Reisen mit Kindern : Bloß keine Langeweile: Zugfahren mit Kindern

Jetzt beginnt die Reisezeit. Wir haben zwei Expertinnen von der Deutschen Bahn gefragt, wie man Kinder auf langen Fahrten bei Laune hält.

Du bist dran. Brettspiele vertreiben vor allem größeren Kindern die Langeweile bei Bahnfahrten besonders gut.
Du bist dran. Brettspiele vertreiben vor allem größeren Kindern die Langeweile bei Bahnfahrten besonders gut.Foto: Imgorthand/ Getty Images

Man hat den Eindruck, viele Familien reisen nicht mit dem Zug, weil sie das Gefühl haben, sie müssten ihre Kinder möglichst ruhig halten. Ist das tatsächlich so?



CORNELIA GAUMANN: Das ist der Hintergrund, warum wir Maßnahmen wie Kleinkind- und Familienbereiche oder die Kinderbetreuung bei der Bahn eingeführt haben. Es gab die Rückmeldungen von vielen Familien, die gesagt haben: „Wir fühlen uns an Bord nicht willkommen“, „Ich fühle mich als Störenfried“. Wir haben deshalb zum Beispiel Familienbereiche getestet und gemerkt: Wenn wir die Familien zusammensetzen, nimmt das den Eltern diese Sorge. Sie sind dann umgeben von Menschen mit denselben Bedürfnissen.

Das Kleinkindabteil ist ja leider häufig ausgebucht.

GAUMANN: Das ist besonders am Wochenende schnell vergeben, aber deshalb haben wir 2016 diese zusätzlichen Familienbereiche eingerichtet und gemerkt, dass das gut ankommt.

Frau Klee, wie sorgen Sie als Kinderbetreuerin im Zug dafür, dass keine Langeweile aufkommt?

JULIANA KLEE: Die Kinder werden von ganz alleine kreativ. Wir liefern nur die Materialien und geben Ideen. Für unsere Kinderbetreuung haben wir immer zwei Tische in einem Großraumabteil reserviert. Einen Tisch mit Bastel- und Malsachen. Und einen anderen mit Spielen. Darunter die Klassiker „Mensch ärgere Dich nicht“, „Halligalli“, „Vier gewinnt“, ganz viele Kartenspiele, Bingo, Kreuzworträtsel.

Was kommt besonders gut an?

KLEE: Bei den Kleinen ist es der Playmais. Das sind bunte Bausteine aus Mais mit Lebensmittelfarbe. Das klebt man mit Wasser oder einem feuchten Lappen zusammen und kann dann damit ganz tolle Sachen bauen.

Was denn zum Beispiel?

KLEE: Prinzessinnen zum Beispiel. Drachen, Blumen, Schlösser, Gärten. Ganze Landschaften kann man daraus entstehen lassen. Die Kinder können sich stundenlang damit beschäftigen.

Und die Älteren?

KLEE: Die mögen natürlich „Mensch ärgere Dich nicht“, Uno oder Skat.

Was ist Ihr Lieblingsspiel?

KLEE: „Piraten Kapern“. Das ist etwas schwierig zu erklären. Eine Art Risikospiel für Kinder ab etwa acht Jahren, mit Würfeln und Spielkarten, bei dem man Punkte sammeln muss und verschiedene Regeln beachten muss. Das ist ein Spiel, das unheimlich viel Spaß macht, weil man es mit mehreren spielen kann. Wer am Ende die meisten Punkte hat, hat gewonnen.

Welche Tipps haben Sie für lange Autofahrten?

KLEE: Im Auto sollte man möglichst Spiele spielen, für die man keinen Tisch benötigt. Wir haben für den Zug ein Reisebingo mit Bildern aus dem Zug, da ist zum Beispiel ein Schaffner drauf. Im Auto könnte man sich die Gegenstände selber überlegen, zum Beispiel nach einem gelben Fahrzeug suchen. Kartenspiele funktionieren natürlich auch im Auto. Wir haben auch einen Geschichtenwürfel – mit Satzanfängen, die die Kinder weiterspinnen und drauf aufbauend Geschichten erzählen. Solche Fantasiespiele sind in der Regel auch ganz gut für Autofahrten geeignet.

Gibt es auch manchmal Konflikte oder schwierige Charaktere unter den Kindern?

KLEE: Streit unter den Kindern gibt es eigentlich nie. Eigentlich wollen alle möglichst gut die Reisezeit rumbekommen, dabei Spaß haben. Die Herausforderung ist, wenn man lange fährt und ein Kind von Anfang an bei der Kinderbetreuung dabei ist. Man kann ja nicht sagen, komm, wir gehen jetzt mal eine Runde raus und spielen eine Runde Fangen. Wir müssen dann das Material so portionieren, dass das Kind auch mehrere Stunden Spaß daran hat. Das ist nicht immer ganz einfach.

Wie reagieren die anderen Bahnfahrer auf die vielen Kinder zu Ferienzeiten, die ja nicht gerade ruhig sind?

KLEE: An sich reagieren die sehr positiv, ich habe schon oft erlebt, dass schmunzelnde Fahrgäste hinter uns saßen und uns dann auch ansprechen. Wenn ich die Kinder im Zug einsammle, und die laufen dann im Gänsemarsch, Hand in Hand, hinter mir her, freuen sich die Leute über Abwechslung.

Auch wenn der Zug Verspätung hat?

KLEE: Wenn es sehr voll ist oder Züge Verspätungen haben, sind die Fahrgäste nicht mehr ganz so gut drauf. Ich habe aber oft erlebt, dass die Kinderbetreuung die Stimmung auflockert.

GAUMANN: Diese Rückmeldung bekommen wir auch von unseren Kollegen an Bord, dass unsere Kinderbetreuer sehr gut sind für die Atmosphäre im Zug. Das lockert das Ganze etwas auf.

Frau Klee, müssen Sie denn manchmal trotzdem zwischen den Generationen vermitteln?

KLEE: In der Regel ist man immer im Kontakt mit anderen Fahrgästen, weil sie sich für uns und die Kinder interessieren. Wenn der Zug voll ist, aber noch nicht viele Kinder da sind, ist es manchmal schwer zu vermitteln, warum wir die Plätze trotzdem frei halten. Wir versuchen das dann von Situation zu Situation zu regeln. Wir sind immer in enger Absprache mit dem Zugpersonal, sodass wir eventuell auch unsere Plätze räumen. Zu kommunizieren, ist wichtig. Wir hatten sogar einmal eine Seniorin bei uns am Tisch sitzen, die hat so super mit den Kindern gespielt, dass ich richtig traurig war, als sie aussteigen musste.

Mussten Sie die Betreuung auch schon einmal abbrechen?

KLEE: Einmal gab es einen schweren Sturm, als wir nach Hamburg fahren wollten. Da war der Zug so voll, weil andere Züge ausgefallen sind. Da gab es gar kein Durchkommen mehr. Ich persönlich fühle mich auch nicht gut, wenn ich in so einer Situation die Kinder von den Eltern wegnehme. Die haben dann auch keinen Spaß. Wir haben uns dann dazu entschieden, stattdessen in unterschiedlichen Zügen unsere Materialien zu verteilen.

Wie können sich die Eltern selber auf lange Fahrten vorbereiten?

KLEE: Die machen das in der Regel ganz gut, haben viele Spiele dabei. Aber es passt eben auch nicht alles in den Koffer. Bastelsachen lassen sich nicht gut transportieren. Wer mit Kindern reist, sollte aber unbedingt einen Platz reservieren. Denn mit mehreren Familien auf dem Flur rumzustehen, ist auf Dauer anstrengend. Die Kinder spielen dann nur auf ihrem Handy oder langweilen sich. Mit Sitzplatz ist es stressfreier.

Welches Essen empfehlen Sie?

KLEE: Wenig Zucker. Wenn Kinder sich die ganze Fahrt über immer mit Chips und Schokolade zustopfen, drehen sie auf und das ist in dem geschlossenen Raum nicht so schön. Ich würde immer Gurkensticks, Paprika und Brote einpacken. Süßigkeiten möglichst vermeiden.

Juliana Klee (22) studiert Wirtschaftspsychologie in Bonn und arbeitet seit fast drei Jahren als Kinderbetreuerin bei der Deutschen Bahn. Cornelia Gaumann ist Produktmanagerin im Fernverkehr der Deutschen Bahn und verantwortlich für die Zielgruppe Familien und Kinder. Das Gespräch führte Saara von Alten.

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