Rauchentwöhnungskurse : Abschied von einem schwierigen Freund

Sogar Auspuffgas inhaliert man bei jeder Zigarette. Trotzdem fällt ein Raucherstopp vielen unendlich schwer. Die Angst vor dem Scheitern plagt Nikotinabhängige. Unsere Autorin hat einen Rauchentwöhnungskurs von Vivantes besucht.

Karin Vitzthum und Teilnehmer des Rauchentwöhnungskurses.
Karin Vitzthum und Teilnehmer des Rauchentwöhnungskurses.Foto: Mike Wolff

Corinna Beermann (Name geändert) kennt dieses Gefühl nur zu gut. Wieder nicht geschafft, wieder nicht durchgehalten, wieder schwach geworden. Mal ging es zwei Monate, mal nur wenige Tage gut. „Ich schäme mich“, sagt die 41-Jährige. Ungezählte Versuche hat sie in den vergangenen 20 Jahren unternommen. Jetzt, da sie an dem Tisch im schmucklosen Klinikzimmer Platz genommen hat – der nächste Versuch nicht mal mehr 48 Stunden entfernt – ist das Gefühl mehr denn je wieder da: die Angst vor dem erneuten Scheitern.
Von einem guten Freund trennt man sich nicht einfach so. Schon gar nicht, wenn er einem seit mehreren Jahrzehnten zur Seite steht. In den stressigen, den angsterfüllten, aber genauso in den glücklichen Stunden. Wenn er Halt gibt, tröstet oder für Entspannung sorgt. An einem düsteren Novemberabend in einem der hinteren Räume der Vivantes Klinik in Neukölln dreht sich alles um diesen guten Freund. Er hört auf den Namen Zigarette. Corinna und drei andere Raucher besuchen einen Rauch-Entwöhnungskurs. Die Trennung von dem guten Freund, die Trennung von der Zigarette – hier soll sie gelingen.
Karin Vitzthum will ihnen dabei helfen. Die Psychologin ist seit 2011 am Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention der Klinik tätig und bietet dort etwa alle zwei Monate Gruppen-Entwöhnungen an. Sieben Sitzungen in den ersten drei Wochen, eine ein halbes Jahr nach dem Rauchstopp, eine weitere in einem Jahr. Dann ist die Hälfte ihrer Teilnehmer rauchfrei. Das sagt jedenfalls die Statistik. Schon übermorgen soll es soweit sein: Tag 1 in einem rauchfreien Leben.

Die Teilnehmer sind durchschnittlich 55 Jahre alt

Heute treffen sich die vier Teilnehmer zu ihrer ersten Sitzung. Auf jeder Seite des Tisches haben zwei Noch-Raucher Platz genommen, jeweils eine Info- Mappe liegt vor ihnen. Neben Corinna sind da noch Brigitte, Meike und Peter. 41, 56, 38 und 69 Jahre alt. Durchschnittlich sind die Teilnehmer 55 Jahre alt. Zur Hälfte Männer, zur Hälfte Frauen. „Dabei rauchen statistisch gesehen mehr Männer.“ Ein Drittel der Deutschen ist Raucher. „Ich werde in meinen Kursen allerdings nicht von Rauchern überrannt. Die deutsche Politik setzt einfach wenig Anreize zur Rauchentwöhnung“, kritisiert Vitzthum. Während in Island schon seit 1969 ein Werbeverbot für Tabak gilt, ist das in Deutschland bis heute nicht in Sicht. Auch die Medikamente zur Tabakentwöhnung werden in Deutschland nicht von den Krankenkassen bezahlt. Anders in Frankreich, England oder der Schweiz. Von den 200 bis 300 Euro für einen Entwöhnungskurs übernehmen die Kassen gerade mal 70 bis 80 Euro.
Vitzthum ist mehr als zufrieden, dass die vier heute überhaupt den Weg zu ihr gefunden haben. Sie hat ein längliches Gerät mitgebracht, mit lauter Knöpfen und einem hervorstehenden Mundstück. Zuerst will sie messen, wie viel Kohlenmonoxid die Raucher in der Ausatemluft haben. Corinna atmet tief ein, als das Messgerät einen Countdown von 20 Sekunden herunterzählt. Dann presst sie ihre Lippen an das Mundstück und atmet wieder aus. 18, zeigt das Gerät an. „Der Wert liegt im roten Bereich“, sagt Vitzthum und hält eine Grafik hoch. „Nichtraucher liegen bei einem Wert zwischen 0 und 6.“ Corinna hätte sich nicht so hoch eingeschätzt. „Hätte ich mal eben keine mehr geraucht“, gibt sie zu. Die anderen liegen bei ähnlich hohen Werten. Nur bei Brigitte zeigt das Gerät eine 3 an. „Ich habe schon vorgearbeitet und gestern die letzte geraucht“, verkündet sie stolz. Das Messgerät ist schonungslos. Auch Karin Vitzthum wird in den nächsten anderthalb Stunden alle Fakten auf den Tisch legen. Zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens wie zu den bevorstehenden Entzugserscheinungen.
Zunächst aber will sie erfahren, wer genau da vor ihr sitzt. Ihre Namen kennt sie, aber nicht die Personen dahinter. Was machen die Zigaretten mit ihnen? Was hindert sie daran, von ihnen loszukommen? Und die entscheidende Frage: Warum wollen sie aufhören? Die Psychologin will wissen: Kommen Corinna, Brigitte, Meike und Peter, weil es der Partner oder die Kinder von ihnen erwarten oder verlangen? Oder kommen sie, weil es ihr freier Wille ist?
Peter war gerade mal 13 Jahre alt, als er an seiner ersten Zigarette zog. „Seitdem ist eigentlich kein Tag ohne Zigaretten vergangen“, gibt der 69-Jährige offen zu. 30 Zigaretten pro Tag raucht er durchschnittlich. „Ich war beruflich früher immer viel im Ausland unterwegs, hatte viel Verantwortung und ja, auch Stress. Die Zigaretten haben mir damals geholfen, damit zurecht zu kommen.“ Jetzt, da er Rentner ist und der Stress weg, will er die Chance ergreifen und Nichtraucher werden. Brigitte, die auf der anderen Seite des Tisches sitzt und sich schon am Vorabend die letzte Zigarette angesteckt hatte, macht sich Gedanken um ihre Gesundheit und will vorbeugen. Ihre Mutter, auch Raucherin, ist an einem Herzinfarkt gestorben. Die 38-jährige Meike hingegen hat es, anders als die anderen Drei, schon einmal geschafft ein paar Jahre rauchfrei zu leben: während und nach ihrer Schwangerschaft. „Und dann habe ich in irgendeiner geselligen Runde doch wieder zur Zigarette gegriffen. So auf Feiern macht das Rauchen ja auch Spaß.“

Es ist entlastend zu hören, dass es anderen ähnlich geht

Corinna hat schon am meisten ausprobiert. Nachdem sie mit 17 Jahren zu rauchen begonnen hatte, versuchte sie nur wenige Jahre später, sich wieder von den Zigaretten loszusagen. Sie bereiten ihr seit Jahren Halsschmerzen, Raucherhusten und Trägheitsgefühle. „Mein Körper signalisiert mir: Ich will das nicht.“ Peter pflichtet ihr bei: Die Luft werde immer häufiger knapp. Es bleibt an diesem Abend nicht bei der Vorstellungsrunde, schnell entwickeln sich lebhafte Gespräche. Offen und unverkrampft reden die Teilnehmer über sehr Persönliches. Das ist gar nicht so außergewöhnlich in ihren Kursen, sagt Karin Vitzthum. „Der Leidensdruck ist groß. Sie haben das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Es ist entlastend zu hören, dass es anderen ähnlich geht.“
Man gewinnt rasch den Eindruck, dass alle verstanden haben: Die Zigarette muss weg. Bei allen vier Teilnehmern steht der freie Wille hinter der Entscheidung. „Irgendwann haben Sie sich alle das Rauchen angewöhnt. Was man einst erlernt hat, kann man sich aber auch wieder abgewöhnen“, erklärt Karin Vitzthum.
Doch obwohl alle so bereitwillig von ihren Erfahrungen berichten, bleibt die Atmosphäre angespannt. „Ich habe Angst vor schlechter Laune, vor Gewichtszunahme und einfach davor, der Entwöhnung nicht gewachsen zu sein“, sagt Meike. Kurz vor Kursbeginn hat sie noch einmal mehr geraucht. Sie wundert und ärgert sich über sich selbst, sagt sie. Die anderen nicken, es herrscht betretenes, nachdenkliches Schweigen in der Runde. „Ich habe wirklich das Gefühl, mir wird etwas Wichtiges in meinem Leben genommen“, sagt Corinna und durchbricht die Stille. „Je näher der Tag des Rauchstopps rückt, umso größer werden meine Ängste.“
Karin Vitzthum hört aufmerksam zu, was die Teilnehmer beschäftigt. Jetzt ist es an ihr, ihnen die Angst zu nehmen, aufzuklären und zu motivieren. Die Frage ist: Welche Angst wird am Ende größer sein – die vor dem frühzeitigen Tod oder die vor dem Leben ohne Zigarette? Die vier Teilnehmer richten den Blick auf die Präsentation an der Leinwand: Welche Folgen hat der langfristige Zigarettenkonsum? Er macht lungenkrank, dement, unfruchtbar, führt zu Paradontitis und Asthma – um nur einige zu nennen. „Im Tabakrauch sind 4000 Inhaltsstoffe enthalten. Sie inhalieren mit Ihrer Zigarette auch Farbentferner, Insektizide oder Auspuffgas“, sagt Vitzthum. Erschrockene Gesichter. „Krass“ ist von den Teilnehmern zu hören. Es ist eine erneute Bestätigung: Die Zigarette muss weg. Nur wie?

Eine langsame Reduktion der Zigaretten ist nicht zu empfehlen

Rauchstopp heißt: Die Teilnehmer dürfen keine einzige Zigarette mehr anzünden. „Eine Reduktion der Anzahl an Zigaretten ist nicht zu empfehlen. Dann wird die einzelne Zigarette nur umso intensiver geraucht und der Abschied schwerer“, sagt die Psychologin. Statt eines „kalten Entzugs“ gibt es die Möglichkeit, Nikotinpflaster, Nikotin-Lutschtabletten oder Kaugummis zu verwenden. Damit wird dem Körper nicht von heute auf morgen das Nikotin entzogen. Sehr wichtig sei es, Gewohnheiten zu verändern. Wer sich immer am Morgen zu der Tasse Kaffee eine Zigarette anzünde, könne etwa einen Tee trinken oder den Kaffee in Gesellschaft zu sich nehmen. Auch häufigeres Zähneputzen nehme die Lust am Rauchen. Werde das Verlangen zu groß, müsse man dem Reiz etwas entgegensetzen: laute Musik, ein Lied singen, rückwärts zählen. „Damit sind Sie dann eine Weile beschäftigt.“ Besonders viel hält Vitzthum davon, statt zur Zigarette zur Möhre zu greifen: „Möhren schälen und kauen, das nimmt Zeit in Anspruch. Dann ist der Reiz wieder verflogen.“
Es sind viele kleine psychologische Tricks, die den Entzug etwas erleichtern sollen. Vitzthum verschweigt nicht, dass der Rauchentzug nicht nur mit einer Gewohnheitsveränderung und sehr viel Disziplin einhergeht, sondern auch mit unangenehmen Entzugserscheinungen: Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Gewichtszunahme, Darmträgheit, Schläfrigkeit. „Aber die Haut sieht auch wieder viel besser aus“, wirft Corinna ein. Vitzthum lächelt. Richtige Einstellung. Am Ende hat sie für ihre Teilnehmer noch eine Hausaufgabe. Sie sollen sich am morgigen Tag beobachten und aufschreiben, wann genau und unter welchen Umständen sie rauchen. Und schließlich eine Liste mit Argumenten anfertigen. Was spricht noch für und was gegen die Zigaretten?
Von einem guten Freund trennt man sicnicht so einfach. Was aber, wenn der Freund einen hinters Licht geführt hat? Wenn man langfristig ohne ihn besser dran ist als mit ihm? „Zum Aufhören ist es nie zu spät“, sagt Vitzthum. An das Ende der Info-Mappe hat sie einen Zettel geheftet, auf dem steht: „Mein erster rauchfreier Tag ist...“. Jetzt fehlt nur noch ein Datum.

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