Reaktion auf steigenden Personalbedarf : Berlin senkt Ansprüche an Erzieher

Ein neuer Schulversuch soll den Personalmangel in Kitas mildern. Die Bildungsgewerkschaft GEW warnt vor einer „Dequalifizierung“.

Passt das? Ab Dienstag werden die Kinder vorrangig zu Hause spielen.
Passt das? Ab Dienstag werden die Kinder vorrangig zu Hause spielen.Foto: picture alliance / dpa

Die GEW spricht von „Dequalifizierung“, aber Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) lässt sich davon nicht beirren: Um den Kitapersonalmangel zu mildern, hat sie die Hürden für den Erzieherberuf gesenkt. Ein neuer Schulversuch sieht vor, dass auch Absolventen mit einfachem Hauptschulabschluss die Erzieherlaufbahn einschlagen können. Am Mittwoch wurde er an der Schöneberger Marie-Elisabeth-Lüders-Schule vorgestellt.

Der Schulversuch, der bereits im Sommer 2019 an acht sozialpädagogischen Fachschulen gestartet ist, besteht aus zwei je zweijährigen Modulen. Das erste Modul besteht aus einer Ausbildung an der Berufsfachschule für Sozialpädagogische Assistenz. In dieser Zeit müssen mindestens 600 Stunden praktische Kita-Tätigkeit absolviert werden.

Voraussetzung für die Aufnahme in das erste Modul ist lediglich die Berufsbildungsreife, was dem einfachen Hauptschulabschluss entspricht. Bislang braucht man das Abitur oder den Mittleren Schulabschluss (MSA) plus abgeschlossener Ausbildung.

"2 plus 2" heißt der Modellversuch

Wer dieses erste Modul mindestens mit der Note 2,7 schafft, hat automatisch den MSA und kann das zweite Modul beginnen, das aus einer zweijährigen Erzieher-Fachschulausbildung besteht. Trotz dieser Verkürzung würden aber die bundesweiten Vorgaben von insgesamt 2400 Theoriestunden erfüllt. Wer im ersten Modul schlechter als 2,7 abschneidet, benötigt drei Jahre bis zum Abschluss.

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"Die hohe Teilnehmerzahl zeigt, dass ein großes Interesse vorhanden ist. Unsere Qualitätsansprüche gelten aber auch hier", betonte die Senatorin. Die Standards in der sogenannten "2 +2-Ausbildung" seien hoch und am Ende verließen sozialpädagogische Fachkräfte die Schulen, "die hervorragende Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben".

Darum steigt der Bedarf

Die Aussichten sind tatsächlich gut: Genommen werden muss fast jeder, weil der stetige Kitaausbau den Personalbedarf immer weiter steigen lässt. Der Bedarf resultiert zum einen aus dem Bevölkerungswachstum und dem bundesweit geltendem Kitaplatzanspruch, zum anderen aber auch aus Berliner Sonderwegen. Dazu gehört ein siebenstündiger Anspruch pro Tag statt eines fünfstündigen wie auf Bundesebene, dazu gehört aber auch, dass Berlin als erstes Bundesland die Kitagebühren abgeschafft hat.

Bildungsforscher fordern bessere Vorschularbeit

Dass daraus ein Qualitätsproblem resultieren werde, war von Anfang an befürchtet worden - von Elterngremien, von der Opposition, von den Grünen und auch von Gewerkschaften: Es kommt durch den Wegfall der Gebühren weniger Geld ins System und gleichzeitig werden mehr Plätze gebraucht, weil die Nachfrage steigt.

Eine mögliche Qualitätseinbuße ist allerdings genau das Gegenteil dessen, was Scheeres postuliert hat: Sie ließ sich im Gegenteil von der Expertenkommission um den Kieler Bildungsforscher Olaf Köller ein Qualitätspaket schnüren, mit dessen Hilfe die Kitas besser werden sollen. Wie berichtet, soll die Sprachförderung intensiviert und ein anspruchsvoller Vorschulunterricht konzipiert werden. Das soll die Basis für bessere Schülerleistungen bilden. Demnächst stellt Köller weitere Ergebnisse der Expertenkommission vor, die dann die Schule direkt betreffen.

Berlin hat das Schulgeld für Erzieher abgeschafft

Scheeres verwies darauf, dass Berlin das Schulgeld abgeschafft habe, um mehr Menschen für die Erzieherausbildung zu gewinnen. Zudem sei der Weg für Quereinsteiger geebnet worden. Derzeit würden rund 10.300 Studierende eine Vollzeitausbildung oder die berufsbegleitende Erzieherausbildung absolvieren. Das reiche aber nicht, den Bedarf zu decken, weshalb man sich für den Schulversuch entschieden habe.

Auf den Einwand der GEW, Berlin solle - statt Geringqualifizierte in die Kitas zu lassen - den Beruf attraktiver machen, um mehr Abiturienten anzusprechen, sagte Scheeres, dass die Gehälter deutlich erhöht worden seien. Selbst die GEW habe den letzte Tarifabschluss „gefeiert“.

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