Berlin : Radeln im Rausch

Viele Partygänger wagen sich nach durchfeierter Nacht noch in den Straßenverkehr. Die Folgen können hart sein

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Alle zwei Stunden verunglückt jemand, der in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs ist. Fragt man Radfahrer, sind die notorisch rücksichtslosen Autofahrer daran schuld. Fährt man selbst Auto oder geht zu Fuß, möchte man das Etikett „rücksichtslos“ den Radfahrern anheften. Fragt man Behörden wie das Kraftfahrtbundesamt und die Polizei, rückt eine Unfallursache ins Bild, die im schmalen Raum zwischen legal und illegal wirkt: Rauschmittel. Allen voran Alkohol, aber seit Jahren auch immer mehr verbotene Betäubungsmittel (BTM): Cannabis in allen Darreichungsformen, Opiate, Kokain und „Disko“-Drogen wie Ecstasy und Methamphetamin.

Sonntagmittag in einer der für Radfahrer gefährlichsten Gegenden: Vor einem der Clubs in den S-Bahnbögen nahe dem Alex steht ein unauffälliger Mittelklassewagen. Mit so was sind gern Zivis unterwegs. In diesem sitzen René Grysla, gelernter Bäcker und Konditor, und Micha Kunst, gelernter Koch und früher Fallschirmjäger, beide heute Bereitschaftspolizisten der 22. Einsatzhundertschaft (Ehu). Sie beobachten ein paar Männer in Jeans und Club-T-Shirt oder Türsteher-Edelzwirn – schwarzer Anzug, weißes Hemd. Die haben das Auto gecheckt und sich wieder abgewandt. Kontrollen sind Alltag. Man erkennt Zivis nicht nur, sondern kennt sie oftmals sogar. Hin und wieder tröpfeln Gäste aus der Tür und schlurfen davon.

„Hier hatte ich auch mal zwei gehabt, die mit dem Fahrrad nach Hause wollten“, erzählt René Grysla. „Richtung Leipziger Straße, entgegen der Fahrtrichtung auf der Fahrbahn.“ Glücklicherweise war das auch ein Sonntag und wenig Verkehr. „Wir hatten die aus der Diskothek kommen sehen, weil wir da vorbeigefahren sind.“ Das und die Fahrweise sind der Anfangsverdacht, den ein Polizist braucht, um jemanden vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen und auf Giftspuren zu überprüfen. „Man redet dann erst mal und kuckt, wie das Benehmen ist. Nimmt derjenige überhaupt wahr, was wir von ihm wollen? Reagieren die Pupillen auf Licht?“ Auch wer im Winter zitterfrei im T-Shirt auf der Straße ist oder im Sekundentakt zwischen aufgekratzt und deprimiert oszilliert, hat vermutlich etwas intus. Renés Radler mussten ins Röhrchen pusten: negativ. Kein Alkohol. „Dann haben wir einen Drogen-Vortest gemacht, der war positiv.“ So ein Wischtest ist umständlicher als einer für Alkohol. Beim Röhrchenpusten kommt immer nur ein neues steriles Mundstück auf denselben soliden Kasten. Da hat der Proband die Mühe. Der Drogentest besteht aus einem Plastikviereck mit einem Filzstäbchen dran. Das wird mit einer Flüssigkeit aus einer Ampulle beträufelt und über die Haut gewischt. Am besten in der Achselhöhle. Nicht weil da der meiste, sondern eher nur der eigene Schweiß ist, anders als auf der Stirn. Dann wird das Viereck zusammengeklappt und eine halbe Minute lang mit voller Daumenkraft draufgedrückt, um die Flüssigkeit aus dem Filz in zwei Felder zu pressen. Eins für Cannabis, eins für Amphetamine, Opiate, Koks und Ecstasy. Wenn die nur rosa werden und nicht auch noch je zwei Querstreifen auftauchen, ist man dran. Dann kann die Blutentnahme angeordnet werden. „Die haben eine Anzeige gekriegt, und später hat sich herausgestellt, dass wir richtig lagen“, sagt René. Verkehrsüberwachung ist sein Ding, darauf ist auch seine Einsatzhundertschaft seit Jahren spezialisiert. Und so macht die Truppe nicht nur bei stadt-, bundes- und europaweit koordinierten Schwerpunktaktionen mit: Schulwege nach den Ferien, Licht vor der dunklen Jahreszeit, Raser am Steuer, Alkohol und Drogen im Verkehr, Gefahrgut auf den Straßen. „Wir fahren auch im ganz normalen Dienst einfach raus und schauen, was kommt da?“ Mal als kompletter Verkehrsüberwachungstrupp mit zehn Leuten, mal zu zweit, in Zivil oder mit dem silbergrünen Bus.

Der steht an diesem Sonntagmorgen vor einer Tempelhofer Diskothek, die bis nachmittags ihre Bässe durch die stille Nebenstraße vibrieren lassen wird. Auch sie prägt Berlins Ruf als Weltstadt mit, in der es abgeht. Von Heidenheim bis Hollywood. Auch hier darf man wörtlich nehmen, womit per Internet in die Clubs gelockt wird: „Die Tür achtet darauf, dass sich die Partygäste wohlfühlen“, und die können „tanzen, bis die Engelein singen“. Wer „die Tür“ hat, hat die Drogen. Und wer beim Techno-Maschinen-Rhythmus nicht schlappmachen will, braucht Doping: Übers Wochenende ist Kampftanzen angesagt, tagelang nonstop. Da ist eine Menge Dope unterwegs.

Fahrräder stehen heute keine da. Nur Taxis in Erwartung der betuchteren Kundschaft. Und Autos. „Wenn hier jemand rauskommt und ins Auto steigt, kann man fest davon ausgehen, dass man einen Treffer hat“, grinst Marcus Brauner, Spitzname Atze, und bedauert einen Moment lang, im Funkwagen zu sitzen. „Was ist denn mit den dreien da?“ Mandy Krüger, gelernte pharmazeutische Kauffrau und vom Polizeiabschnitt zur Hundertschaft gekommen, zeigt auf einen blauen Kleinwagen. Sie gehen hin, Mandy in Berliner Grün, Atze im neuen titanblauen Einsatzoverall der Hundertschaften. Argwöhnisch beäugt werden die Beamten von einem schweißtriefenden schwankenden Koma-Raver und zwei Türstehern. In dem Auto hängt ein junger Mann auf dem Fahrersitz, sieht ziemlich vollgedröhnt aus und kramt hektisch herum. Zwei junge Frauen flattern zwischen Kofferraum, Clubeingang und Straße hin und her wie Schmetterlinge auf Speed.

Die Abfrage zu Personen und Fahrzeug zieht sich hin – mehrere Akkus fürs Funkgerät versagen den Dienst –, ergibt aber nichts. Atze beendet sein „verkehrsaufklärerisches Gespräch“ unter treuherzigem Nicken aller drei. Auf keinen Fall würden sie „unter Einfluss irgendwelcher Substanzen ein Fahrzeug führen“! Mehr ist nicht. Solange hier Polizisten stehen, fahren die drei nicht los. Atze und Mandy fahren weiter nach Schöneberg, Kreuzberg und Neukölln. Einsatzhundertschaften sind berlinweit unterwegs. René und Micha streifen noch durch Prenzlauer Berg und Reinickendorf, bevor sie zurück zur Dienststelle in Schulzendorf fahren.

„Drogen und Alkohol sind ein zunehmendes Problem“, sagt Wolfgang Klang. Mit einem sehr hohen Dunkelfeld. „Bei Alkohol spricht man von 1 zu 400 oder sogar 1 zu 600.“ Einer wird erwischt, vier- bis sechshundert kommen durch. Für andere Rauschmittel gibt es nicht mal solche Zahlen. Erst seit 2002 läuft ein Projekt für ein bundesweites Lagebild, aber bisher passen die Mosaiksteine der einzelnen Länder nicht aneinander. Ursache ist unter anderem, dass die einen zur Drogenerkennung auch Urinvortests nutzen, die anderen ausschließlich Proben von Schweiß nehmen, wie Berlin zum Beispiel. Urin zeigt Werte genauer an als Schweiß, deshalb bringen die anschließenden Blutuntersuchungen mehr Fallzahlen. „Aber wir werden 2007 auch Vortests mit Urin durchführen“, sagt Klang, der die Stabsstelle Verkehr beim Polizeipräsidenten leitet. Blut darf nur auf Anordnung abgezapft werden, bei begründetem Verdacht. Es gibt beweissicher den aktuellen Gehalt an Drogen und Alkohol an. Im Urin bleiben bestimmte Reste tagelang. Wer also die Alternative hat, wird die Probe wählen. „Denn“, so sagt Klang, der seit 1980 mit den Tücken des Verkehrs befasst ist, „an Urin lässt sich feststellen, ob jemand Dauernutzer von Drogen ist, und das wäre ein Grund, die Fahrerlaubnisbehörden zu informieren.“ Für den unsentimentalen Volksmund: Pappe weg, Idiotentest, sehr teuer.

Drogendelikte sind Kontrolldelikte. Gehen die Zahlen zurück, heißt das nicht weniger Vorfälle, sondern weniger Kontrollen. Das ist brisant in Zeiten, in denen der Rotstift regiert, aber nicht automatisch das Aus für Sicherheit im Straßenverkehr. Zahlen und Daten, an denen sich Trends erkennen lassen, gibt es genug. Die 22. Einsatzhundertschaft nimmt Lagebilder über Unfallschwerpunkte und den täglichen Lagebericht der Direktionen als Arbeitsgrundlage. Klangs Stabsstelle zieht ihre Schlüsse aus dem Drogenbericht der Bundesregierung oder der Zahl der Fahrverbote: „Bundesweit 99 700 in einem Jahr nur wegen Alkohol und Drogen, extrem hoch – da können Sie davon ausgehen, dass sehr viele Radfahrer dabei sind.“

Denn viele Radfahrer sind auch Autofahrer, und auch Sünden auf zwei Rädern schlagen in Flensburg zu Buche. Den Bürgersteig entlangbrettern und alte Leute zu Tode erschrecken, Ampeln bei Rot überfahren, sich kamikazeartig zwischen Autos durchschlängeln oder aus dem Nichts auf Fahrbahnen schießen – das bringt nicht bloß Bußgeld oder Strafanzeigen ein, sondern auch Punkte. Wenn man denn erwischt wird. „Wenn einer flüchtet, ist man machtlos“, gibt Klang zu. „Aber Gott sei Dank leben wir ja nicht in einem Staat, in dem man dann hinterherschießt!“

Spätnachmittags auf dem alten Kasernengeländer in Schulzendorf füllt René Grysla die hauseigene Tabelle. „10 Uhr 30, Rotlichtverstoß, die Tandemfahrer, sind zwei ... nochmal Rotlicht Karl-Marx-Platz, drei ... Micha, wie viele waren das in der Eberswalder? Vier ...“ Und so weiter. Mit dem Fahranfänger, der Papas Auto mit teilweise 90 km/h durch eine Nordberliner Wohnstraße gejagt hat, sind an diesem Sonntag 19 Menschen in und auf Fahrzeugen belehrt, verwarnt oder mit Bußgeld belegt worden. Unter Drogeneinfluss stand niemand, soweit erkennbar. „Ist ’ne Bauchsache“, sagt René. Gelegenheit, dieses Bauchgefühl zu trainieren, bekommen Polizisten dies Jahr noch genug. Im April steht eine Woche Überwachung zum Schutz der Radfahrer an. Deren Saison geht jetzt los.

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