Die erste Testosteronspritze - wie eine Wiedergeburt

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Transidentität : Der lange Weg zum Mann
Martin Waitz

Ich bin wie ich bin. Die meisten transidenten Menschen führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als vorher.
Ich bin wie ich bin. Die meisten transidenten Menschen führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als...Foto: dpa

Von anderen Transmännern im Forum hatte Paul erfahren, dass man eine Psychotherapie machen muss. Darauf hatte er eigentlich keine Lust, aber er brauchte das Indikationsschreiben eines Psychotherapeuten, welches der Endokrinologe als Voraussetzung für den Start der Testosteron-Behandlung einforderte.

Tatsächlich ist es so, dass sich Ärzte und Krankenkassen an bestimmten Standards zur Feststellung, Begutachtung und Behandlung Transsexueller orientieren, in denen unter anderem die Dauer und Durchführung einer Psychotherapie, des Alltagstests, der gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung und der geschlechtsangleichenden Operationen geregelt ist, insbesondere die sogenannte „Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS)“.

Diese Richtlinien überlassen dem Therapeuten aber eine gewisse Flexibilität in der Begutachtung. So hatte Paul von einem anderen Transmann erfahren, dass dieser ein ganzes Jahr lang die gewünschte Geschlechterrolle im Alltagstest erproben musste, bevor sein Psychotherapeut ihm die Indikation zur Hormonbehandlung ausstellte. Paul hingegen erhielt bereits nach einem knappen halben Jahr die schriftliche Stellungnahme und somit das „Go“ seines Therapeuten für die Hormone.

Der Therapeut muss sich neutral verhalten

Die Richtlinien betonen, dass sich der Psychotherapeut neutral gegenüber dem Wunsch des Patienten nach einer Geschlechtsangleichung verhalten muss. Er soll dieses Bedürfnis weder forcieren noch ablehnen. Es ist deshalb wichtig, dass der Therapeut über die nötige Qualifikation und Erfahrung im Umgang mit Trans-Patienten verfügt. Immer wieder hört man aber von Fällen, in denen Therapeuten mit unprofessionellen oder unseriösen Methoden Transidentität „behandeln“.

So ging im vergangenen Jahr der Suizid der siebzehnjährigen Leelah Alcorn aus den USA durch die Medien, deren streng gläubige Eltern sie zum sogenannten Konversions- oder reparativen Behandlungsverfahren bei einem Psychotherapeuten zwangen, um ihre Transidentität zu „heilen“. Auch in Deutschland landen Transmenschen mitunter jahrelang auf der Couch von nicht mit Transidentität vertrauten Analytikern, die deren Transition verzögern.

Wertvolle Unterstützung

Eine wichtige Aufgabe des Psychotherapeuten ist, andere Gründe als Transidentität – Mediziner nennen dies Differenzialdiagnosen – auszuschließen. Dazu zählen teilweise oder vorübergehende Geschlechtsidentitätsstörungen, beispielsweise bei sogenannten Adoleszenzkrisen, oder eine akute Psychose, bei der die geschlechtliche Identität vorübergehend verkannt wird, sowie schwere Persönlichkeitsstörungen, die sich auf die geschlechtliche Identität auswirken.

Aus medizinischer Sicht erscheint es tatsächlich wichtig, diese Gründe auszuschließen, weil viele geschlechtsangleichenden Maßnahmen irreversibel – also nicht mehr rückgängig zu machen – sind. Eine gute Psychotherapie erfüllt ihr gestecktes Ziel, die Diagnose Transsexualismus – so sicher und effizient wie möglich – zu stellen, und den Betroffenen vorurteilsfrei bei seinem Weg zu begleiten. Die Psychotherapie kann deshalb eine wertvolle Unterstützung bei der Transition sein und sollte idealerweise weder als eine Hürde auf dem Weg zur Geschlechtsangleichung betrachtet werden, noch als notwendiges Übel für das Erlangen von Gutachten

Die lang ersehnte Hormonbehandlung

Mit dem Indikationsschreiben seines Psychotherapeuten konnte Paul die lang ersehnte gegengeschlechtliche Hormonbehandlung beginnen. Bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen wird das männliche Geschlechtshormon Testosteron lebenslang als Medikament zugeführt, zum Beispiel als Spritze in einen Muskel, als Gel oder als Pflaster auf die Haut. Biologische Männer produzieren Testosteron vorwiegend in den Hoden. Testosteron führt zu einer Vermännlichung (Virilisierung), die bei Transidenten, ähnlich wie in der Pubertät, über mehrere Jahre verläuft.

Bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen, also Transfrauen, besteht die Standardtherapie hingegen aus der Kombination eines Antiandrogens und eines Östrogens. Antiandrogene sind Medikamente, die die Wirkung der männlichen Sexualhormone hemmen, und Östrogene sind weibliche Geschlechtshormone, die bei biologischen Frauen hauptsächlich in den Eierstöcken gebildet werden. Ziel der Hormonbehandlung von Transfrauen ist die Verweiblichung (Feminisierung).

Nach ein paar Wochen die ersten Veränderungen

Vor der ersten Hormongabe führen die Ärzte einige Untersuchungen durch. Paul musste zum Frauenarzt, er ließ sich Blut abnehmen und es wurde sogar sein Erbgut untersucht, was bestätigte, dass er den „klassischen weiblichen“ Chromosomensatz XX besitzt und er somit für die Mediziner ein „echter Frau-zu-Mann-Transsexueller“ und nicht etwa ein intersexueller Mensch ist.

Nicht jeder Arzt führt alle diese Untersuchungen durch, es gibt bislang keine verbindliche Leitlinie für die ärztliche Diagnostik. Die erste Testosteron-Spritze war für Paul wie eine Wiedergeburt, ein unbeschreibliches Gefühl, den lang ersehnten Traum wirklich zu leben. Ein paar Wochen nach dem Beginn der Hormonbehandlung bemerkte er die ersten Veränderungen, er fühlte sich kräftiger, der Bart begann zu sprießen, Haare an den Beinen und am Bauch zu wachsen, und er kam wie ein Vierzehnjähriger in den Stimmbruch. Dass Testosteron die Libido steigert, konnte Paul ebenfalls deutlich bestätigen.

Auf Youtube die Videos von anderen Transmännern

Auf YouTube schaute sich Paul selbstgedrehte Videos von anderen Transmännern an, die weltweit ihre Transition vor der Kamera dokumentierten. Bei allen gingen die Veränderungen unterschiedlich schnell vonstatten, einige hatten bereits nach wenigen Wochen einen Vollbart, andere nach einem Jahr noch nicht mal einen Flaum. Paul selbst machte zwar auch Fotos und Videos von sich, stellte diese aber nicht ins Netz.

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Zum Arzt musste Paul nun regelmäßig, um seine Blut- und Hormonwerte bestimmen zu lassen. Der Arzt wollte sicher gehen, dass die Medikamente weder die Leber noch andere Organe schädigten, sowie dass Pauls Hormonstatus weder zu niedrig noch zu hoch – sondern im Normbereich eines biologischen Manns – war. Ein Transmann hat somit keinen höheren Testosteron-Wert als andere Männer. Das oft gehörte Vorurteil, dass die Zufuhr von Testosteron per se gesundheitsschädigend sei, lässt sich wissenschaftlich nicht halten. Ebenso die viel zitierten Aussagen, dass Testosteron die Lebenszeit verkürzt, aggressiv macht und Krebs auslöst.

Dies muss differenzierter betrachtet werden. Wer sich als Spitzen- oder Breitensportler Testosteron und andere Anabolika unkontrolliert und in großen Mengen verabreicht, um seinen Testosteron-Spiegel zu erhöhen und seine Leistung zu steigern, hat selbstverständlich ein hohes gesundheitliches Risiko. Aber eine medizinisch indizierte und überwachte gegengeschlechtliche Hormonbehandlung ist kein Doping und soll mit möglichst geringen Nebenwirkungen einhergehen. Über diese klärt der Arzt vor der Behandlung auf.

Wie Transfrauen behandelt werden

Mögliche Nebenwirkungen zu Beginn der Testosteron-Behandlung sind unter anderem Hitzewallungen, Akne und Kopfschmerzen, die aber meist nach einiger Zeit verschwinden. Ob Testosteron die Leberenzyme, die Blutfettwerte, die Anzahl der Blutzellen  oder den Blutdruck erhöht – was ebenfalls vorkommen kann – überprüft der Arzt durch regelmäßige Untersuchungen. Wenn starke Nebenwirkungen auftreten, kann er die Dosierung verändern oder das Präparat wechseln. In seltenen Fällen muss die Behandlung tatsächlich abgebrochen werden.

Die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung von Transfrauen hat aufgrund des verabreichten Östrogens insgesamt etwas mehr und schwerere Nebenwirkungen, wie ein erhöhtes Risiko für Thrombosen und Brustkrebs. Aber auch hier lassen sich durch angemessene Dosierungen sowie regelmäßige Kontrolluntersuchungen gesundheitliche Folgen reduzieren. Wer sich für eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung entscheidet, sollte sich der möglichen Nebenwirkungen bewusst sein, ohne in Panik zu verfallen, und – wie bei jeder medizinischen Therapie – Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen.

Das Schwimmbad meidet er zunächst komplett

Ein paar Wochen nach der ersten Hormonspritze sah Paul tendenziell männlich aus, hatte aber noch eine helle Stimme und fühlte sich im sozialen Alltag oft hin- und hergerissen. Menschen wie er, die „irgendwie zwischen Mann und Frau aussehen“, finden in unserem binären Geschlechtersystem keinen richtigen Platz. Wenn Paul im Lokal auf die Toilette musste, wählte er das Männerklo, schlich sich aber oft unbemerkt herein aus Angst, aufs Frauenklo verwiesen zu werden. Wenn die Kabine besetzt war, verharrte er peinlich berührt neben den freien Urinalen, die er noch nicht benutzen konnte. Aus dem Damenklo hatte ihn vor einiger Zeit eine Frau empört rausgeschickt.

Das Schwimmbad mied er komplett, obwohl er früher gerne schwimmen ging. Aber in Badehose, mit Brüsten? Undenkbar. Oder im Badeanzug, mit Brusthaaren? Die Sitte hätte ihn abgeführt. Für ihn als Transidenten war dieser Zustand nur vorübergehend, denn nach den Operationen war das alles wieder möglich. Aber eines wird deutlich: Intersexuelle Menschen, die sich weder eindeutig dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen, stehen zeitlebens vor dem Problem, entweder auf vieles zu verzichten, das für „geborene Männer und Frauen“ selbstverständlich ist, oder sich zwangsläufig in eine Geschlechtskategorie einzuordnen, und sei es mithilfe medizinischer Maßnahmen.

Nach einem halben Jahr sieht er ziemlich männlich aus

Nach etwa einem halben Jahr seiner Transition sah Paul schon ziemlich männlich aus und wurde auch in der Öffentlichkeit meistens als Mann angesprochen. Er besaß aber noch alle weiblichen Papiere mit dem Namen Claudia, wie Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte oder EC-Karte. Immer wieder geriet er in unangenehme Situationen beim Bezahlen im Supermarkt oder bei der Kontrolle in der Bahn, wenn er sich mit Claudia ausweiste, manchmal wurde er nur schräg angeguckt oder von oben bis unten gemustert.

Also brauchte er so bald wie möglich neue, männliche Ausweise. So stellte Paul beim Amtsgericht einen Antrag auf Änderung seines Vornamens von Claudia zu Paul und seiner Geschlechtszugehörigkeit von weiblich zu männlich, auch „Vornamens- und Personenstandsänderung“ genannt. Er wusste von anderen Transidenten, dass es bis zu einem Jahr oder länger dauern kann, bis – und falls überhaupt – dem Antrag stattgegeben wird.

Den Personenstand ändern

Die Voraussetzungen für die Vornamens- und Personenstandsänderung sind in den Paragrafen 1 und 8 des Transsexuellengesetzes geregelt. Insbesondere darf sich „die Antrag stellende Person aufgrund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem Gegengeschlecht, zugehörig fühlen“. Außerdem muss sie „seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang stehen, entsprechend ihren Vorstellungen im Gegengeschlecht leben zu müssen“. Und es ist „mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich das Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird“.

Zwei unabhängige Sachverständigen-Gutachter entscheiden, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind. Die beiden Gutachter werden vom Amtsgericht bestellt, es ist allerdings möglich, einen Gutachter oder eine Gutachterin vorzuschlagen.

Der eine Gutachter stellte Paul unangenehme Fragen zu seinen Sexualpraktiken, aber Paul beantwortete alles devot aus Angst, das Gutachten sonst nicht zu bekommen. Dass diese Fragen unangebracht waren und der Gutachter seine Machtstellung missbrauchte, ahnte Paul, aber er ließ es auf sich beruhen. Die andere Gutachterin war sehr nett. Als beide Gutachten ihm seine Transidentität bestätigten, musste Paul noch vor der Richterin vorsprechen und einmal mehr seine Geschichte erzählen. Als auch ihr Urteil zustimmend ausfiel, erhielt er nach einigen Wochen Post vom Amtsgericht und konnte alle Dokumente, einschließlich seiner Geburtsurkunde, neu ausstellen lassen. Er war nun also auch offiziell und rechtlich ein Mann.

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