Raumfahrt : Berlin greift nach den Sternen

Sie bohren sich in den Mars, scannen den Merkur und werfen hüpfende Landemodule auf Asteroiden ab. Noch nie waren Berliner Wissenschaftler an so vielen Weltraummissionen beteiligt wie in diesem Jahr.

Himmel über Berlin. Zahlreiche hiesige Wissenschaftler und Start-ups richten den Blick nach oben.
Himmel über Berlin. Zahlreiche hiesige Wissenschaftler und Start-ups richten den Blick nach oben.Foto: Rainer Jensen/dpa

Der größte Satellitenschwarm der Welt wird aus dem Kranzler Eck gesteuert. Im vierten und fünften Stock des gläsernen Bürohauses zwischen Ku’damm und Kantstraße sitzt die Firma Planet mit 100 Mitarbeitern. Es ist ein Großraumbüro wie viele andere, Tische mit Rechnern, Star-Wars-Figuren stehen als Dekoration auf manchen Bildschirmen. Durch Glaswände und Türen sind Konferenzräume abgetrennt. Hinter einem verbirgt sich das Kontrollzentrum. An der Wand hängen sieben Bildschirme. Einer zeigt die Erdkugel und kleine nummerierte Punkte, die sie in einer Umlaufbahn umkreisen.

Es sind die 150 Satelliten, mit denen Planet permanent die Erde beobachtet und fotografiert. Marcus Apel deutet auf einen der Punkte über Island: „Der ist gleich in Reichweite von unserer Bodenstation in Keflavik.“ Ein anderer Bildschirm zeigt ein schwarz-weißes Videobild der runden Riesenantenne und einem Dutzend weiterer gigantischer Empfangsanlagen in Spitzbergen, Fairbanks oder Innvik.

Gleich wird Flock 2K-37 die Bilder herabfunken, die er in den vergangenen 24 Stunden gemacht hat. Mit einem Mausklick prüft der zuständige Ingenieur die Daten des Satelliten. Temperatur, Spannung, Stromverbrauch. Er steuert das ganze System über das Internet. „Ich könnte das im Prinzip auch vom Laptop im Bett kontrollieren“, sagt der Ingenieur. Gemacht hat er das noch nicht. „Aber einmal im Starbucks.“

Marcus Apel, Direktor bei der Firma Planet, mit einem Dove-Satelliten in Originalgröße.
Marcus Apel, Direktor bei der Firma Planet, mit einem Dove-Satelliten in Originalgröße.Foto: Thilo Rückeis

Satelliten, die aus dem Coffeeshop gesteuert werden können, das ist die Raumfahrt im 21. Jahrhundert. Von der sogenannten New Space Revolution ist seit einiger Zeit in der Fachwelt die Rede. Der Begriff bezeichnet die Kommerzialisierung der Raumfahrt. Schon lange träumen Milliardäre wie Virgin-Gründer Richard Branson, Amazon-Chef Jeff Bezos oder Tesla-Bauer Elon Musk davon, ins All zu fliegen und entwickeln eigene Raumfahrzeuge. Doch inzwischen geht es um weit mehr als um ein Hobby der reichsten Männer der Welt, die nicht wissen, wohin mit ihren Milliarden.

Elon Musks Firma SpaceX ist längst ein wichtiger Partner der Nasa und Esa, der europäischen Raumfahrtagentur. Die Falcon9-Trägerraketen und Raumschiffe vom Typ Dragon sind in kurzer Zeit elementarer Teil der Infrastruktur weltweiter Raummissionen geworden. Das Weltraumfieber lockt auch Investoren: Allein im vorigen Jahr haben Risikokapitalgeber weltweit fast vier Milliarden Dollar in Weltraum-Start-ups gesteckt. Und auch in Berlin gibt es eine ganze Reihe solcher Jungunternehmen, wie German Orbital Systems, Astro Feinwerktechnik oder Berlin Space Technologies, die Bauteile für Missionen und ganze Satelliten herstellen.

Planet-Direktor Marcus Apel treibt diese Entwicklung seit Langem voran. Zuvor hat er für die Firma RapidEye gearbeitet. Die Brandenburger hatten schon 2008 fünf Erdbeobachtungssatelliten ins All geschossen. Es war das erste große Raumfahrtprojekt eines Privatunternehmens in Deutschland. 160 Millionen Euro waren in das Projekt geflossen, doch 2011 musste RapidEye Insolvenz anmelden. „Wir waren unserer Zeit voraus“, sagt Apel.

Ihre Satelliten kreisten weiter um die Erde. Das US-Start-up Planet kaufte sie und mit ihnen das deutsche Know-how zur Entwicklung und Steuerung der Kleinsatelliten. Dabei ist „klein“ relativ: Die RapidEye-Satelliten haben das Format eines Kühlschranks. Im Vergleich zu den bis dahin üblichen Apparaten von den Ausmaßen eines Busses war das ein Fortschritt.

Satelliten im Handgepäck

Seither sind die Beobachtungssonden radikal weitergeschrumpft. Sie passen nun bei Apel auf den Tisch. Planet hat seine Minisatelliten „Dove“ getauft, denn sie sind kaum größer als eine Taube. „Auf Reisen könnte ich den im Handgepäck transportieren.“ So werden sie auch auf ihrem Weg ins All behandelt. Wenn Weltraumraketen tonnenschwere Raumsonden transportieren, ist oft noch Platz. Früher wurde der mit Ballast gefüllt, um das Gleichgewicht auszutarieren. Stattdessen nehmen die Raumtransporter heute Minisatelliten huckepack mit. So hat eine indische Rakete im vergangenen Februar 88 Dove-Satelliten in den Orbit geschossen.

Ihre Kameras machen sogar bessere Bilder als die alten, größeren Satelliten. Aus 500 Kilometer Höhe nehmen sie die Erde mit einer Auflösung von drei Metern pro Pixel auf. Große, teure Spezial- und Spionagesatelliten zoomen auf bis zu 30 Zentimeter heran, haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie kreisen nur etwa einmal pro Woche über den gleichen Regionen. Deswegen hat Planet auch so viele Minisatelliten in den Orbit befördert. „So können wir jeden Tag von jedem Punkt der Erdoberfläche ein Bild machen“, sagt Apel.

Die Kunden von Planet wollen tagesaktuelle Informationen. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex sucht damit nach Flüchtlingsbooten. Die meisten Kunden sind aber Finanzunternehmen wie Versicherungen oder Hedgefonds. Sie analysieren damit die Warenströme in Häfen, um frühzeitig wirtschaftliche Veränderungen zu erkennen. Schließlich können auf den Bildern nicht nur Schiffe, sondern auch Container gezählt werden. „Das hier ist ein Hafen in Kalifornien“, sagt Apel. Am Rand ist eine große Fläche mit kleinen Punkten, ein Parkplatz mit Autos vor der Verschiffung. 4680 Fahrzeuge zählt die Software von Planet. Inzwischen entwickelt die Firma auch Programme zur Datenanalyse. „Unser nächstes Ziel ist es, die Satellitenbilder direkt in verwertbare Informationen umzuwandeln“, sagt Apel. Denn so spektakulär die Aufnahmen auch sind, viele Kunden interessieren sich dafür wenig. Statt der Fotos liefert Planet nun Auswertungen mit Zahlen und Grafiken.

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