"Lass uns von hier verschwinden" von Julian Mars : Jung, schwul, auf der Suche nach sich selbst

Kaum jemand schreibt so schwungvoll und authentisch über schwules Coming of Age wie der Berliner Autor Julian Mars: Das zeigt auch sein neuer zweiter Roman.

Julian Mars ist ziemlich nah dran am Leben seiner Protagonisten.
Julian Mars ist ziemlich nah dran am Leben seiner Protagonisten.Foto: imago/Westend61

Was macht einen schwulen Mann zu einem schwulen Mann? Um diese Frage kreiste „Jetzt sind wir jung“, das furiose Erstlingswerk des Berliner Autors Julian Mars. Felix, die Hauptfigur, hat zwar ständig Sex mit Männern. Sich vor seinen Eltern zu outen, fällt ihm aber verdammt schwer. Und mit „Vollzeitaktivisten“ will er schon gar nichts zu tun haben – dumm nur, dass ausgerechnet seine erste große Liebe einer ist. Das verändert Felix, wenn auch nur allmählich.

Der Roman fand vor drei Jahren schnell eine Fangemeinde, schließlich ist Mars einer der wenigen Autoren in Deutschland, der authentisch, witzig und klischeefrei über eine schwule Jugend schreiben kann. Diese Woche kommt nun eine Fortsetzung heraus – genauso lesenswert und mit ähnlichem Schwung wie der Debütroman.

Internalisierte Homonegativität - das muss er erstmal googeln

In „Lass uns von hier verschwinden“ ist Felix ein paar Jahre älter, aber noch immer nicht ganz im Erwachsenensein angekommen. Aus Hamburg ist er inzwischen nach Berlin gezogen. Doch statt sich wie früher ins schwule (Nacht)Leben zu stürzen, verkriecht er sich lieber zuhause und schaut Netflix. Nur widerwillig nimmt er einen Job bei einem Bildungsverein an. Und mit seinem Schwulsein ist er auch immer noch nicht ganz im Reinen. Er leide unter „internalisierter Homonegativität“ wirft ihm sein (inzwischen Ex)-Freund vor: Ein Begriff, den Felix erstmal googeln muss. Doch dann überrascht ihn seine beste Freundin mit einer Neuigkeit  – und auch Felix wird klar, dass er irgendwann Verantwortung für sich und andere übernehmen muss.

Eigentlich wollte Mars zunächst gar keine Fortsetzung schreiben, auch wenn der erste Band keineswegs das Happy End hatte, das sich manche vielleicht gewünscht hätten. Der Gedanke kam ihm erst, als Leser und Leserinnen immer wieder fragten, wie es denn mit Felix weitergehe. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass auch mir die Figuren immer noch im Kopf rumspuken.“ Außerdem dachte er, eine Fortsetzung wäre leichter zu schreiben wäre, als ein völlig neues Sujet anzufangen. „Doch da habe ich mich getäuscht“, sagt Mars: Je weiter er kam, desto größer wurde für ihn die Angst vor dem Erwartungsdruck seiner Leser.

Julian Mars verhandelt eine zentrale Frage queerer Identitätsfindung

Anmerken tut man diese Ängste dem Roman allerdings nicht. Ganz wunderbar leicht gelingt es Mars, eine zentrale Frage queerer Identitätsfindung zu verhandeln: Coming-out ist keine einmalige Sache, sondern ein fließender Prozess, der einen ein Leben lang begleitet. Was gebe ich selbst guten Freunden preis? Erwähne ich mein Schwul- oder Lesbischsein im Job? Identifiziere ich mich mit der queeren Community, will ich sie gar nach außen vertreten? Lesben und Schwule müssen sich diese Fragen immer wieder vorlegen, selbst wenn sie sich in ihrer sexuellen Identität prinzipiell akzeptiert fühlen.

Der Berliner Autor Julian Mars.
Der Berliner Autor Julian Mars.Foto: promo

Manchmal wird man da zum Aufklärer wider Willen, die Gesellschaft lässt einem keine andere Wahl. Felix wird das bewusst, als er für seinen Bildungsverein in eine Schule gehen muss und dort vor pubertierenden Jugendlichen über seine Homosexualität sprechen soll. Eine Horrorvorstellung für ihn, er schwört sich, das einmal und nie wieder zu machen. Doch weil ausgerechnet die Lehrerin die homophobste Person im Raum ist und nicht etwa witzelnde Schüler, fühlt er sich auf einmal herausgefordert.

Den Anstoß zum ersten Roman gab eine Plasberg-Talkshow

Mars, selber inzwischen 32, ist ziemlich nah dran am Leben seiner Figuren. Autobiographisch sei Felix‘ Geschichte aber keineswegs. Das hat er schon nach dem ersten Band betont. Den Anstoß gab damals eine Talkshow von Frank Plasberg, in der aus Mars‘ Sicht „unfassbar dumm“ über junge Homosexuelle und deren Leben gesprochen wurde. Eine Sache, die an ihm nagte und die geraderücken wollte.

Wird es noch einen dritten Band über Felix lange Such nach sich selbst geben? Das Ende – so viel sei verraten – legt eine Fortsetzung zumindest nahe. So ganz sicher ist sich Mars noch nicht: „Aber ich habe Blut geleckt. Von sich sagen zu können, eine Trilogie geschrieben zu haben, ist schließlich schon ganz schick.“

Julian Mars, Lass uns von hier verschwinden, Albino-Verlag, 18 Euro. Auch der lange vergriffene Debütroman von Julian Mars, Jetzt sind wir jung, ist jetzt wieder in einer Neuauflage im Handel erhältlich.

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