Rathaus Kreuzberg : "Der Bau macht´s nicht mehr lange"

Finanzstadträtin Herrmann führt durch das Rathaus, das dringend eine Generalüberholung braucht. Geschätzte Kosten: über 32 Millionen Euro.

Finanzstadträtin Clara Herrmann bei einer Begehung im Rathaus Kreuzberg.
Finanzstadträtin Clara Herrmann bei einer Begehung im Rathaus Kreuzberg.Foto: Raphael Krämer

Der bronzene Bär, der sich hinter dem Neubau des Rathauses Kreuzberg versteckt, ist von der Straße aus nur schwer zu sehen. Er steht auf dem Türmchen, das den Altbau des verwinkelten Gebäudekomplexes in der Yorckstraße krönt. Ein ehemals schmuckes Gebäude neben dem Dragoner-Areal, das vor 1914 die Friedrichs-Werdersche Realschule werden sollte, aber niemals wurde.

Der Erste Weltkrieg forderte seinen Tribut, die neuen Klassensäle und langen Flure wurden mit verwundeten Soldaten belegt – im Keller steht noch heute ein uralter Tresor, in dem der Sold für die Kämpfer des Kaisers aufbewahrt wurde. Das ist Geschichte, die kaum noch einer kennt. Denn im Juni 1921 wurde aus dem provisorischen Lazarett das erste zentrale Verwaltungsgebäude des neu gegründeten Berliner Bezirks Kreuzberg.

Bilderbuchsanierungsstau

Jahrzehnte später, nachdem der Zweite Weltkrieg die Stadt in Trümmer gelegt hatte, reichte der Platz im Altbau nicht mehr aus und an der Yorckstraße 4-11 entstand gegenüber von Riehmers Hofgarten ein zehnstöckiger Stahlzementbau, daneben ein weiterer Behördenbunker. Ein schmuckloses Symbol des Wiederaufbaus in den 50er Jahren, heute bekannt als Rathaus-Neubau, der auch schon 70 Jahre auf dem Buckel hat.

Wer sich Zeit nimmt, um das verwinkelte Ensemble zu durchstreifen, bekommt einen guten Eindruck davon, was ein Sanierungsstau ist. Viele Flure und Treppenhäuser warten seit 15 Jahren auf einen neuen Anstrich, Fenster sind undicht und an einigen Stellen wurde der Putz abgeschlagen, wenn er nicht von allein abfiel, weil darunter der Schimmel blühte.

Und wer im dritten Stock des Altbaus sein Büro hat, gleich unter dem mächtigen Dachstuhl, durch den der Wind pfeift, hat es im Winter niemals richtig warm. „Das wenige Geld, das dem Bezirk zur Verfügung steht, reicht nur für die nötigsten Reparaturen“, sagt Clara Herrmann (Grüne), die seit einem Jahr Finanzstadträtin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ist.

Zwar haben Statiker kürzlich versichert, dass das Dach noch eine Weile trägt, doch die Substanz des Alt- und Neubaus ist großenteils aufgebraucht. Eine Grundsanierung gab es nie und selbst die Wärmedämmung an der Straßenfront ist Jahrzehnte alt. Gleich unter dem Turm, auf dem der Bär steht, ist noch brüchiges Mauerwerk im Originalzustand von 1945 zu sehen.

Nur eine nachträglich eingebaute Stahlkonstruktion verhindert, dass dieser Gebäudeteil in den Innenhof kippt. „Wenn wir nicht bald anfangen, das Rathaus zu sanieren, macht es der Bau nicht mehr lange mit“, warnt Herrmann.

Kreuzberg, dein marodes Rathaus
Ziemlich verwinkelt. Oft ziemlich kahl. Das Rathaus Kreuzberg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Raphael Krämer
26.12.2017 11:34Ziemlich verwinkelt. Oft ziemlich kahl. Das Rathaus Kreuzberg.

Seit sieben Jahren versucht das Bezirksamt, die Grundsanierung des Altbaus auf die „überbezirkliche Dringlichkeitsliste“ für öffentlich finanzierte Investitionen zu setzen. Ohne Erfolg, bis 2021 ist nichts eingeplant. Dem Senat ist zwar bewusst, dass auch Dienstgebäude des Landes dem Zahn der Zeit nicht ewig trotzen, aber deren Sanierung gilt als nachrangiges Problem. Erst einmal sind Schulen und Kitas, Hochschulen und Krankenhäuser, Kultureinrichtungen und Polizeiabschnitte an der Reihe. Der bauliche Zustand bezirklicher Rathäuser wird gern verdrängt.

32,2 Millionen Euro für einen "funktionstüchtigen Verwaltungsstandort"

Jetzt hat Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg einen vierseitigen Brief erhalten. Es sei erklärtes Ziel, das Rathaus in der Yorckstraße „als funktionstüchtigen Verwaltungsstandort zu erhalten“, heißt es darin. Dafür sei eine Sanierung des gesamten Gebäudekomplexes dringend notwendig. Einschließlich Dachbegrünung und Regenwassermanagement.

Ziel sei ein „energetisch modernes und nachhaltiges Bürogebäude.“ Die Gesamtkosten werden von der bezirklichen Abteilung Bauen und Planen auf 32,2 Millionen Euro beziffert, davon 14,2 Millionen Euro für den Altbau als erstem Bauabschnitt.

Die Finanzstadträtin hofft, dass der rot-rot-grüne Senat ein Einsehen hat und eine auskömmliche Summe aus dem „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ (Siwana) für die überfällige Grundsanierung zur Verfügung stellt. Allein aus dem Überschuss des Haushaltsjahres 2017 dürften nach offizieller Prognose weitere 550 Millionen Euro in den Sonderfonds fließen, der jetzt schon üppig bestückt ist. Die Entscheidung, welche Investitionen neu finanziert werden, wird aber wohl erst im Frühjahr 2018 fallen. Die gesamte Sanierung, schätzt Herrmann, wird mindestens zehn Jahre dauern.

Die Stadträtin weist auch vorsichtig darauf hin, dass im großzügig angelegten Innenhof des Verwaltungskomplexes noch „freier Raum“ für einen Erweiterungsbau zur Verfügung stünde. Derzeit arbeiten im Rathaus Kreuzberg rund 600 Beschäftigte. „Es werden aber mehr, denn die Stadt wächst“, sagt die Grüne.

Von Texas-Willy lernen

Aber nicht nur die Beamten und öffentlichen Angestellten müssen angemessen untergebracht werden. Der Standort Yorckstraße ist ein Bürgeramt, das sich als kommunaler Dienstleister halbwegs ordentlich präsentieren sollte. Da kann sich die heutige Bezirksverwaltung auch auf den legendären Kreuzberger Bürgermeister Willy Kressmann (SPD) berufen, der 1954 bei der Eröffnung des Rathaus-Neubaus sagte: „Jeder Bürger soll hier als Freund empfangen werden.“

Kressmann, auch Texas-Willy genannt, weil er Ehrenbürger von San Antonio im US-Bundesstaat Texas war, bediente sich damals eines Tricks, um für das bezirkliche Bauvorhaben Senatsgelder locker zu machen. Er setzte erfolgreich die Nachricht in die Welt, dass der Regierende Bürgermeister und Parteifreund Ernst Reuter „die Finanzierung des Rathaus-Neubaus zugesagt“ habe.

Das stimmte zwar nicht, aber weil er den streitbaren Genossen nicht bloßstellen wollte, sorgte Reuter doch noch für einen Zuschuss aus der Landeskasse.

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