Trans-Künstlerin Roey Victoria Heifetz : Herausfinden, was Frausein bedeutet

Roey Victoria Heifetz ist Künstlerin und Transgender-Frau. Erst in Berlin wird ihre expressive Malerei richtig anerkannt. Nun nimmt sie an der Ausstellung zum Marianne-Werefkin-Preis teil.

Pionierin. Heifetz studierte in Jerusalem und Boston. Erst in Berlin wagt sie es, in Frauenkleidern auf die Straße zu gehen.
Pionierin. Heifetz studierte in Jerusalem und Boston. Erst in Berlin wagt sie es, in Frauenkleidern auf die Straße zu gehen.Foto: Thilo Rückeis

Sie haben Turmfrisuren oder voluminöse Dutts, dazu jede Menge Falten und eingefallene Wangen. Ihre Arme und Beine scheinen nur aus Fleisch und Muskeln zu bestehen, als hätte ihnen die Künstlerin die Haut wegschraffiert. Roey Victoria Heifetz bringt ihre Charaktere mit Bleistift und Tusche aufs Papier, überlebensgroß. Meist sind es ältere Damen jenseits der 50 mit strengem Blick. Wer einmal ein Werk gesehen hat, vergisst es nicht mehr.

„Autoritäten“ hat Heifetz diese Figuren genannt, als sie sie 2013 während eines Stipendiums im Künstlerhaus Bethanien in Berlin zeigte. Zu dieser Zeit identifizierte sich Heifetz noch als Mann. Nun wurde sie als erste Transgender-Frau für den Marianne-Werefkin-Preis nominiert, der seit 1990 ausschließlich Frauen ehrt. Die neun Auserwählten samt der Gewinnerin, der Bildhauerin Stella Hamberg, stellen derzeit gemeinsam in der Kommunalen Galerie in Charlottenburg aus. Auch wenn Heifetz nicht gewonnen hat: Da sie nicht in die tradierte Geschlechterordnung passt, verändert sich auch die Perspektive auf den Preis und das Frausein. Angenommen, Geschlechterkategorien werden durchlässiger, wie verändern sich dann die Chancen der Frauen?

Auf dem Gelände des ehemaligen Funkhauses in Oberschöneweide weht ein eiskalter Wind. Die Künstlerin kommt im roten Mantel und flachen Ballerinas den zugigen Weg zur „Milchbar“ entlang. Die Lippen sind akkurat geschminkt, die Wangen mit Make-up bedeckt. „Ich bin sehr glücklich über die Nominierung“, sagt sie. „Ich sehe es als Zeichen der Anerkennung als Malerin – und als Frau.“ In ihren Bildern verhandle sie Fragen zum Körper, zu Schönheitsidealen, zum Tod, aber natürlich stecke auch ihre persönliche Geschichte darin. Ihr Wandel vom Mann zur Frau sei ein Prozess, ohne richtigen Anfang, und vermutlich ohne Ende. Es sei ein ständiges Werden, so Heifetz.

Als Frau verlor Heifetz sofort an Status in der Kunstwelt

Normalerweise geht die Geschichte so: „Ein Mensch ist im falschen Körper geboren, das wird repariert, dann ist alles gut“, sagt Heifetz. Selbst in der Trans-Community sei dies eine gängige Erklärung. „Aber es gibt viel mehr Varianten dieser Geschichte“, so Heifetz. Sie selbst fühle sich als Mann und als Frau. Heifetz studierte Kunst in Jerusalem und in Boston. Ihre expressive Malerei wird allerdings erst in Berlin richtig anerkannt, hier fängt sie auch an, sich mit ihrer weiblichen Seite zu beschäftigen. In Berlin wagt sie es, mit Frauenkleidern auf die Straße zu gehen. In Israel konnte sie das nicht. Sie brauchte das Gefühl, fremd zu sein.

2013 startet Heifetz das „Confessions“-Projekt. Sie sammelt Geschichten von Menschen, die etwas bedauern. Sie trifft sich mit Fremden, hört zu, zeichnet. Neue Figuren entstehen. Einige zeigt sie 2014 in der Sankt-Johannes-Evangelist-Kirche in Mitte, in einer Schau, die der britische Kunsthistoriker Mark Gisbourne kuratiert hat. Auf riesige Papierrollen gemalt hingen Heifetz’ Charaktere im Kirchenraum, im Kreis ihrer Figuren fanden weitere „Beichtgespräche“ mit Besuchern statt. Eine Begegnung ist von besonderer Bedeutung. Sie trifft eine Frau, die ihr erzählt, dass sie einige Tage nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation, die sie in den 80er Jahren durchführen ließ, Bedauern verspürte.

Es ist weniger dieses Geständnis als die Vorstellung, vor dem Spiegel zu stehen und das Gefühl zu haben, dass das Innere mit dem Äußeren nicht zusammenpasst, das bei Heifetz viel auslöst. Je mehr sie vom Künstler zur Künstlerin wird, desto mehr wird ihr klar: Es ist ein Privileg, ein schwuler weißer Mann in der Kunstwelt zu sein. „Als Frau verlor ich sofort an Status. Als Transgender-Frau noch mal mehr“, sagt Heifetz.

Lernen, das Idealbild loszulassen

Um Frauen den Zugang zur Kunstwelt zu ermöglichen, gründete sich 1867 der „Verein der Berliner Künstlerinnen“. Damals waren Frauen weder zu Kunstakademien zugelassen noch durften sie ohne männlichen Beistand Vereine gründen. Mehr als hundert Jahre später rief der Verein den Marianne-Werefkin-Preis ins Leben. Gezielte Unterstützung von Frauen für Frauen ist im Kunstbetrieb immer noch essenziell, um die strukturelle Benachteiligung der Frauen nach und nach aufzulösen. Es war der Berliner Kunsthistoriker Marc Wellmann, Direktor im Haus am Lützowplatz, der Heifetz für den Frauen-Preis vorschlug.

„Ich kenne Heifetz’ Zeichnungen schon länger und finde sie sehr stark. Ich wusste vom Wandel der Künstlerin und fand, es war die richtige Gelegenheit, sie ins Spiel zu bringen“, sagt Wellmann. Auch hofft er, dass die Transgender-Thematik sowohl dem emanzipatorischen Selbstverständnis des Preises als auch der Wahrnehmung der Kunst neue Seiten abgewinnt. Heifetz’ Nominierung könnte dazu inspirieren, Kunst von Frauen im Kontext des Weiblichen zu lesen und gleichzeitig ganz unabhängig davon – das schwierige Sowohl-als-auch.

Heifetz erzählt, dass es oft ein männlicher Blick ist, den sie auf sich und ihren Körper richtet. Sie liebt Schminke und schöne Kleider, sie ist ein Fan von starken Frauen, von Diven. Als sie selbst mehr in die Frauenwelt eintaucht, ist sie enttäuscht. Sie muss lernen, ihr Idealbild loszulassen – auch von sich selbst. Plötzlich bekommt sie Angst vor dem Alter, vor der Unsichtbarkeit, von der viele Frauen über 50 berichten. Heifetz ist Ende 30, als Frau allerdings wie ein Teenager, der im Schnelldurchlauf herausfinden muss, was das Frausein bedeutet, was gesellschaftliche Zuschreibungen sind und was der eigene Kern. Sie legt diese Fragen in ihre Zeichnungen.

Heifetz möchte über ihre persönliche Geschichte hinaus

In ihrem Atelier im Funkhaus hängen unfertige Skizzen an der Wand. Eine zeigt ein herbes Gesicht, zu dem ein knolliger Haarkranz bereits angelegt ist. Was daraus entsteht, weiß Heifetz in diesem Stadium noch nicht. Aber je mehr sie sich mit Bleistift und Kohle akribisch durch die weiblichen Körper arbeitet, desto mehr wird sie selbst zur Frau. Sie entwickelt durch die Kunst einen eigenen, emanzipierteren Blick auf sich selbst.

Das nächste Projekt, das bei Heifetz auf dem Plan steht, sind Interviews mit Transgender-Frauen aus Berlin, Los Angeles und Tel Aviv. Eine Videoarbeit soll entstehen. Heifetz möchte über ihre persönliche Geschichte hinaus. Geschlechteridentitäten im 21. Jahrhundert sind fließend. Und damit hoffentlich auch die zugehörigen, tradierten Ordnungen und Machthierarchien. Auch wenn sie vielleicht nie perfekt sind, dann doch gestaltbar.

Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, bis 25.3., Di–Fr 10–17 Uhr, Mi 10–19 Uhr, So 11–17 Uhr. Am 28.2., 18 Uhr, Rundgang mit den Künstlerinnen.

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