Sprachliche Sensibilität in der Berufswelt : Mehr als Netiquette

Weg mit dem Z...schnitzel: Sensible Sprache ist gut für die Unternehmenskultur und kann sich auszahlen. Das gilt auch für den Umgang mit Geschlechtsidentitäten.

Sensible Sprache kann ungewohnt sein. Doch sie kann das Miteinander im Betrieb erleichtern.
Sensible Sprache kann ungewohnt sein. Doch sie kann das Miteinander im Betrieb erleichtern.Foto: Rawpixel/Getty Images/iStockphoto

In der Kantine steht das Z… schnitzel auf dem Speiseplan, zum Nachtisch gibt es N…küsse: Vielleicht wird die Köchin auf kritische Nachfragen erklären, dass das schon immer so geheißen hat, dass sie es ja gar nicht böse meint und dass sie sich vor allem nicht vorschreiben lässt, wie sie ihre Gerichte zu nennen hat. Die Debatte wäre damit beendet. Oder sollte die Köchin noch einmal drüber nachdenken?

„Es bleibt natürlich die eigene Entscheidung, wie gesprochen wird“, sagt Hans Jablonski, Chef des Beratungsunternehmens jbd Business Diversity: „Man kann sich aber auch fragen: Muss ich das sagen?“ Zum Umgang im Betrieb kann es eben auch gehören, andere Gruppen nicht mit Bezeichnungen zu belegen, die sie selbst aus guten Gründen für sich ablehnen. Dabei geht es um weit mehr als um „Netiquette“, wie Jablonski sagt: „Das ist eine Frage der Wertschätzung. Sprache macht ja was mit uns.“

Wie fühlen sich ältere Mitarbeitende gewertschätzt?

Wer wird genannt und wer nicht? Und wie wird über jemanden gesprochen? In der inneren Kommunikation eines Unternehmens kann Sprache die Motivation der Angestellten beeinflussen. Jablonski erinnert sich an einen Geschäftsführer, der bei einer Betriebsversammlung erklärte: „Wir erwarten bei uns einen Silbertsunami.“ Gemeint war der steigende Anteil Älterer in der Belegschaft. Diese werden ihre Kompetenz und ihre Erfahrung kaum gewürdigt wissen, wenn sie als verheerender Tsunami gesehen werden.

Sprachliche Sensibilität ist gefordert. Das kann bedeuten, dass Betriebe, in denen alle geduzt werden, dies mit Blick (besonders) auf den älteren Teil der Belegschaft selbstkritisch reflektieren, sagt Jablonski. Und so, wie unübersetzte Begriffe aus der „Hipwelt“ der Jüngeren Ältere ausschließen könnten, liefen Ältere Gefahr, Jüngere auszugrenzen, wenn sie miteinander im Insiderjargon sprechen. Mitarbeitenden mit bestimmten Behinderungen oder solchen, die nicht gut Deutsch sprechen, können Mitteilungen in leichter Sprache helfen.

Wann man sich nicht wundern darf, unter #metoo erwähnt zu werden

Sprachlich unsensibel verhält sich hingegen, wer eine Kollegin oder einen Kollegen nach ihrer oder seiner Herkunft fragt – nur weil sie oder er dunkle Haut hat. Und Männer, die eine Kollegin als „Maus“ ansprechen, müssen sich nicht wundern, wenn sie unter dem Hashtag Metoo erwähnt werden.

Eine für Sprache sensible Unternehmenskultur verhindert nicht nur schlechte Stimmung im Team. Der Betrieb darf auch hoffen, seine Fachkräfte aus einem breiteren Kreis rekrutieren zu können. Und gelingt es, die Kundschaft möglichst genau zu adressieren, kann dadurch der Umsatz steigen. „Die frühere Zielkundin aus dem Marketing – die dreißigjährige Frau Müller – gibt es nicht mehr“, sagt Jablonski. „Die Individualisierung der Gesellschaft schreitet voran.“ In Zeiten der Digitalisierung erfahren Unternehmen viel über ihre Kundschaft und können ihre Ansprache daran ausrichten.

Geschlechtsidentitäten: Vielen fällt es schwer, den Überblick zu behalten

Was darf gesagt werden, was nicht? „Vielfalt schafft Komplexität. Das führt zu Verwirrung und Verunsicherung“, sagt Jablonski. Wenn es um Geschlechtsidentitäten geht, scheint das besonders der Fall zu sein. Vielen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Menschen machen von sich reden, die mit ihrem zugewiesenen Geschlecht als Frau oder als Mann nicht einverstanden sind, weil sie sich trotz angeborener physischer Merkmale mit dem jeweils anderen Geschlecht identifizieren. Nicht-binäre, genderqueere oder genderfluide Menschen führen ein Leben zwischen den binären Schubladen. Wieder andere wünschen sich, gar nicht mit einem Etikett versehen zu werden und weisen alle Geschlechterrollen zurück, sie wollen „entgendert“ leben.

Wie man mit solchen Menschen umgeht, ist wiederum eine Frage der Wertschätzung. Erklärt etwa jemand eines Tages im Büro: „Ich bin jetzt nicht mehr Michael Schulz, sondern Michaela Schulz“, versteht es sich von selbst, diesen Menschen fortan als Michaela, respektive als Frau Schulz anzusprechen. Grenzüberschreitende Fragen („Sind Sie schon operiert?“) verbieten sich. Etwas anderes ist es, höfliches Interesse zu zeigen. Dann hat Michaela Schulz die Chance zu entscheiden, wem sie was erzählen möchte.

Wie redet man genderfluide Personen an

Im Arbeitsumfeld kann es vorkommen, dass jemand darum bittet, weder mit „Frau“ noch mit „Herr“ angesprochen zu werden, sondern nur mit dem Namen, etwa Chris Müller. Die Anrede für eine solche genderfluide oder entgenderte Person in einer Mail könnte dann lauten: „Sehr geehrt* Chris Müller“ oder „Lieb* Chris Müller“. Im Englischen gibt es als geschlechtsneutrale Variante neben Mr, Mrs und Ms neuerdings auch Mx, das bereits ins Oxford English Dictionary aufgenommen wurde

Schwieriger ist es, über einen solchen nicht-binären Menschen zu sprechen. Die Pronomen „er“ oder „sie“ scheiden aus, „es“ wäre eine Beleidigung. Im Englischen hat sich für diesen Fall bereits das geschlechtsneutrale „they“ verbreitet: „Chris bought a new bike. They paid a lot for it.“ Schweden hat vor ein paar Jahren das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“ in seine offizielle Wortliste aufgenommen.

"Sprache muss Realität abbilden"

Weil sich Vorschläge für neue Pronomen im Deutschen noch nicht durchsetzen konnten, wünschen sich manche nicht-binäre Menschen das schwedische „hen“ oder das englische „they“ als Pronomen: „Da kommt Chris. They sieht gestresst aus.“ Wird ein bestimmtes Pronomen nicht gewünscht, ist es in jedem Fall richtig, statt des Pronomens den Namen zu sagen: „Da kommt Chris. Chris sieht gestresst aus.“ So zu sprechen ist ungewohnt und wirkt darum komisch. Übung hilft. Verwendet man versehentlich doch wieder „er“ oder „sie“, kann man sich kurz entschuldigen.

„Sprache muss die Realität abbilden“, sagt Jablonski. „Aber wegen der herrschenden Komplexität kann das schwierig sein.“ Manches werde sich erst noch entwickeln. Es könne allerdings die eigene Einstellung sein, so zu sprechen, dass alle sich richtig angesprochen fühlen. Er habe in Unternehmen schon „Hardliner“ erlebt, die sich zuerst über die Tyrannei der vermeintlichen Sprachpolizei aufgeregt haben. Nach einigem Nachdenken hätten sie ihre Einstellung aber geändert.

Mehr zum Thema

Der Queerspiegel-Newsletter des Tagesspiegel - hier geht es zur Anmeldung.+ + + Dieser Text ist in der gedruckten Zeitung in der Diversity-Beilage anlässlich der Diversity-Konferenz von Tagesspiegel und Charta der Vielfalt erschienen.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

27 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben