Rätsel des Alltags : Das Geheimnis der roten Gummibänder von Kreuzberg

Sie liegen auf dem Gehweg oder im Hausflur. Aber wo kommen sie her? Unser Autor ist einem Umweltskandal auf der Spur. Eine Glosse.

Die Pin AG nutzt nach eigenen Angaben große Gummibänder (links im Bild), die Deutsche Post die kleinere Variante.
Die Pin AG nutzt nach eigenen Angaben große Gummibänder (links im Bild), die Deutsche Post die kleinere Variante.Foto: Peter Kaiser/Pin AG

Woher kommen bloß diese roten Gummibänder? Sie liegen bei uns im Kiez auf dem Gehsteig, manchmal findet man alle paar Meter eins, auch im Hausflur habe ich schon welche liegen sehen. Da liegt der Verdacht nahe, dass sie der Postbote verloren hat. Die benutzen doch diese extralangen Gummibänder, um die Briefe zusammenzuhalten.

Herrje, was soll’s, mögen Sie denken. Die ganze Stadt liegt voll mit Zigarettenkippen, weggeworfenen Brötchentüten, Kaffeebechern und Plastikmüll aller Art, was kümmert der sich um die paar Gummibänder? Sie werden lachen. Ich sammle die inzwischen auf, wenn sie noch halbwegs sauber sind, und nehme sie mit. Sind ja gut zu gebrauchen. Aber die Sache lässt mich nicht ruhen, meine Neugier ist geweckt. Ich bin gespannt wie ein Gummiband.

Austräger der Pin AG sammeln die Gummibänder am Lenker ihres Fahrrads. Sie werden möglichst wiederverwendet, um Briefe zu bündeln.
Austräger der Pin AG sammeln die Gummibänder am Lenker ihres Fahrrads. Sie werden möglichst wiederverwendet, um Briefe zu bündeln.Foto: Peter Kaiser/ Pin AG

Schriftliche Anfrage bei der Deutschen Post. Rote Gummibänder verloren? Antwort: „Eine Bündelung von Briefsendungen durch Bänder oder Gummis erfolgt nur in Ausnahmefällen – etwa für die Zustellung in größeren Firmen oder in größeren Hochhausanlagen.“ Beides haben wir in unserem unseren Kreuzberger Altbaukiez nicht zu bieten. Aber es gibt ja noch die Pin AG, die Briefe in Berlin austrägt. Anruf bei Peter Kaiser, Teamleiter Marketing: „Wie viele andere Postdienstleister verwendet auch die Pin AG rote Gummibänder, um Briefe zu bündeln, die zu derselben Hausadresse gehören.“ Häufig sähe man sich an den Fahrradlenkern hängen, wo sie die Austrägerinnen und Austräger anschließend sammelten. „Wir versuchen die so gut wie möglich wiederzuverwenden“, sagt Peter Kaiser.

Fundstück. Gummibänder wie diese liegen immer wieder auf Gehsteigen in unserem Kiez, manchmal sogar im Hausflur.
Fundstück. Gummibänder wie diese liegen immer wieder auf Gehsteigen in unserem Kiez, manchmal sogar im Hausflur.Foto: Stephan Wiehler

Natürlich könne mal das ein oder andere Gummiband abhanden kommen. Aber: „Wie viele davon verloren gehen, ist nicht nachvollziehbar“, meint Herr Kaiser. So ganz stimmt das nicht. Man könnte den Verlust berechnen. Schließlich bestellen Post und Pin AG ja verlorene Gummis nach. Peter Kaiser weist darauf hin, dass sein Unternehmen ein Umweltzertifikat hat, nach ISO-Norm 14001, ein internationales Umweltmanagementsystem, das helfen soll, die Ökobilanzen von Firmen, Behörden und anderen Organisationen zu verbessern. „Wir sind ja nicht umsonst die grüne Post“, betont Herr Kaiser.

Von wem die roten Gummibänder in unserem Kiez stammen, ist weiter unklar. Übrigens habe ich gelesen, dass die meisten Gummibänder nach wie vor aus Kautschuk hergestellt werden und daher vollständig biologisch abbaubar sind. Aber das dauert seine Zeit. Vielleicht meldet sich noch jemand, der sein Image nach ISO 14001 aufpolieren möchte. Bevor sich im Frühling - Gott behüte! - ein Singvögel mit einem der Gummis stranguliert.

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