Die Allforscher

Seite 3 von 5
Raumfahrt : Berlin greift nach den Sternen
Heike Rauer leitet die Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in berlin-Adlershof.
Heike Rauer leitet die Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in berlin-Adlershof.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Weite Missionen schaffen die Start-ups noch nicht, die wirklich langen Reisen ins All werden von staatlichen Weltraumorganisationen durchgeführt. Doch auch bei Flügen der Nasa oder Esa ist fast immer Berliner Technologie an Bord. Wie auf der Sonde Mars Express, die kürzlich flüssiges Wasser auf dem Roten Planeten entdeckt hat. Seit 15 Jahren umkreist sie den Mars und liefert hochauflösende Farbbilder, auf denen Objekte von bis zu zehn Meter Größe analysiert werden können. Die zwanzig Kilo schwere Spezialkamera wurde am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Adlershof entwickelt. Es ist eine Stereokamera, die 3-D-Bilder erzeugt.

Solche Kameras und andere Spezialgeräte wie Spektrometer oder Laseraltimeter, die Oberflächen analysieren und Höhenprofile erstellen können, sind die Spezialität der Berliner. „Für Karten- und Oberflächenmodelle werden wir immer wieder von der Nasa angefragt“, sagt Heike Rauer, Leiterin des Instituts für Planetenforschung.

Das liegt auch am sowjetischen Erbe und der Geschichte von Adlershof. Hier starteten einige der ersten Motorflüge und Graf von Zeppelin ließ Luftschiffe bauen. Er trieb auch die Gründung der „Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt“ (DVL) voran, dem Vorläufer des DLR. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen demontiert, bald siedelte die DDR Wissenschaftsinstitute an. Sie entwickelten in den sechziger- und siebziger Jahren optische Bordinstrumente für das sowjetische Kosmosprogramm.

Heute prangt im Foyer des grauen DLR-Gebäudes an der Wand noch ein Zitat vom Weltraumpionier Juri Gagarin. Viele Fragen die sich schon bei dessen erstem Flug ins All 1961 stellten, treiben die Wissenschaftler bis heute um: Woher kommt die Erde? Wie entwickeln sich Planeten? Gibt es woanders Leben?

In diesem Jahr gibt es so viele Chancen wie selten, darauf Antworten zu bekommen. Seit Juni führt Alexander Gerst auf der ISS Experimente durch, die auch in Adlershof geplant wurden. Eine japanische Raumsonde umkreist gerade einen Asteroiden, im Oktober soll ein Landemodul darauf abgesetzt werden und herumhüpfen. Im selben Monat startet die Mission BepiColombo zum Merkur. Der sonnennächste Planet soll mit Berliner Spezialgeräten vermessen werden. Einen Monat später ist die Landung der Raumsonde Insight auf dem Mars geplant. An Bord: der Marsmaulwurf, ein Werkzeug made in Adlershof, das sich in den Planeten graben soll.

Der Marsmaulwurf

Tilman Spohn und sein Team haben den Marsmaulwurf entwickelt. Wobei der von der Form eher an eine Robbe oder einen Roboterhund ohne Kopf erinnert – und auch dazu ist viel Vorstellungskraft nötig. Statt einer Leine hängt ein breites, flaches Kabel daran. Es hat 14 Sensoren, um die Temperatur zu messen. „Wir wollen wissen, wie viel Wärme noch im Inneren des Planeten ist“, sagt Spohn. Sie müssen nur das Kabel erst einmal in den Marsboden bekommen. Dafür wurde eine Rammsonde entwickelt: Es ist ein dickes, spitzes Metallrohr. Ein Motor spannt durch Drehung eine Feder, wenn die auslöst, wird die Spitze Stück für Stück in den Boden gerammt.

Spohns größte Sorge sind Gesteinsbrocken: „Die sind auf dem Mars leider ein Problem.“ Als Landepunkt haben sie sich zwar eine sandige Stelle ausgesucht. Trotzdem kann der Bohrer auf harte Steine treffen. Bis zu einem Durchmesser von zehn Zentimetern kommt er daran vorbei, bei größeren Klumpen würde es knifflig. „Mindestens drei Meter tief müssen wir kommen“, sagt Spohn. Fünf Meter sind das Ziel. Tiefer dürfen sie nicht graben. Das verbieten die internationalen Raumfahrtregeln. Es besteht die Gefahr, dass sie den Mars verschmutzen. „Die Sorge ist, dass Mikroben hineingetragen werden“, sagt Spohn.

Ralf Jaumann vor einem Modell des Mars. Wenn es um Oberflächenmodelle von Planeten geht, fragt selbst die NASA bei den Spezialisten in Berlin-Adlershof.
Ralf Jaumann vor einem Modell des Mars. Wenn es um Oberflächenmodelle von Planeten geht, fragt selbst die NASA bei den...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Darum muss sich Ralf Jaumann keine Sorgen machen. Er bleibt an der Oberfläche. Der 64-Jährige betreut gerade ein Projekt mit der japanischen Raumsonde Hayabusa2, die nach einem dreieinhalbjährigen Flug durchs All vor fünf Wochen den Asteroiden Ryugu erreicht hat. Aus 300 Millionen Kilometer Entfernung hat sie erste Bilder des diamantenförmigen Asteroiden geschickt. Darauf suchen die Forscher um Jaumann nun einen Landeplatz für ihr Modul Mascot. Im Oktober soll die Kiste abgeworfen werden. Aus fast 100 Meter Höhe. Der Aufprall ist kein Problem, denn der Asteroid hat nur einen Durchmesser von knapp einem Kilometer und daher eine extrem geringe Anziehungskraft. „Ich würde dort vielleicht fünf Gramm wiegen“, sagt Jaumann. Auf der Erde sind es 90 Kilo. Und so wird auch die zehn Kilo schwere Kiste wie ein Gummiball auf dem Himmelskörper aufkommen. Dort soll sie dann weiter herumhüpfen.

Auf Asteroiden hüpfen

Wie das geht, zeigt Jaumann an einem zweiten Exemplar. Er drückt einen Knopf. Rote, grüne und blaue LED-Lämpchen blinken auf. Dann dreht sich im Inneren ein kleiner Metallarm im Kreis. Die Bewegungen dieses Schwungarms reichen aus, um Mascot Dutzende Meter weit springen zu lassen. Mit verschiedenen Instrumenten soll er dann die Oberflächentemperatur, das Magnetfeld und die Zusammensetzung der Minerale untersuchen. Zusätzlich wollen die Japaner mit einer Art Staubsauger an ihrer Raumsonde Gesteinsproben des Asteroiden einsammeln.

Mit Landungen auf Himmelskörpern haben die Berliner Planetenforscher Erfahrungen. Eines der Vorzeigeprojekte des DLR war die Mission Rosetta. Dabei gelang es erstmals, eine Raumsonde weich auf einem Kometen abzusetzen. Das Projekt zeigt auch die enormen Zeitzyklen der Weltraummissionen. Erste Ideen gab es 1986, die Raumsonde startete dann 2004 und erreichte zehn Jahre später den Himmelskörper, auf dem das Landegerät Philae abgesetzt wurde.

„Es ist daher extrem ungewöhnlich, dass wir jetzt so viele Missionen auf einmal haben“, sagt Rauer. Sie muss auch zwei Mal überlegen, wer in diesen Wochen wann genau startet oder landet. „Im kommenden Jahr beginnt dann wieder eine Durststrecke“, sagt Rauer. Die Raumsonde BepiColombo muss beispielsweise sieben Jahre fliegen, bis sie 2025 den Merkur erreicht.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar