Schleuserbande vor dem Berliner Landgericht : Das Geschäft mit der Not der Menschen

Sechs mutmaßliche Mitglieder einer vietnamesischen Schleuserbande stehen seit Freitag vor Gericht. Sie sollen für die Schleusung von 155 Menschen rund 1,46 Millionen Euro kassiert haben.

Der Prozess findet vor dem Berliner Landgericht statt. 
Der Prozess findet vor dem Berliner Landgericht statt. Foto: Jens Kalaene/dpa

Sie sind keine Wohltäter, Schleuser machen aus der Not der Menschen ein Geschäft. Etwa 1,46 Millionen Euro sollen sechs Angeklagte kassiert haben, die an der Schleusung von 155 Vietnamesen beteiligt gewesen sein sollen. Die vier Männern und zwei Frauen, die alle aus Vietnam stammen, stehen seit Freitag vor dem Landgericht.

Die 23- bis 50-Jährigen sollen in Berlin agiert haben. Phu Lanh T. sei der Organisator der Gruppe gewesen, heißt es in der Anklage. Der 40-jährige Koch habe in Kontakt mit ausländischen Gruppierungen gestanden, die die Schleusung bis Deutschland organisiert hätten. 

Die Geschleusten seien in einem sogenannten Safehouse in Lichtenberg untergebracht worden. Sie wollten weiter in andere Länder wie Frankreich und Großbritannien. 5000 bis 20.000 Euro seien fällig gewesen, bevor es von Berlin aus weiter ging. Vor Bezahlung sei es den Geschleusten „ausdrücklich untersagt gewesen, eigene Telefone zu haben und das Safehouse zu verlassen“, so die Anklage. Zugriff auf ihr persönliches Hab und Gut sei ihnen bis dahin verwehrt worden. 

Berlin gilt als ein Verteilerkopf für Schleusungen in andere europäische Länder. Eine nach England sei am teuersten, heißt es bei Ermittlern. In Vietnam sei es häufig so, dass ein Familienmitglied auserkoren werde, um nach Europa zu gehen, Geld zu verdienen und die Familie in der Heimat zu unterstützen. Da werde alles an Ersparnissen zusammengekratzt. Bezahlt werde dann in Etappen. 

Die Ermittlungen sind schwierig. Im Fall der Angeklagten führte die Kontrolle eines slowakischen Fahrzeugs mit vietnamesischen Insassen durch Beamte der Bundespolizei an der deutsch-tschechischen Grenze in Sachsen im Dezember 2018 zu ersten Ermittlungen. 

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Vor sechs Monaten gab es dann bundesweit eine großangelegte Razzia, bei der 32 Häuser und Wohnungen durchsucht wurden. Mit einem Großaufgebot ging die Bundespolizei gegen die mutmaßliche Schleuserbande vor. Etwa 700 Einsatzkräfte waren damals im Einsatz. Sechs Haftbefehle wurden vollstreckt.

Sie betrafen auch die Angeklagten. Ihnen wird nun gewerbs- und bandenmäßiger Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz und Erpressung beziehungsweise Beihilfe dazu vorgeworfen.

Ob sich die mutmaßlichen Schlepper zu den Vorwürfen äußern werden, blieb zunächst offen. Die Vorsitzende Richterin sagte, aus Sicht der Kammer sei das Verfahren geeignet für eine Verständigung. Das Gericht wolle den Prozessbeteiligten am 2. September Strafvorstellungen unterbreiten. 

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