Ruinen in der Hauptstadt Berlin : Alex? Brandenburger Tor? "Langweilig!"

Für die einen sind es Bruchbuden, für die anderen ist es Kopfkino: Ob leerstehende Fabriken oder verwilderte Botschaften - Ruinen sind nicht nur als Fotomotiv gefragt.

Caroline Bock
Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos soll zu einem neuen Wohn- und Gewerbegebiet werden. - Foto: Rolf Dietrich Brecher (CC: BY-SA 2.0)Weitere Bilder anzeigen
Foto: Rolf Dietrich Brecher
17.05.2022 15:45Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos...

Im Kalten Krieg saßen hier die Amerikaner und lauschten Richtung Moskau. Ruinen-Führer Andreas Böttger (39) leuchtet mit dem Handy den Weg durch die fensterlosen Gänge. Es geht hinauf zum Turm der alten Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg. Was für ein Blick! Die Stadt liegt wie ein Meer zu Füßen des Hügels - das Olympiastadion, der Alexanderplatz, der riesige Grunewald. Von unten ist aus dem Gestrüpp das Quieken der Wildschweine zu hören. Windböen zupfen an der zerrissenen Plane des Radarturms.

Die Abhöranlage ist einer von vielen verlassenen Orten in Deutschland, die Fotografen und Entdecker anlocken. Die Patina, die Stille, der Zauber der Geschichte: Das fasziniert anscheinend immer mehr Menschen. „Am Brandenburger Tor oder den Fernsehturm zu fotografieren, ist langweilig“, sagt Böttger, der Touren durch Gefängnisse oder Fabriken anbietet - mit Genehmigung.

Siemensbahn, Teufelsberg, Ballhaus Grünau

Was ist an verlassenen Orten so schön? „Das ist ein bisschen wie Urlaub, du bist in einer anderen Welt“, sagt Böttger. Bei ihm war es als erstes seine alte Schule in Hohenschönhausen, die ihn als Ruine faszinierte: Die Außenwände fehlten, aber im Kasten der Tafel lag noch die Kreide.

Teufelsberg – Pläne und Verfall
Blick auf die frühere Abhörstation auf dem Teufelsberg, im Hintergrund die Stadtsilhouette Berlins.Weitere Bilder anzeigen
1 von 43Foto: Imago
18.08.2016 10:40Der Teufelsberg im Grunewald, ein 120 Meter hoher Hügel voller Geschichte. Hier ein Blick auf die Stadt, den Wald und den zweiten...

Mit den Fototouren liegt Böttger im Trend. Zeitungen sammeln Ruinen-Bilder von Lesern. Das Internet quillt über vor Tipps und Fotos. Allein die „Vergessenen Orte in Schleswig-Holstein“ bekamen
mehr als 30.000 „Gefällt mir“-Daumen bei Facebook.

„Urban Exploration“, das Entdecken der Städte, ist eine globale Bewegung. Das marode Detroit begeisterte so viele Fotografen, dass von „Ruinen-Porno“ die Rede war. In Italien sind verfallene Nobel-Discos zum Motiv geworden. Für die einen sind es Bruchbuden, für andere verwunschene Orte mit Nostalgiefaktor. Neudeutsch: „lost places“.

Verlorene Orte in Berlin und Brandenburg
Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos soll zu einem neuen Wohn- und Gewerbegebiet werden. - Foto: Rolf Dietrich Brecher (CC: BY-SA 2.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 780Foto: Rolf Dietrich Brecher
17.05.2022 15:45Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos...

Berlin hat einige davon zu bieten. Wie der Teufelsberg, wo sich Künstler mit Streetart und Graffiti ausgetobt haben, sind viele Orte keine Geheimtipps mehr: die alte irakische Botschaft in Pankow, das Ballhaus in Grünau, das Stadtbad in Lichtenberg oder eine verwilderte Bahnstrecke in Siemensstadt. Im Spreepark, einem stillgelegten Vergnügungspark, wütete gerade ein Feuer - Brandstiftung. Oft ist der Zutritt zu den Ruinen nicht erlaubt. Manche Häuser haben aber auch schon einen Investor gefunden.

Spinnweben, Adrenalin - Ruinen sind wirklich immer faszinierend

„Verlassene Orte üben auf mich eine ganz besondere Anziehungskraft aus“, sagt Autorin Lucia Jay von Seldeneck (36, „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“). Zum einen sei da der Nervenkitzel des Einsteigens. Und dann, wenn man die Mauer oder den Zaun überwunden habe, offenbare sich, Stück für Stück, eine Geschichte. „Man betritt eine andere Welt.“ Sie mag es, wenn an den Orten etwas Neues passiert, etwa wenn sich ein Parkdeck in einen Club verwandelt.

Die Szene ist gemischt: Es gibt „Urban Explorer“, die sich ernsthaft für die Geschichte interessieren und keine Spuren hinterlassen, aber auch Partyhorden und Schrottdiebe. Umstritten ist bei Ruinen-Liebhabern, ob man im Internet sagen soll, wo die Fotos entstanden sind.

Die Siemensbahn in Bildern - Foto-Update
24. September 2020. Neun Jahre noch, dann soll die Siemensbahn wieder fahren. Die ersten Arbeiten an der Trasse haben bereits begonnen: Es wird geprüft, wie stabil der historische Stahlviadukt noch ist. Bagger holen zunächst den Steinschotter von der Stahlkonstruktion.Weitere Bilder anzeigen
1 von 865Foto: Jörn Hasselmann
24.09.2020 17:0824. September 2020. Neun Jahre noch, dann soll die Siemensbahn wieder fahren. Die ersten Arbeiten an der Trasse haben bereits...

Der Fotograf Axel Hansmann (60) distanziert sich von „Handyknipsern“ und verrät die genauen Standorte nicht. Er sucht auch nicht den Kick des Illegalen. Ihn faszinieren das Farbspiel der Natur, der Charme der Tristesse. „Ich brauche keinen Adrenalinschub“, sagt er.

Seine Ruinen-Leidenschaft begann 2007 in den Beelitzer Heilstätten in Brandenburg, wo früher Tuberkulose-Kranke hinkamen. Um die 30 verlassene Orte kennt Hansmann schon. Berlin hält er für abgegrast. Bald reist er für eine Ausstellung nach Westsibirien. Er freut sich, dort ein Lager von alten Sowjet-Hubschraubern zu erkunden.

Auch Ruinen-Führer Andreas Böttger denkt über Berlin hinaus. „Uns gehen die Orte nicht aus.“ Er zeigt Bilder aus einem verwunschenen Hotel, mit Spinnweben und verwitterten Ohrensesseln. Es sieht aus, als ob die Zeit still stehe. Das Haus liegt im Schwarzwald. Bald soll es auch dort Touren geben. Als Böttger davon erzählt, klettern gerade Foto-Touristen die Treppe zur Radarkugel auf dem Teufelsberg hinauf. Ihre Augen leuchten, auch wenn sie hier nicht allein sind. (dpa)

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...
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