Gastbeitrag zur Lage von LGBTI : Wir dürfen uns nicht auf Erreichtem ausruhen

In vielen Ländern sind Homo- und Transsexuelle noch immer bedroht. Großbritannien und Deutschland wollen dort Druck machen, dass sich das ändert, schreiben der britische Botschafter und der deutsche Staatsminister im Gastbeitrag.

Sebastian Wood Michael Roth
Der Wagen der britischen Botschaft und des Auswärtigen Amts auf dem Berliner CSD.
Der Wagen der britischen Botschaft und des Auswärtigen Amts auf dem Berliner CSD.Foto: promo

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten in Großbritannien und Deutschland einen langen Kampf für Toleranz, Vielfalt und sexuelle Gleichstellung hinter uns. Und wir haben dabei viel erreicht. Heute ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass homosexuelle Handlungen in unseren Ländern noch vor knapp 50 Jahren strafbar waren. Auf dem Weg von der Illegalität bis hin zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung sind wir seitdem in vielen kleinen Schritten vorangekommen.

Doch selbst in gesellschaftlich so liberalen und progressiven Ländern wie Großbritannien und Deutschland hat es bis zum Jahr 2013 beziehungsweise 2017 gedauert, bis mit der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein bedeutender Meilenstein erreicht wurde. Andere wichtige Erfolge waren die Rehabilitierung von homosexuellen Opfern früherer Verfolgung und die Anstrengungen, in der Verwaltungspraxis Menschen zwischen den traditionellen Geschlechtermodellen angemessen zu berücksichtigen.

Kein Grund, sich auf Erreichtem auszuruhen

Mit einem gemeinsamen Wagen der Britischen Botschaft und des Auswärtigen Amts beim Christopher Street Day in Berlin haben wir nicht nur diese Errungenschaften gefeiert. Wir haben auch unsere gemeinsamen Werte, den Einsatz für die Menschenrechte und unsere tiefe Freundschaft gefeiert. Der Berliner CSD war ein buntes Fest für Vielfalt, Respekt und Toleranz.

Es gibt aber keinen Grund, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen mag mit der „Ehe für alle“ abgeschlossen sein, aber im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung bleibt noch viel zu tun. Auch in Großbritannien und Deutschland erleben LGBTI in ihrem Alltag immer noch Ablehnung und Hass, manchmal auch Gewalt – in der Schule, am Arbeitsplatz, oft auch in der eigenen Familie. Sogar in liberalen und weltoffenen Metropolen wie Berlin oder London werden schwule und lesbische Paare auf der Straße körperlich angegriffen oder beschimpft.

Großbritannien will "Konversionstherapien" verbieten

2017 gaben in einer Umfrage der britischen Regierung fünf Prozent der befragten LGBTI an, dass ihnen von Familienmitgliedern, Glaubensgemeinschaften oder Gesundheitsorganisationen eine sogenannte „Konversionstherapie“ nahegelegt wurde. Zwei Prozent haben eine solche Therapie tatsächlich durchlaufen. Premierministerin Theresa May hat inzwischen angekündigt, diese Umerziehungstherapien zu verbieten. Auch in Deutschland und auf europäischer Ebene wird endlich über ein Verbot diskutiert.

In der öffentlichen Meinung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Bisweilen war die öffentliche Meinung der Politik sogar einige Schritte voraus. So befürwortete in Umfragen bereits eine Mehrheit der Deutschen die gleichgeschlechtliche Ehe, lange bevor es dafür politische Mehrheiten gab. Doch bis zur Normalität bleibt es noch ein weiter Weg: Weiterhin sagen rund 40 Prozent der Deutschen, dass es ihnen unangenehm ist, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen. Kein Wunder also, dass viele lesbische und schwule Paare in der Öffentlichkeit immer noch sehr zurückhaltend sind.

LGBTI-Rechte weltweit stärken

Unser gemeinsames Ziel ist eine offene und tolerante Gesellschaft, in der alle – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Identität – offen und ohne Angst leben und lieben können. Die Erfolge der vergangenen Jahre verdanken wir vor allem jenen zivilgesellschaftlichen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich mit Mut, Beharrlichkeit und Kreativität dafür einsetzen, dass die Menschenrechte für alle gelten – unabhängig davon, wer wir sind, woher wir kommen und wen wir lieben.

Nicht nur zu Hause setzen wir uns für die Rechte von LGBTI ein. Wir möchten diese Rechte weltweit stärken. Unsere Regierungen unterstützen dafür eine Vielzahl von Projekten in aller Welt. Beispielsweise helfen wir in Russland und Indonesien  bedrohten LGBTI-Aktivistinnen und -Aktivisten. In der Ukraine, auf dem Balkan, im Baltikum und im Maghreb fördern wir Initiativen und Veranstaltungen, um breite gesellschaftliche Kreise für Vielfalt, Respekt und Toleranz zu gewinnen. Eine solche Initiative, die sich weltweit für den Schutz der Menschenrechte von LGBTI einsetzt, ist der Kaleidoscope Trust, deren Vorsitzender, der ehemalige britische Diplomat Sir Stephen Wall, uns auf dem CSD begleitet hat. Öffentlich und hinter verschlossenen Türen sprechen wir das Thema an und appellieren an Regierende in aller Welt, die Menschenrechte von LGBTI zu achten und zu schützen.

Vielen ist es verwehrt, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen

Und auch hier geht es voran: In manchen Metropolen, in denen vor wenigen Jahren noch keine Regenbogenfahne wehen durfte, ziehen inzwischen Pride-Paraden selbstbewusst durch das Stadtzentrum. Wir waren beim Berliner CSD in Gedanken aber auch bei den vielen Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen weltweit, denen es bis heute verwehrt bleibt, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Ihnen gehört unsere Solidarität.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der britischen Botschaft Berlin, des Auswärtigen Amts und wir als Botschafter Großbritanniens und als Staatsminister für Europa sind stolz, beim Christopher-Street-Day gemeinsam auf die Straße gegangen zu sein. Uns war es wichtig, gemeinsam Flagge zu zeigen für Vielfalt, Respekt und Toleranz! Und es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein. Vor uns liegt noch viel Arbeit.

Zu den Autoren: Sir Sebastian Wood ist Botschafter Großbritanniens in Deutschland, Michael Roth (SPD) ist Staatsminister im Auswärtigen Amt.

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