebe und Würde zehntausender Homosexueller "auf niederträchtigste Weise angetastet, geleugnet und verletzt" worden, sagte Steinmeier laut Redetext. "Ihre Existenzen wurden vernichtet. Man hat sie gefoltert, in Zuchthäuser und in Konzentrationslager geschickt. Tausende dieser Männer kamen ums Leben."

Auch in der BRD wurden Homosexuellen Unrecht zugefügt

Aber auch nach dem Ende des Nationalsozialismus sei Homosexuellen in Deutschland Unrecht zugefügt worden, betonte Steinmeier - in der DDR und in der BDR. In der Bundesrepublik seien mehr als 20 Jahre lang zehntausende Männer auf Grundlage des Paragraphen 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, "verhaftet, verurteilt und eingesperrt" worden.

Heute stünden sexuelle Orientierung und sexuelle Identität aller Schwulen, Lesben und Bisexuellen, aller Queers, Trans- und Intersexuellen "selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates", sagte der Bundespräsident. Im Kampf gegen Homosexuellenhass gebe es aber "noch einiges zu tun": "Wir können uns nicht zufrieden zurücklehnen, wenn homophobe Beleidigungen heute wie selbstverständlich auf dem Schulhof zu hören sind."

Steinmeier verurteilt Relativierungen der Nazi-Diktatur

Nach Äußerungen des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland über die NS-Zeit als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte hat Bundespräsident Steinmeier parallel Relativierungen der Nazi-Diktatur und des Holocaust verurteilt. Wer "diesen einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, klein redet oder relativiert, der verhöhnt nicht nur die Opfer, sondern der will alte Wunden wieder aufreißen und sät neuen Hass", sagte Steinmeier. "Dem müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen."

Drowek: Erstmals habe ein Staatsoberhaupt vor dem Denkmal gesprochen

Günter Dworek vom Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) sagte unter dem Applaus der Gäste, die Worte des Bundespräsidenten bedeuteten den Betroffenen „sehr, sehr viel“. Erstmals habe mit Steinmeier ein Staatsoberhaupt an dem vor zehn Jahren eingeweihten Denkmal gesprochen. Schwule und Lesben hätten es auch nach der NS-Zeit alles andere als leicht gehabt. Der Rechtlosigkeit sei eine lange Phase widerwilliger Duldung gefolgt. „Aber wir haben uns durchgebissen, Schritt für Schritt mehr Akzeptanz und Rechte erkämpft. Das hat unsere ganze Gesellschaft freier und unser Land lebenswerter gemacht“, betonte Dworek.

Trotz der vor einem Jahr beschlossenen Ehe für alle und der rechtlichen Gleichstellung könne ein Kuss in der Öffentlichkeit aber auch heute noch Gefahr bedeuten. Woche für Woche gebe es homophobe und transfeindliche Übergriffe. „Das darf eine demokratische Gesellschaft nicht kalt lassen“, mahnte Dworek.

Auch Michael Müller zeigt sich besorgt über homophobe Angriffe

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) äußerte sich besorgt über steigende Zahlen homophober Angriffe. Berlin müsse dagegen als „Regenbogenhauptstadt“ Position beziehen. Müller nannte das Denkmal einen wichtigen Ort für das mahnende Gedenken an die verfolgten Homosexuellen in der Hauptstadt. Vor den Opfern verneige man sich gemeinsam. Es habe viel zu lange gedauert, ehe sich Schwule und Lesben frei lieben konnten, sagte der Regierende Bürgermeister.

Das zentrale Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen war am 27. Mai 2008 eingeweiht worden. In dem grauen Kubus gegenüber dem Holocaust-Mahnmal läuft in Endlosschleife ein Film, der durch ein Fenster betrachtet werden kann und der alle paar Jahre gewechselt wird. Seit Sonntag läuft nun als insgesamt dritter Film ein Schwarz-Weiß-Video der israelischen Multimediakünstlerin Yael Bartana. Ihr Film war von einem internationalen Gutachtergremium aus elf Vorschlägen ausgewählt worden. Er zeigt zwei sich küssende Frauen und zwei sich küssende Männer.

Schätzungen zufolge wurden in der NS-Zeit rund 54.000 Homosexuelle verurteilt. Etwa 7.000 von ihnen, darunter mehrheitlich schwule Männer, kamen in Konzentrationslagern aufgrund von Hunger oder Krankheiten, durch Misshandlungen oder gezielte Mordaktionen um. Der in der NS-Zeit verschärfte Homosexuellen-Paragraf 175 wurde in der Bundesrepublik erst 1969 reformiert und damit Homosexualität unter Erwachsenen straffrei. Endgültig aufgehoben wurde der Paragraf 175 aber erst 25 Jahre später. (AFP,epd)

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