Petition an Wolfgang Schäuble : Bundestag soll erstmals homosexueller NS-Opfer gedenken

Der Bundestag soll erstmals auch der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus gedenken: Das fordert eine Petition an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

Holocaust-Gedenken am Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Mitte.
Holocaust-Gedenken am Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Mitte.Foto: Kai-Uwe Heinrich/Tsp

Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus soll der Bundestag im kommenden Jahr auch erstmals der homosexuellen Opfer der Nazis erinnern - das fordert eine Petition, die am heutigen Montag an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble überreicht wurde. "Wir bitten den Bundestagspräsidenten eindringlich, [...] 2019 erstmals auch an homosexuelle Männer (unter ihnen vor allem die KZ-Häftlinge mit dem Rosa Winkel), aber auch an lesbische Frauen und andere aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung Benachteiligte und Ausgegrenzte im Bundestag zu erinnern", heißt es in der Petition, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Initiiert hat die Petition der Historiker und Schriftsteller Lutz van Dijk. 84 Persönlichkeiten haben den Erstaufruf unterschrieben: Holocaust-Überlebende, Historikerinnen und Historiker, Kulturschaffende. Darunter sind Esther Bejarano, die Präsidentin des Auschwitz-Komitees, Stefanie Schüler-Springorum, die Direktorin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, ihr Vorgänger Wolfgang Benz, der Berliner Historiker und NS-Spezialist Michael Wildt sowie Detlef Garbe, der Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. "Wir müssen das Unrecht bewusst erkennen und öffentlich benennen - nur so ist das Lernen aus der Geschichte möglich, um ein gerechteres und friedliches Heute zu schaffen", erklärt Initiator Lutz van Dijk. Schweigen hingegen verlängere Unrecht.

Der Gedenktag ist der Tag der Befreiung von Auschwitz

Gedenktag für die NS-Opfer ist der 27. Januar - an jenem Tag im Jahr 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz. Seit 1996 gilt der Tag in Deutschland als offizieller Gedenktag, 2005 wurde er von der UNO weltweit zum "International Holocaust Remembrance Day" erklärt. Noch nie habe der Bundestag aber an jenem Tag dezidiert an sexuelle Minderheiten erinnert, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, heißt es.

2011 kam hingegen außer den jüdischen Opfern erstmals ein Vertreter der Roma und Sinti zu Wort, 2016 wurde an die Leiden der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter erinnert. 2017 sprachen im Bundestag zwei Angehörige von "Eutanasie"-Opfern, auch war der junge, mit einem Down-Syndrom lebende Schauspieler Sebastian Urbanski zu hören. Das "war nicht nur für die Betroffenen von großer Bedeutung, sondern auch für eine breite Öffentlichkeit", erinnert die Petition (hier der Wortlaut).

Esther Bejarano, Vorsitzende der Auschwitz-Komitees, die einst selbst den Holocaust überlebte, zögerte "keine Sekunde", als sie gefragt wurde, die Petition zu unterzeichnen, wie sie sagt: "Es waren die Nazis, die Menschen in unterschiedlich 'wertvolle' Kinder, Frauen und Männer klassifizierten." Das sei nirgendwo auf der Welt akzeptabel, nach der Befreiung 1945 habe man daher "Nie wieder!" gesagt. "Für unsere Kameraden mit dem Rosa Winkel galt das aber nicht: Sie wurden in den meisten Ländern, auch in Deutschland, weiterverfolgt." Das sei zwar endlich vorbei. "Aber ein aufrichtiges und umfassendes Erinnern fehlt noch immer und ist ebenso nötig."

"Für ein Europa, das Minderheiten achtet"

Für die polnische Historikerin und LGBT-Aktivistin Joanna Ostrowska ist die Unterzeichnung der Petition wichtig, damit Deutsche sehen, dass es auch in Polen Menschen gibt, die sich zu Europa gehörig fühlen: zu "einem Europa der Menschenrecht für alle, in dem auch Minderheiten geachtet werden".

In Polen gebe es bis heute kein Erinnern an homosexuelle Opfer der Nazi-Zeit, nicht einmal in Auschwitz. "Eine Gedenkstunde für die Männer mit den Rosa Winkel und andere wegen sexueller Orientierung Verfolgte im deutschen Parlament am Tag der Befreiung von Auschwitz würde auch Polen aufmerksam wahrgenommen", erklärt Ostrowska. Das würde nicht zuletzt auch die Anerkennung von homo- und transsexuellen Menschen in Polen stärken.

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