• Raviv Ganchrow im „Zentrum für Kunst und Urbanistik“: Elektromagnetische Klänge in Moabit

Raviv Ganchrow im „Zentrum für Kunst und Urbanistik“ : Elektromagnetische Klänge in Moabit

Der Künstler Raviv Ganchrow überführt in Moabit elektromagnetische Ströme aus dem Untergrund in eine Soundinstallation. Was Besucher erwartet.

Einzigartig. Die Klänge, die in der Soundinstallation von Raviv Ganchrow zu hören sind, existieren so nur an diesem Ort in Moabit.
Einzigartig. Die Klänge, die in der Soundinstallation von Raviv Ganchrow zu hören sind, existieren so nur an diesem Ort in Moabit.Foto: Doris Spiekermann-Klaas/Tsp

Auf dem Gelände des Moabiter „Zentrum für Kunst und Urbanistik“ (ZK/U) trotzen hartgesottene Sonnenanbeter dick eingepackt den vorwinterlichen Temperaturen, um auf Strandliegen die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen abzugreifen. Hier die Liegen, da die Sonne.

Wenige Meter weiter rauchen einige Jungs aus der Nachbarschaft einen Joint, dessen Geruchspartikel in der Umgebungsluft diffundieren und zum Teil der Erdatmosphäre werden. Hier die Glut, da die Atmosphäre. Zwischen ihnen verlaufen über den Rasen gelb-grüne Leitungen, deren Farbkodierung jedem Elektriker verrät: Es handelt sich um Erdungskabel, wie sie in fast jedem Haushaltsgerät verbaut sind. Sie entspringen vier Metallplatten, die der Klangkünstler Raviv Ganchrow im Boden versenkt hat, paarweise an den Nord-Süd- und Ost-West-Achsen des Planeten Erde ausgerichtet.

Im Keller des ZK/U laufen die Leitungen in seiner Installation zusammen. Ihr Signal wird auf Lautsprecher verteilt und was zu hören ist, erinnert an nichts Konkretes: verschiedene Varianten von Rauschen, einige scharfe Klacklaute, gelegentlich eine Art tieffrequenten Donnerns. Zusätzliche Parabollautsprecher werfen Klänge an Punkte der Raumdecke, von denen sie abprallen, bevor sie auf ein Ohr treffen – steht man davor, entsteht der Eindruck, dass sie da oben entstünden, wo sich gar keine Geräuschquelle befindet.

So lenkt die Technik die Aufmerksamkeit von sich ab und auf den Raum. Das Quellsignal aber kommt direkt aus der Erde. Sogenannte tellurische Ströme durchziehen die gesamte Erdkugel – sie werden mithilfe der versenkten Platten abgehört. Hier der lokale Punkt an der Decke, da in dem Geräusch die ganze Erdkugel.

Elektromagnetischer Lärm in ZKU

Bei jeder Muskelbewegung, jedem Flügelschlag eines Insekts, der Photosynthese von Pflanzen und den meisten technischen Vorgängen ist Elektrizität im Spiel und immerzu fließen auch Ströme in den Erdboden ab. Dort vermengen sie sich mit den natürlichen Bewegungen von Ladungen, die seit jeher vom Magnetfeld des Mondes, der Sonne oder von Stürmen in der Ionosphäre mitbestimmt werden. Vieles davon tönt so tief, dass unser Gehör es auch über Lautsprecher nicht wahrnehmen könnte. Die langsamste Schwingung, die wir noch als Ton hören, liegt bei 20 Zyklen pro Sekunde.

Raviv Ganchrow im Keller des ZKU.
Raviv Ganchrow im Keller des ZKU.Foto: Doris Spiekermann-Klaas/Tsp

[„Westhafen Ground Electric“ von Raviv Ganchrow und dem Singuhr e.V. ist bis zum 17. November immer von Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 19 Uhr in der Siemensstraße 27 zu hören. Eintritt frei, www.singuhr.de]

Die tiefste bislang in der Magnetotellurik gemessene Frequenz beträgt zirka elf Jahre. Das ist der Ultra-Tiefbass des Sonnenfleckenzyklus, bei dem elektromagnetische Prozesse der Sonne sich auf die irdische Ionosphäre, Magnetosphäre und die Ladungen im Erdball auswirken.

Horcht man ungefiltert in das irdische Signal hinein, übertönt mittlerweile an den meisten Orten der menschgemachte Anteil alles Natürliche. Etwa wenn morgens unzählige Leuchtstoffröhren in den Hauptstadtbüros angehen, Rechner und Kraftwerke hochgefahren werden, U- und S-Bahnen den Betrieb aufnehmen, produzieren wir elektromagnetischen Lärm, den die Installation hörbar macht.

Mehr Geräusche als ausgefeilter Klang

Raviv Ganchrow, der schon in Israel, den USA und den Niederlanden gelebt hat, wird nicht müde, die Allverbundenheit der Dinge zu unterstreichen. Es sei jedes Mal eine Herausforderung, Kunst zu machen, die schon vorhandenen Geschichten Entfaltungsmöglichkeiten einräumt, statt sich mit eigenen Aussagen der Welt aufzudrängen. Seine Ästhetik ist schlicht, funktional, geradezu zurückhaltend. Schienenartige Träger, auf denen die Lautsprecher liegen, erinnern an die Geschichte des Geländes als Umladebahnhof. Hier sind früher Güter von im Westhafen ankommenden Frachtern auf Züge verladen worden, die sie wiederum aufs Umland verteilten.

Das war auch schon alles in Sachen Symbolik. Auch wer klassisch ergreifende Klangschönheit erwartet, dürfte enttäuscht werden. Man muss sich schon auf diese Geräusche einlassen und sich den Standort vergegenwärtigen: Genau so klingt die Welt nämlich nur an genau diesem Ort – woanders versenkt, würden die Platten andere Signale empfangen. Und darin lässt sich dann doch ein richtig klassisches, nämlich erhabenes Moment finden: Hier nur ein Rauschen, darin die Sonne, Ionosphäre, Erdatmosphäre, Berlin Moabit, die Strandliegen mit der Nachbarschaft und die Glut eines Joints, die sich in die Erinnerungshorizonte dieser Jugendlichen einschreibt.

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