Reinhard Reichsteins „Das Kaffeehaus“ : Erst Poesie, dann eine Entführung

Mit seinem Erstling hat Reichstein einen Brandenburg-Roman fürs Fontane-Jahr vorgelegt. Eine Geschichte der Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zur neuen Liebe.

Der verlassene Mann auf der Suche nach einem neuen Anker im Leben beginnt seinen Weg in einem Café (Symbolbild).
Der verlassene Mann auf der Suche nach einem neuen Anker im Leben beginnt seinen Weg in einem Café (Symbolbild).Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ausgerechnet im Fontane-Jahr hat sich Reinhard Reichstein aufgemacht und seinen ersten Roman vorgelegt. „Das Kaffeehaus. Eine Liebe in Brandenburg“, heißt das Werk, das im unmittelbaren Berliner Umland spielt. Dort lebt und
arbeitet der Autor auch, der eine Apotheke in Borgsdorf betreibt.

Es ist ein Buch der leisen Töne, das in seinem letzten Viertel überraschend noch Elemente von Crime bekommt. Ein Roman der Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zu einer neuen Liebe, wenn das Leben nicht mehr so jung ist wie in den ersten Feuern der Leidenschaft. Viele literarische Zitate verraten etwas von der profunden Gedankenwelt des Autors. Eingeweihte dürften sie mühelos erkennen.

Nicht nur durch Brandenburg, sondern auch nach Litauen und Polen und bis nach Italien geht die Reise. Der verlassene Mann auf der Suche nach einem neuen Anker im Leben beginnt seinen Weg im Café an der Endhaltestelle der S-Bahn.

[Reinhard Reichstein: Das Kaffeehaus. Eine Liebe in Brandenburg. Anthea Verlag, Berlin. 320 Seiten, 14,90 Euro.]

Von hier aus entwickelt sich die Fortsetzung des klassischen Bildungsromans als gebildeter Roman für Erwachsene, die mit den ersten Narben des Lebens gezeichnet sind. Behutsam bewegt die Handlung sich vorwärts zwischen den kultivierten Vergnügungen von Menschen, deren Herzensweite und Sehnsucht auch der ständigen Beschäftigung mit Dichtung und Wahrheit geschuldet ist. Das Gitarrenkonzert eines russischen Sängers wird da schon zum Ereignis.

"Das Kaffeehaus. Eine Liebe in Brandenburg"
"Das Kaffeehaus. Eine Liebe in Brandenburg"Foto: promo

Eine zentrale Rolle spielt das 66-Seen-Theater, ein Kunstprojekt, das der Geschichte von Orten ebenso nachspürt wie den Biografien der Menschen, die an ihm mitwirken. Wer aus literarischen Gründen nach Strausberg vom Alexanderplatz aus aufbricht, taugt vielleicht nicht als Protagonist für einen Pageturner. In einer Welt, die vor allem von Krimis beherrscht zu sein scheint, hat Reichstein immerhin die Kunst des entschleunigten Erzählens wiederentdeckt.

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Bei Fontane ließ er sich zum Beispiel von den Wanderungen durch das Oderland jenseits der Oder inspirieren, was auch den „Quellen“ zu entnehmen ist. Subtile Poesie statt wilder Aktion bestimmt lange das Tempo, bis es ihn am Ende dann doch nicht mehr hält und eine Entführung für wilde Szenen sorgt.

Ob das nun auf die persönliche Entwicklung beim Schreiben zurückzuführen ist oder auf ein Zugeständnis an moderne Rezeptionsgewohnheiten? So genau weiß man es nicht. Doch am Ende führen die Gedichte der Wanderdüne zurück zu den Quellen der Befindlichkeiten von Menschen im mittleren Alter.

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