Das glückliche Leben nach der Geschlechtsangleichung

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Transidentität : Der lange Weg zum Mann
Martin Waitz
Ich bin wie ich bin. Die meisten transidenten Menschen führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als vorher.
Ich bin wie ich bin. Die meisten transidenten Menschen führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als...Foto: dpa

In der Zwischenzeit hatte Paul Vorgespräche in Kliniken geführt und sich dort über die geschlechtsangleichenden Operationen, kurz GAOP, informiert. In dem Transmann-Forum hatte er sich OP-Erfahrungen und OP-Ergebnisse anderer Transmänner angeschaut und anhand dessen zwei Kliniken ausgewählt. Die eine war eine für GAOP renommierte Privatklinik in Potsdam, die andere eine Klinik in München, in der ebenfalls seit vielen Jahren zahlreiche geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt wurden.

Das Besondere war, dass diese Kliniken einen Penoidaufbau (Phalloplastik) anboten, das bedeutet, dass die Ärzte aus Körpergewebe einen neuen Penis formten. Der Penoidaufbau ist einer der kompliziertesten Eingriffe mit vielen Komplikationen, und nur wenige Ärzte weltweit beherrschen ihn wirklich gut. In Potsdam und München, sowie einer Handvoll anderer deutscher Kliniken, zum Beispiel in Frankfurt und Berlin, wird die Phalloplastik überhaupt durchgeführt. Zwar bieten inzwischen immer mehr Krankenhäuser Penoid-Rekonstruktionen an, aber die Ergebnisse unterscheiden sich hinsichtlich Optik, Funktionalität und Komplikationsraten fundamental. Sicherlich wird sich hier in den nächsten Jahren einiges tun.

Eine OP oder mehrere OPs?

Nach den Vorgesprächen war Paul von beiden Kliniken sehr angetan. Es gab allerdings wesentliche Unterschiede: In Potsdam hätte er die operative Geschlechtsangleichung komplett in einem Schritt vornehmen lassen können, also die Entfernung von Brüsten, Eierstöcken und Gebärmutter sowie den Aufbau des Penis in einer einzigen, rund elfstündigen Operation.

Doch es handelte sich um eine Privatklinik und Paul war Kassenpatient. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die GAOP in Potsdam nur in Ausnahmefällen oder anteilig, und als Selbstzahler für die höheren fünfstelligen Klinikkosten schied Paul aus. Paul bedauerte dies, weil viele Transmänner Potsdam für die beste Klinik hielten.

Demo für mehr Respekt für Transmenschen in Berlin.
Demo für mehr Respekt für Transmenschen in Berlin.Foto: Imago

Aber auch München hatte einen sehr guten Ruf. Hier wird die GAOP von Frau-zu-Mann-Transsexuellen allerdings in mehreren Einzeloperationen durchgeführt. Zunächst werden Eierstöcke und Gebärmutter entfernt, und die Harnröhre in die um ein paar Zentimeter verlängerte Klitoris verlagert. Mediziner nennen dies Metaidoioplastik oder Klitorispenoid, Transmänner kurz Klitpen oder den „kleinen Aufbau“.

Erst in einem nächsten Schritt wird das Penoid aus Gewebe des Unterarms – einschließlich Nerven, Arterien, Venen und Lymphgefäßen – geformt. Es lässt sich optisch (bei gelungenen Ergebnissen) kaum von einem „angeborenen“ Penis unterscheiden.

In der Fachsprache heißt diese Methode „Vorderarmlappenplastik“. Sie gilt inzwischen als Standard beim Penoidaufbau, wenngleich hierzulande und auch weltweit andere Methoden, zum Beispiel Aufbauten aus dem Bein, dem Rücken oder anderen Körperbereichen, angeboten werden. Vervollständigt wird der Penis durch eine Eichel (Glans) sowie Silikonhoden und – hierfür ist allerdings auch in Potsdam ein zweiter Eingriff nötig – eine Erektionsprothese, auch schlicht „Pumpe“ genannt.

Die Transformations-OP von Transfrauen ist einfacher

Die Transformationsoperation von Transfrauen ist in Bezug auf die Rekonstruktion der Geschlechtsorgane einfacher und mehr Ärzte haben hier Routine. Dennoch ist es ratsam, die Klinik sorgfältig auszuwählen, Vorgespräche mit den Ärzten zu führen, OP-Bilder zu vergleichen und sich Erfahrungsberichte einzuholen.

Die GAOP Mann-zu-Frau wird in vielen Kliniken angeboten und erfolgt meist in mindestens zwei Operationsschritten, kann aber auch in einem einzigen Eingriff vorgenommen werden. Bei dieser GAOP entfernen die Chirurgen die großen Schwellkörper des Penis, verkürzen die Harnröhre, rekonstruieren die Scheide, die Klitoris, die Schamlippen (aus dem Hodensack) und den Schamhügel, sodass eine Vagina entsteht. Außerdem kann ein Brustaufbau erfolgen. Immer mehr Transfrauen entscheiden sich für weitere plastische Operationen zur Verweiblichung, die sie aber in der Regel selbst bezahlen müssen, wie Gesichtsoperationen oder eine Verkleinerung des Schildknorpels.

Paul entschied sich für eine OP in München

Paul entschied nach langer Überlegung, die Operationen in München vornehmen zu lassen, auch wenn hier die Wartezeiten bis zu zwei Jahre betrugen. Da die Kostenübernahme vorher bei der Krankenkasse geklärt werden muss, stellte Paul dort einen Antrag und fügte eine weitere schriftliche Stellungnahme seines Psychotherapeuten bei, der die Operation befürwortete.

Damit die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) ihre „Leistungspflicht anerkennen“, bedarf es wiederum einiger Voraussetzungen, die in der Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes „Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität“ verschriftlicht sind. Hier wird unter anderem gefordert, dass die Psychotherapie seit mindestens 18 Monaten erfolgt, dass die Person den Alltagstest seit mindestens 18 Monaten absolviert (also das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle kontinuierlich erprobt hat), und dass die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung seit mindestens 6 Monaten durchgeführt wird.

Die Frage des Gutachters: Wofür brauchen Sie einen Penis?

Paul hatte so viele Geschichten von anderen Transidenten gehört, deren Krankenkassen die Anträge kategorisch ablehnten oder immer wieder neue Gutachten einforderten, dass er schon gar nicht mehr damit rechnete, eine schnelle Zusage zu erhalten. Nach wenigen Wochen meldete sich ein Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) und stellte Paul einige Fragen zu seiner Geschlechtsidentität, unter anderem wofür er denn einen Penis bräuchte. Paul war etwas vor den Kopf gestoßen und kurz davor, den MDK-Gutachter dasselbe zu fragen, unterdrückte es aber.

Er hatte unzählige, aus seiner Sicht „noch viel schlimmere“ Berichte vor allem von Transfrauen in Foren gelesen, die sich von Gutachtern erniedrigt und sogar sexuell belästigt fühlten. Zwar verhielt sich demnach die Mehrheit der Gutachter professionell, empathisch und wohlwollend, aber es gab erschreckende Schilderungen, in denen sich beispielsweise die Transfrauen bei der Begutachtung nackt ausziehen und sexuelle Stellungen nachspielen mussten.

Ob diese Vorwürfe tatsächlich stimmen, lässt sich nicht beweisen. Fest steht aber, dass keine der Frauen oder Männer den Mut aufbrachte, ihren Peiniger anzuzeigen. Aus Scham und aus Angst, das Gutachten nicht zu bekommen, und weil die Aussage eines Transsexuellen gegen die Aussage eines renommierten Experten stünde.

Endlich von der weiblichen Brust befreit

Pauls Antrag wurde stattgegeben, und er ließ zunächst eine Brustentfernung, medizinisch Mastektomie, in einer Klinik bei Hamburg vornehmen. Der dortige Arzt war ihm empfohlen worden, und Paul war sehr zufrieden mit dem Ergebnis und vor allem, endlich von seinen weiblichen Brüsten befreit zu sein und nun eine männliche Brust zu haben.

Wenige Wochen später erhielt er einen Anruf aus München und es folgten innerhalb der kommenden zweieinhalb Jahre vier geschlechtsangleichende Operationen: die Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) und Eierstockentfernung (Ovarektomie, Adnektomie) mit Bildung des Klitorispenoids, die Phalloplastik, also die Rekonstruktion eines Penis aus Gewebe des Unterarms, die Bildung der Eichel am Penoid (Glansplastik), sowie die Implantation einer Erektionsprothese und eines Silikonhodens. Damit war seine operative Geschlechtsangleichung abgeschlossen.

Ängste vor Komplikationen

Bis auf eine Fistel, die von alleine verheilte, war Paul von Komplikationen verschont geblieben. Fisteln sind rohrförmige Verbindungen zwischen der Harnröhre und der Haut, durch die Urin nach außen fließen kann. Sie treten, ebenso wie Stenosen (Engstellen in der Harnröhre, was zu Harnverhalt und Harnstau führen kann), sehr häufig bei den Phalloplastiken auf und erfordern in einigen Fällen Korrektur-OPs.

Die gefürchtetste Komplikation ist der Komplettverlust des Penoids kurz nach der Operation, was bei erfahrenen Ärzten selten, bei anderen durchaus öfter vorkommt. Ängste vor Komplikationen, vor unbefriedigenden optischen Ergebnissen sowie vor Gefühlseinbußen im Genitalbereich schrecken viele Transmänner von einem Penoidaufbau ab. Dennoch steigt die Zahl der Phalloplastik-Operationen von Jahr zu Jahr, und tendenziell steigt mit zunehmender Erfahrung der Ärzte sowie mit dem medizinischen Fortschritt auch deren Qualität, wenngleich es hierzu noch zu wenige aussagekräftige Untersuchungen gibt.

Endlich: Die körperliche Männlichkeit genießen

Die Wartezeiten zwischen den Operationen empfand Paul als unglaublich belastend, und auch die Eingriffe selbst, vor allem der Penoidaufbau, nahmen ihn seelisch und körperlich sehr mit. Umso glücklicher war Paul, als er alles überstanden hatte und seine körperliche Männlichkeit in vollen Zügen genießen konnte. Paul war auch sehr froh, dass er noch sexuelle Erregbarkeit verspürte und einen Orgasmus bekommen konnte. Pauls Arzt hatte ihm vor der OP zugesichert, dass die gefühlssensible Klitoris an der Penoidbasis belassen würde. Außerdem wäre nach einigen Wochen bis Monaten auch im Penis selbst Gefühl vorhanden.

Der Begriff "transsexuell" unterstellt ein falsches Bild

Beides hatte sich glücklicherweise bestätigt. Paul hatte aber von anderen Transmännern gehört, deren Klitoris entfernt wurde, weil dies einfacher zu operieren sei. Paul war ohnehin überrascht, wie gutgläubig und widerstandslos sich manche Transidente unters Messer legten, ohne genau zu wissen, was mit ihnen passiert. Und einigen schien es fast egal zu sein, ob sie danach einen Orgasmus bekommen oder Sex haben konnten.

Überhaupt war Paul überrascht, wie wenig sexuelle Erfahrungen viele Transmenschen hatten. Viele hatten noch nie Sex, und für die anderen war der Sex im „alten“ Geschlecht meist quälend oder unbefriedigend. Nur wenige berichteten von erfülltem Geschlechtsverkehr vor ihrer Geschlechtsangleichung. Der Begriff „transsexuell“ hingegen unterstellt ein, offenbar völlig falsches, Bild von einem besonders sexuellen Verhalten.

Bei jedem Transmenschen ist es anders

Paul hatte insgesamt fünf geschlechtsangleichende Operationen, andere Transmänner nur zwei GAOPs, wiederum andere berichteten von über zwanzig Eingriffen, weil Komplikationen immer wieder korrigiert werden mussten. Viele Transmänner verzichteten auf den Penoidaufbau oder sie beließen es beim „kleinen Aufbau“. Wiederum andere ließen sich nur die Brüste entfernen.

Auch kannte Paul Transidente, die nur Hormone einnahmen und jegliche Operation ablehnten. Und es gibt auch Transmenschen, die gar keine medizinischen Maßnahmen in Anspruch nehmen, also weder Hormone einnehmen noch sich operieren lassen. Gemäß des aktuellen Transsexuellengesetzes können Menschen, die sich ihre Keimdrüsen – also Eierstöcke oder Hoden – nicht haben entfernen lassen, ihre Geschlechtszugehörigkeit nicht ändern.

Voraussetzung zur Änderung der Geschlechtszugehörigkeit ist nämlich die nachgewiesene Fortpflanzungsunfähigkeit und die erfolgte operative Geschlechtsangleichung – also letztlich die Kastration der Person. Dies stufte das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 11. Januar 2011 allerdings als Verstoß gegen das Grundgesetz und somit als verfassungswidrig ein. Die Bundesverfassungsrichter entschieden, dass die Unantastbarkeit der Würde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit eines Menschen höherwertiger einzustufen ist als die Einteilung der Bürger in „männlich“ oder „weiblich“.

Heute: Unbeschreiblich stolz

Wenn man Paul heute fragt, wie es ihm geht, antwortet er, dass er ein zufriedener, ausgeglichener und in seinem männlichen Körper glücklicher und selbstbewusster Mensch ist. Er ist unbeschreiblich stolz auf seinen Körper und darauf, dass er die Geschlechtsangleichung gewagt und durchgezogen hat. Als großes Glück empfindet er, dass die Menschen in seinem Umfeld seine Transidentität ernst nahmen, dass sie hinter ihm standen, ihn immer als Person liebten. Dass sie ihn nicht für krank, verrückt oder gar pervers erklärten. Und dass er trotz einiger Hürden an gute und erfahrene Ärzte und Therapeuten geraten ist. Während seiner Transition hat Paul unglaublich viele Erfahrungen gemacht – gute wie schlechte, andere Sichtweisen bekommen und neue Menschen kennengelernt, die sein Leben bereicherten.

Pauls Geschichte ist eine von vielen transidenten Biografien, und für Paul ist sie trotz vieler Ängste, Schmerzen und Narben eine Erfolgsgeschichte. Das ist bei weitem nicht selbstverständlich. Depressionen, soziale Isolation, selbstverletzendes Verhalten und Suizide sind bei transidenten Menschen häufig. Außerdem werden viele Transidente Opfer von gesellschaftlicher Ausgrenzung sowie von seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt. Weltweit wird über Ermordungen transidenter Menschen berichtet.

Transidentität ist nach wie vor ein mit vielen Vorurteilen, Unwissen und Klischees behaftetes Thema, das extrem polarisiert. Transidente, die in einem konservativeren Umfeld aufwachsen als Paul, haben es deutlich schwerer. Zum Beispiel Transmenschen, die von ihren Eltern und ihrer Familie oder von einem politischen System zu einem geschlechts- und rollenkonformen Leben erzogen werden und sich genötigt sehen, ihnen und der Gesellschaft zuliebe dieses – und nicht ihr eigenes – Leben zu leben.

Viele Transidente brechen erst spät aus ihrem alten Leben aus

Viele Transidente wagen es erst in fortgeschrittenem Alter, aus ihrem alten Leben auszubrechen. Einige hinterlassen mit Mitte Fünfzig eine verstörte Familie mit Kindern, die alle nicht ahnten, dass „Papa“ immer schon eine Frau war, weil diese jahrzehntelang ihre Transidentität vor ihnen verheimlichte. Viele Beziehungen, Freundschaften und Familien zerbrechen, wenn jemand sich zur Transidentität bekennt. Viele Transidente verlieren ihren Job oder bekommen erst gar keinen. Auch ist nicht jeder mit dem Ergebnis seiner Geschlechtsangleichung zufrieden, weil Operationen misslungen sind oder weil die Vermännlichung bzw. Verweiblichung als unbefriedigend empfunden wird. Es gibt viele tragische, traurige Geschichten ohne Happy-end.

Aber es gibt auch viele Erfolgsgeschichten wie die von Paul. Und es gibt medial wirksame Vorbilder, die transident sind, die ihre Transidentität und ihre Transition öffentlich machten und die weiterhin ein erfolgreiches Leben führen. Laverne Cox, Balian Buschbaum, Renée Richards, Aydian Dowling, Marci Bowers, Chaz Bono oder jüngst Caitlyn Jenner, um nur einige zu nennen. Die meisten transidenten Menschen, die Paul kennt – und inzwischen kennt er mehrere Hundert – führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als vorher, und keiner von ihnen hat diesen Schritt bereut.

- Der Autor ist Arzt und Journalist und betreibt das Redaktionsbüro "medproduction" für Medizin und Gesundheit.

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