Schaufenster-Ausstellung im KaDeWe : „Wo warst du am 9. November 1989?“

In einer Schaufenster-Ausstellung erinnern sich 200 KaDeWe-Mitarbeiter an den Mauerfall. Manche waren live dabei, als plötzlich die DDR-Bürger kamen.

Das KaDeWe war eines der Lieblingsziele der DDR-Bürger nach der Grenzöffnung. Die Aufnahme entstand am 11. November 1989.
Das KaDeWe war eines der Lieblingsziele der DDR-Bürger nach der Grenzöffnung. Die Aufnahme entstand am 11. November 1989.Foto: Ullstein Bild - Albrecht

Die Tage nach dem 9. November 1989 wird Petra Tholl nie vergessen. Seit 40 Jahren arbeitet sie schon im KaDeWe. „Wir sind gestürmt worden“, erzählt sie. „Praktisch überrannt worden“. Endlich war das Traumziel des Konsums erreichbar für die DDR-Bürger.

Christian Meiser, der damals in der Feinschmecker-Etage arbeitete, weiß noch genau, wie kreuz und quer die Trabis, Wartburgs und Ladas auf dem Gehsteig standen. „Da war so ein ungläubiges Staunen.“ Manche waren auch kritisch: „So viele Sorten Salami passen ja doch nicht aufs Brot.“

Oft flossen Tränen angesichts des Überflusses. Die meisten wollten nur mal gucken. Schließlich galt für DDR-Mark noch ein Wechselkurs von 1:10. Das änderte sich erst mit der Währungsunion. Gekauft wurde vor allem, was es in der DDR damals nicht so leicht gab, Fisch, frisches Obst, Konserven. Und Nougat-Aufstrich. „Man wusste ja auch nicht, wie lange die Maueröffnung dauern würde.“

Die beiden langjährigen KaDeWe-Mitarbeiter feierten am Freitagnachmittag mit 200 Kollegen die Eröffnung der Schaufenster-Ausstellung „Wo warst du am 9. November 1989?“ mit rosa Crémant und bunten Burgern. Sie alle sind mit ihrem Portrait in den kommenden drei Wochen dort zu sehen und geben Antwort auf die Frage, wie sie den Tag des Mauerfalls erlebt haben. Über dem Eingang wurde das 112-Jahre alte Haus vorübergehend umgetauft in „KaDeBe“, Kaufhaus der Berliner.

Alle Freunde kamen zu Besuch

Annett Opitz war oben in der Feinschmecker-Etage bei einer Party für die Besitzer goldener Kundenkarten. „Da gab's kein Telefon, keine Fernseher, niemand hat was mitgekriegt.“ Als sie wieder unter war und die Straßen voller Menschen sah, hat sie jeden angesprochen, bis 5 Uhr morgens gefeiert. Erst wenige Monate zuvor war sie über Ungarn in den Westen geflohen. Gleich am nächsten Tag hat sie ihre Eltern besucht, die zurück geblieben waren in Ost-Berlin.

In der Folge war sie es, die von allen Freunden und Bekannten Besuch bekam an ihrem Arbeitsplatz in der Herrenabteilung. Sie weiß noch genau, wie ihr Chef damals gesagt hat: „Ich kann gar nicht verstehen, dass man so viele Menschen kennen kann.“
Ines Schaeffer hat die Nacht verschlafen.

Die gelernte Verkäuferin jobbte damals im Café Kosmos als Kellnerin, war mit dem Schwarz-Taxi heimgefahren nach Kaulsdorf. Die ganze Dimension des Geschehens konnte sie sich damals noch nicht vorstellen. „Ich hab' mich einfach ins Bett gelegt, wäre ja eh nicht mehr weggekommen.“ Kurz darauf startete sie neu im KaDeWe - und blieb bis heute.

Süßigkeiten für die Kinder

Petra Tholl erinnert sich noch, wie groß das Interesse an den edlen Stoffen war, die sie damals verkaufte. Natürlich konnten sich die allermeisten Besucher das nicht leisten. Gemeinsam mit den Kollegen organisierte sie Süßigkeiten für die Kinder. „Wir haben auch Proben und Muster verteilt, was wir so auftreiben konnten. Die Euphorie war irre, niemand hatte damit gerechnet.“ Erst nach 14 Tagen wurde es wieder etwas normaler.
Der Chef der KaDeWe Group, André Maeder, erzählte von den 10 Millionen Besuchern, die jedes Jahr ins Haus kommen. Seit der Gründung seien es schon eine Milliarde gewesen. Gleich nach dem Brandenburger Tor sei das KaDeWe die Nummer 2 unter den Touristen-Attraktionen.

Auch umgekehrt hat die Maueröffnung damals vor allem älteren Kunden ganz neue Genusserlebnisse beschert, obwohl sie sich in dem Trubel unmittelbar nach dem Mauerfall eher zurückhielten. „Im Frühjahr sind wir ins Umland gefahren, haben Obst und Gemüse gekauft, zum Beispiel aus Werder“, erzählte Christian Meiser.

Da standen auch den Stammkunden öfter die Tränen in den Augen. So lange hatten die West-Berliner verzichten müssen auf Früchte aus dem Umland. Ein damals oft gehörter und in der Situation auch tief empfundener Spruch ist noch in seinem Ohr: „Dass wir das noch erleben dürfen.“

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