Die Satellitenmanufaktur

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Raumfahrt : Berlin greift nach den Sternen
Bei German Orbital Systems wird ein Kleinsatellit montiert.
Bei German Orbital Systems wird ein Kleinsatellit montiert.Foto: Promo

Mit seinen 33 Jahren wirkt Walter Ballheimer noch wie ein Student. Doch der blonde Mann mit Dreitagebart und Poloshirt ist Chef einer Satellitenfabrik. Sie liegt in Moabit, im ersten Stock eines Bürogebäudes an der Ecke Huttenstraße/Reuchlinstraße. Genau gegenüber steht das Gasturbinenwerk von Siemens, der 1909 errichtete Koloss aus Glas und Beton gilt als Beginn der modernen Industriearchitektur in Deutschland. Die Berliner Satellitenbauer German Orbital Systems (GOS) brauchen deutlich weniger Platz. Walter Ballheimer schließt eine der vielen Türen auf dem langen Flur auf.

Der Raum ist vielleicht zwanzig Quadratmeter groß, an der Seite stapeln sich schwarze Plastikkoffer, auf einem langen Tisch in der hinteren Ecke stehen Bohrmaschine, Säge, Schleifgerät und 3-D-Drucker. Ein Viertel des Raumes ist durch Glaswände noch einmal abgetrennt, hier werden die Satelliten montiert und für ihre Reise ins All fertig gemacht.

Bevor er den Raum betritt, zieht Ballheimer einen weißen Kittel an und stülpt sich ein transparentes Haarnetz über den Kopf. Auf einem Tisch liegt der neueste Auftrag. Die Amateurfunkvereinigung aus Thailand hat einen Satelliten bestellt, der sieht allerdings überhaupt nicht so aus. Es ist ein längliches Metallgestell, etwa so groß wie ein Tetrapack, darin stecken verschiedene grüne Platinen. „Das ist ein Cubesat“, sagt Ballheimer, „die haben dafür gesorgt, dass die Kosten radikal gesunken sind.“

Milchkartons im Weltall

Das Konzept der Würfelsatelliten wurde 1999 an zwei Universitäten in Kalifornien entwickelt, sie legten einen Standard für Minisatelliten mit zehn Zentimeter Kantenlänge fest. Die dürfen nur etwas mehr als ein Kilogramm wiegen und können bei großen Missionen als Gepäck mitgenommen werden. Dabei können mehrere Würfel aneinandergesetzt werden, so entstehen die heute üblichen Satelliten im Milchkartonformat.

2003 starteten die ersten Cubesats an Bord einer russischen Rakete ins All, in letzter Zeit hat ein wahrer Boom eingesetzt. 2017 hat sich die Zahl der Starts im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht: Fast 300 Kleinstsatelliten wurden in den Orbit befördert. In diesem Jahr soll es sogar fast 500 Starts geben.

Für die Berliner ist das ein großes Geschäft. Neben der Entwicklung und dem Bau bieten sie auch die Beförderung ins All an. Sie vermieten Plätze auf russischen Raketen wie der Sojus, an deren Entwicklung einst Ballheimers Vater mitgearbeitet hat. Er selbst kam 2005 nach Deutschland und studierte an der TU Berlin Raumfahrttechnik. Dort lernte er Dmitriy Bogdanov kennen, der jetzt die für Starts zuständige Schwesterfirma ECM Launch Services leitet.

In den blauen Transportboxen nehmen Raketen die Kleinsatelliten huckepack mit.
In den blauen Transportboxen nehmen Raketen die Kleinsatelliten huckepack mit.Foto: Promo

Sie haben eine Technologie entwickelt, die den Mitflug erst ermöglicht. Denn die Trägerraketen wurden entwickelt, um wenige Atomsprengköpfe zu befördern und nicht Dutzende Minisatelliten. Ballheimer zeigt eine blaue Metallkiste. Sie hat an der Vorderseite vier Öffnungen, darin stecken dicke Sprungfedern. Er schiebt einen seiner Satelliten hinein. Mit einem Klick rastet er ein. Klappe zu. Nun könnte er ins All geschossen und einfach wieder herausgeschleudert werden. „Diese Separationssysteme sind die eigentliche Revolution“, sagt Ballheimer, „damit können auch Satelliten in den Orbit geschossen werden, die an Unis zusammengelötet werden.“

Denn in dem Metallcontainer sind sie geschützt. Das dient weniger der Sicherung der Billigsatelliten als vielmehr der Trägerrakete. So besteht keine Gefahr, dass sie durch kleine Teile beschädigt wird. Dadurch fallen wiederum aufwendige Sicherheitsprüfungen weg, die bei herkömmlichen Missionen die Kosten in die Höhe treiben. „Das alles macht es möglich, dass weltweit in Hinterhofbuden Satellitenstarts vorbereitet werden.“

Während der Bau und Start klassischer Satelliten früher schnell Milliardensummen kosten konnte, bieten die Berliner das Ganze im Paket ab 350 000 Euro an. Und Ballheimer will es noch günstiger machen. „Viele unserer Kunden brauchen gar keinen eigenen Satelliten“, sagt er. Stattdessen sollen sie ihn sich teilen. Es sind Universitäten oder Unternehmen, die bestimmte Materialien oder Zellkulturen im All testen möchten oder Experimente zu Mikrogravitation durchführen. Dafür können auch mehrere in einem Satelliten platziert werden. Groove heißt das Projekt, mit dem Ballheimer jeweils zehn Plätze vermietet und so das Konzept der Weltraummitflugzentrale weitertreibt. 2020 soll die erste Mission starten, für jeweils 50 000 Euro pro Platz.

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