Wie das Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda" wirkt

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Queer auf Russisch : Ein anderes Zuhause
Alexandra Belopolsky
Ein Demoplakat von Quarteera beim Berliner CSD.
Ein Demoplakat von Quarteera beim Berliner CSD.Foto: dpa

"Es ist schwer zu sagen, in welchem Bevölkerungsteil Homophobie weiter verbreitet ist", sagt Sherstyuk. In seiner Arbeit traf er sowohl auf durchaus aufgeklärte ältere Menschen, als auch auf homophobe junge Leute - und umgekehrt. Sherstyuk arbeitet mit Quarteera seit 2011. Ein Jahr später wurde in Russland das Gesetz gegen "Homosexuelle Propaganda" verabschiedet. "Was viele Menschen außerhalb Russland nicht verstehen: Das Gesetz an sich stellt kein großes juristisches Problem dar", sagt Sherstyuk. "Es ist sehr vage formuliert, es wurde kaum jemand angeklagt. Das Problem liegt vielmehr in der Symbolkraft dieses Gesetzes." Vor 2012 seien Lesben, Schwule und Trans-Menschen kein großes Thema gewesen, die meisten verhielten sich ihnen gegenüber neutral. Das Gesetz habe aber die Gesellschaft polarisiert. Viele dächten: Wenn Homosexualität nun verboten ist, muss es etwas Schlimmes sein. Dadurch seien sie homophober geworden. Andere wiederum, denen die Regierung von vornherein suspekt erschien - vor allem die Intellektuellen - haben sich mit der queeren Seite solidarisiert. "Das Gesetz, und die homophobe Propaganda der staatlichen Fernsehkanäle, bedeuteten für einige Teile der Gesellschaft: Wenn der Staat so stark gegen diesen Menschen vorgeht, machen sie bestimmt etwas richtig", sagt Sherstyuk. Dieser Effekt habe auch die russischsprachige Community in Deutschland erreicht.

Quarteera organisiert Workshops und Filmvorführungen

Die Aktivisten von Quarteera gehen auf Straßenfeste, verteilen Broschüren auf Russisch, versuchen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ab und zu werden sie eingeladen, Workshops bei Austauschprogrammen mit russischen Jugendlichen zu leiten - zuletzt war es eine Schülergruppe aus Baschkorostan und Tatarstan. Zu besonderen Anlässen organisieren sie Vorführungen von Filmen zu LGBT-Themen mit anschließender Diskussion. Die Herausforderung sei, zu verstehen, was die Menschen wirklich denken, sagt Shersyuk. „Oft sagen die Leute ,Jaja, wir müssen tolerant sein', aber in Wahrheit sind sie sehr negativ eingestellt“, sagt er. „Mit solchen Menschen muss man das Einzelgespräch suchen.“

Im Oktober will Quarteera mehrere Informationszelte in Berlin einrichten, an Orten wo sich viele russischsprechende Menschen befinden - wie, zum Beispiel, in Marzahn, oder am S-Bahnhof Charlottenburg, wo sich das in ganz Berlin bekannte Lokal "Rossiya" befindet. Gerade versuchen sie mit anderen Organisationen in Kontakt zu treten. „Nicht alle russische Organisationen kennen uns oder wollen mit uns zusammen arbeiten“, sagt Sherstyuk.

Alle Quarteeranten sind Freiwillige, sie engagieren sich in ihrer Freizeit. Sherstyuk selber steht am Ende seines Masterstudiums in osteuropäischer Geschichte. Gerade treibt ihn die schwierige Lage von queeren Kindern und Jugendlichen in Russland an. Auch seine eigene Geschichte spielt bei seinem Engagement eine Rolle: Als er 2001 mit 14 Jahren nach Deutschland kam, war er der einzige Ausländer in einer Klasse, wo Ausländer nicht willkommen waren. Als er die Schule wechselte und andere russischsprachige Klassenkameraden kennenlernte, hatte er zum ersten Mal Freunde. "Ich würde nicht sagen, dass sie homophob waren, aber sie machten oft homophobe Witze, und waren Schwulen gegenüber negativ eingestellt", erzählt er. Er ließ das über sich ergehen, obwohl ihm seine sexuellen Orientierung bereits bewusst war. "Zu der Zeit war mir die Meinung meiner Freunde wichtiger als meine eigene."

Als er Jahre später, bereits offen lebend, bei Quarteera anfing, wurde ihm klar: Wenn es eine solche Organisation damals gegeben hätte, wäre ihm wahrscheinlich viel Schmerz erspart geblieben. Nun setzt er sich für Jugendliche ein, die jetzt in einer ähnlichen Situation stecken, wie er damals. "Ich arbeite dafür, dass andere Kinder und Jugendliche - und eigentlich auch Erwachsene - nicht die Schwierigkeiten erleben müssen, die ich hatte ."

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