Der Weltraumarzt

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Raumfahrt : Berlin greift nach den Sternen
Dieter Blottner, vom Zentrum für Weltraummedizin an der Charité testet gerade mit Alex Gerst auf der ISS ein Gerät zur Muskelmessung.
Dieter Blottner, vom Zentrum für Weltraummedizin an der Charité testet gerade mit Alex Gerst auf der ISS ein Gerät zur...Foto: Mike Wolff

Neben Planeten werden in Berlin auch diejenigen erforscht, die sie einst besuchen sollen. Astronauten wie Alexander Gerst. Dessen Muskeln kennt Dieter Blottner in- und auswendig. Zwei Mal hat er den deutschen Astronauten vor dessen Flug zur Weltraumstation ISS intensiv vermessen. Nun soll Astro-Alex das im All selbst tun. Dafür hat er ein ganz neues Spezialgerät mit an Bord. „Damit können wir zum ersten Mal Muskelveränderungen im Weltall messen“, sagt Blottner und nimmt das grüne Messgerät in die Hand. Es ist so groß wie ein Smartphone, nur etwas dicker. Unten guckt ein kleiner durchsichtiger Plastikstift heraus. Der Professor drückt ihn auf den Daumenmuskel an der Innenseite seiner linken Hand. Auf dem Display erscheinen Zahlen. „Die zeigen die Elastizität des Muskels an“, sagt Blottner.

Astro Alex hat Rücken und Fußschmerzen

Auch wenn sich Gerst noch so oft auf das Laufband stellt oder Kniebeugen mit Gummibändern macht: Während des Aufenthalts im All bauen die Muskeln ab. Wenn er gut trainiert, kann der Astronaut 70 bis 80 Prozent der Muskelkraft erhalten. „Die Astronauten haben auch immer Fußschmerzen und Rückenprobleme, wenn sie runterkommen“, sagt Blottner. Durch das permanente Schweben werden die Füße und Bandscheiben enorm entlastet, doch nach der Rückkehr auf die Erde umso stärker durch die Schwerkraft in Anspruch genommen.

Mit seinem Experiment will Blottner nun Details dazu herausfinden. Drei bis vier Mal misst Gerst dazu im All seine Muskeln und Sehnen an insgesamt zehn Punkten. Die ersten Ergebnisse hat er schon herabgefunkt. „Die haben uns schon überrascht“, sagt Blottner. Warum, darf er vor Ende des Projekts nicht sagen.

Er ist überzeugt, dass das Muskelmessgerät bald in ganz normalen Kliniken eingesetzt werden wird. „Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Weltraummedizin auf der Erde verwendet werden kann“, sagt Blottner. Wer schon mal mit Knochenbrüchen oder anderen schweren Verletzungen oder Krankheiten länger im Bett liegen musste, weiß, wie schnell einzelne Muskeln sichtbar dünner werden. „Wir können nun zum ersten Mal Messungen von völlig entlasteter Muskulatur durchführen“, sagt Blottner. Da parallel auch Blutproben und Ultraschallaufnahmen gemacht werden, erhoffen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse dazu, was in den Muskeln passiert. Und könnten das bei Therapien zum Wiederaufbau anwenden.

Wissenschaftler der Charité haben Weltraumfieber entdeckt

Schon andere Erkenntnisse der Weltraummediziner haben ihren Weg zum irdischen Einsatz gefunden. So bieten immer mehr Fitnessstudios Geräte mit Vibrationsplatten. Auch Blottner hat deren Wirkung getestet und festgestellt, dass sie Muskelschwund aufhalten können. „Ein Kontraktionszyklus von drei Minuten entspricht einem 400-Meter-Lauf“, sagt Blottner. Auch das Weltraumfieber haben die Wissenschaftler der Charité entdeckt. Mit 38 Grad liegt die Temperatur der Astronauten im Schnitt ein Grad höher als auf der Erde.

Mit einem weiteren Experiment tut sich Blottner dagegen schwer. Seit zehn Jahren forscht er schon daran, auch hier geht es um die Analyse von Muskeln im Weltall. „Es ist aber mühsam, dafür Probanden zu finden“, sagt Blottner. Denn denen wird dafür eine Muskelprobe aus dem Ober- und Unterschenkel entnommen. Es sind zwar nur 50 bis 100 Milligramm, ein Stück so groß wie die Radiergummis an Bleistiften. Doch es klingt schon schmerzhaft, wenn Blottner von der Zange spricht, die die Proben wie ein Krokodil herausbeißt. Immerhin fünf Astronauten haben sich bislang bereiterklärt. „Das sind unsere großen Helden“, sagt Blottner. Ihre Fotos mit Autogrammen hängen gerahmt im quadratischen Flur von Blottners Büro, der gleichzeitig auch die Kaffeeküche ist. Alexander Gerst ist nicht dabei.

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