Schüler zur Wende 1989 : Papa, Oma – wie war das, als die Mauer fiel?

Sie waren alle noch nicht geboren, aber die Geschichten vom 9. November 1989 kennen sie trotzdem. Für uns haben drei Schüler ihre aufgeschrieben.

Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10.November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie.
Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10.November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie.Foto: dpa

Papa, wo warst du, als die Mauer fiel? Oma, wie hast du die Wendezeit erlebt? Fragen wie diese haben Schüler gestellt – und für den Wettbewerb des Tagesspiegel aufgeschrieben, was sie erfahren haben. Ihre Texte handeln von der Vergangenheit, aber auch von der Hoffnung, Neues zu entdecken. Dies sind die Beiträge der Sieger. Sie wurden am Freitag beim Festakt im Abgeordnetenhaus ausgezeichnet.

Die eingereichten Texte, zum Teil handgeschrieben. Die historischen Geschichten, alle persönlich weitererzählt. Die Perspektiven, verbindend über die Generationen hinweg. Geschichte kann besonders berühren, wenn sie als Familiengeschichte erzählt und nacherlebt wird. Für den Schülerwettbewerb des Tagesspiegel haben Schülerinnen und Schüler ihre Eltern und Großeltern nach ihren Erlebnissen und Gefühlen zum Mauerfall befragt. Die Texte zeigen auf bewegende Art, wie der Umbruch die Menschen und ihre Familien in und um Berlin bis heute prägt.

Die Auswahljury bestand aus Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, Dramaturgin Eva Stöhr vom Theater an der Parkaue sowie Robert Ide, Geschäftsführender Redakteur des Tagesspiegel. Für den Wettbewerb in Kooperation mit dem Abgeordnetenhaus, dem Theater an der Parkaue und dem Bezirksamt Pankow gab es gut 50 eingesandte Geschichten.

Einige Schulklassen haben sich gesammelt beteiligt, indem sie gleich ein eigenes Geschichtsprojekt organisiert haben. Inspiriert von den Texten und weiteren Workshops entsteht ein Theaterstück für Kinder und Jugendliche, das im März 2020 Premiere am Theater an der Parkaue feiert.

Der Schülerwettbewerb ist eine von zahlreichen öffentlichen Aktionen und multimedialen Projekten, mit denen der Tagesspiegel zum Erinnern von unten anregen möchte – darunter der Sonderzug nach Pankow und eine virtuelle virtuelle Tour durchs geteilte Berlin. Denn viele Geschichten können noch entdeckt werden – gerade zu Hause, bei Freunden und in den Familien. Viel Spaß beim Erzählen!

Platz 1: Emma Rickert, 16 Jahre, aus Lehnitz

Emma Rickert ließ sich vom ersten Döner und der Willkommensmark erzählen.
Emma Rickert ließ sich vom ersten Döner und der Willkommensmark erzählen.Foto: Joana Nietfeld

Dass Emma Rickert am Schreibwettbewerb teilgenommen hat, lag an einer Frage ihrer Lehrerin: „Wer outet sich hier als Ossi und wer als Wessi?“ Das hat die 16-Jährige irritiert: „Ich dachte, ich säße im falschen Film. Es heißt immer, es soll keine Unterschiede mehr geben, und dann werden durch solche Fragen doch welche gemacht.“

Klar, in der Vergangenheit hat es Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Biografien gegeben hat, das weiß Emma von ihren Eltern. Britta und Jens Rickert kommen aus Mecklenburg. Die damals 24-jährige Britta Rickert hatte bei einem Radiosender in Ost-Berlin gearbeitet. Mit dem Einigungstag wurde die Frequenz von der Deutschen Welle übernommen. Britta Rickert wurde arbeitslos. „Danach ging es in einer anderen Branche von ganz unten wieder los: Kaffeekochen oder Post machen“, sagt sie.

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Emma hat diese Geschichten unzählige Male gehört, aber sie kennt auch die Eindrücke ihrer Eltern aus der euphorischen Zeit nach dem Mauerfall: Die erste Tour durch Kreuzberg oder der erste Döner vom Begrüßungsgeld. Bloß die Nacht auf den 10. November 1989 können die Eltern ihrer Tochter nicht beschreiben. Der Vater war auf Dienstreise in Odessa, und die Mutter war früh zu Bett gegangen und erfuhr erst am nächsten Morgen bei der Arbeit in einem Flurgespräch vom Fall der Mauer. Also schaute Emma sich stattdessen Szenen aus dem Fernsehfilm „Bornholmer Straße“ an, um in ihrem Text die Nacht des 9. November beschreiben zu können. „Dieses Chaos, dass niemand Bescheid wusste, das wurde extrem gut dargestellt.“

Es heißt Ost-Nutella

Emma besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums in Oranienburg. Ob sie sich mehr für die deutsch-deutsche Geschichte interessiert als ihre Mitschüler? Ja, vermutlich. Zwar würden in der Klasse manchmal kurze Familienanekdoten erzählt, etwa „wenn die Mutter aus dem Osten immer noch ,Nudossi‘ kauft und der Vater aus dem Westen das am Frühstückstisch als Ost-Nutella bezeichnet“. Doch ansonsten spiele die Wiedervereinigung kaum eine Rolle in ihren Gesprächen.

Emma macht ohnehin vieles anders als ihre Altersgenossen. „Ich finde das wirklich schlimm, dass der Lebensstil bei Leuten in meinem Alter oft nur darauf aufgebaut ist, Bilder in sozialen Netzwerken zu posten“, sagt sie. „Es heißt immer, man will etwas teilen, aber eigentlich will man den anderen zeigen, das habe ich – das hast du nicht. Das ist eine richtig furchtbare Lebenseinstellung.“

Auch bei den Aktionen der „Fridays for Future“-Aktionen war sie bislang nicht dabei: „Die Bildung, die ich in der Schule bekomme, ist ja eigentlich freiwillig.“ Somit seien die Streiks für sie keine richtigen Streiks. Außerhalb der Schulzeit hätte Emma an den Protesten teilgenommen. Denn sie ist auch an Umweltschutz interessiert und möchte nach der Schule erstmal im Ausland soziale oder ökologische Arbeit leisten. „Ich will gerne etwas hinterlassen“, sagt die 16-Jährige. „Damit mein Dasein auf der Erde für die nächsten Generationen einen Sinn ergeben hat.“ Joana Nietfeld

Text von Emma Rickert: Sie steht und fällt mit uns

„Macht das Tor auf, wir kommen wieder!“ „Macht das Tor auf, wir kommen wieder!“ Erst 2, dann 3, dann 4, dann wird die Menge unzählbar. Zusammen in der Masse bekommt ein Wunsch endlich eine Stimme, einen Schrei. Ein Chor aus Ungeduldigen,
Neugierigen, mit Wuttränen. Mit wiegender Melancholie und betäubender Stärke schieben sich die Zukunftssänger unaufhaltsam vorwärts, vorwärts durch die Mauer. Über die Brücke, nur weiter, auf in den Westen, auf in eine unbestimmte Zukunft. Feiern, Weinen, Lachen – Hauptsache zusammen, nie mehr allein. Prenzlauer Berg und Charlottenburg, Männer und Frauen, Bekannte und Fremde – alles liegt sich in den Armen. Endlich wieder ist das Land vereint, denn wir gehören doch zusammen, oder?

Pulsierend hüpft und tanzt die ganze Stadt. Nur ein paar Wohnungen, ohne Fernseher, ohne Radio schweigen die Nacht hindurch, als wollten sie nicht mitfeiern. Der nächste Tag bricht an und die Funken sind geflogen. Vor dem ersten Sonnengruß schon steht die Stadt in Flammen. Ein flammender Ansturm in den Westen. Der erste Döner, die erste Willkommensmark – „Wir wollen einfach mal gucken, wie’s im Westen so aussieht!“

Einen Tag lang das pure Abenteuer, aber als es auch am Ku’damm Abend wird, ist es Zeit, den Heimweg anzutreten, das Leben muss ja schließlich weitergehen. Arbeit, Haus und Kinder, der Alltag klopft an und der Trubel legt sich behutsam. Verbunden aber werden wir von nun an immer sein!

Dann kippte die Stimmung

„Gib den Dingen Zeit, sie nehmen ihren Lauf!“ Die Zeit kam, und letztlich sah man auch die Seiten, die man gar nicht hatte sehen wollen. Die Seiten, die es dem Misstrauen leicht machen. Der langersehnte Bruder ward gefunden, doch in Wahrheit war es ein Fremder, dem man begegnete. Man konnte eine Nacht lang mit ihm feiern, wollte ihn aber nicht zum ständigen Begleiter, wollte einen für das „Jetzt“, nicht für das „Immer“. Auf einmal schien es doch bedeutend schwerer, sich als Eins zu zeigen. Aber
wie soll das auch gehen, wenn beide so ungleich sind. Einer musste angepasst werden.

Herkunft vor Kompetenz, und der Ost-West-Konflikt war geboren. Müßig nur scheinen sich die beiden Bevölkerungen zum neuen Volk zu mischen. Ost strömt nach West, West nach Ost nur zögerlich. Das Bleiben wird für viele Ossis hart, das Weggehen noch härter. Die Betriebe bekommen „endlich kompetente Führung“, so hört man, und als Angestellter heißt es, sich hochzuarbeiten. Beim Kaffeekochen angefangen, erscheint der Aufstieg schier unmöglich. Schafft es doch einer, so heißt es sogleich: „Ach,bei Ihnen bemerkt man ja gar nicht, dass Sie aus’m Ost’n sind.“

Heute, 30 Jahre später, sind die Narben von Bitterkeit und Misstrauen immer noch tief. Inzwischen sind neue Generationen herangewachsen. Kinder, denen eine Mauer nie den Blick und Weg versperrte. Aber auch wir sind sozialisiert worden, und wie es scheint, nach früheren Werten. Es geht soweit, dass unsere Eltern meinen, uns Kinder unterscheiden zu können. Selbst Lehrer wollen uns 2000er als Ossis und Wessis betiteln. Dabei sind wir doch Deutsche!

Platz 2: Lillya van Dyk, 10 Jahre, aus Pankow

Lillya van Dyk hatte einen vertrauenswürdige Quelle: ihren Vater.
Lillya van Dyk hatte einen vertrauenswürdige Quelle: ihren Vater.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Die bunte Spielzeugfigur mit rotweißer Zipfelmütze und überlanger Nase? „Pinocchio!“ Da waren sich alle Kinder der 4. Klasse an der Evangelischen Schule Pankow schnell einig. Aber Tom Werner, Vater ihrer Mitschülerin Lillya van Dyk, schüttelte den Kopf. „Das ist nicht Pinocchio, das ist Burattino.“ Also nicht das italienische Original, sondern das russische Pendant, das auf die Nacherzählung des sowjetischen Schriftstellers Alexei Nikolajewitsch Tolstoi zurückgeht.

Die Lehrerin Regine Tretbar hatte für ein Projekt zu DDR und Mauerfall Eltern gebeten, im Sachkundeunterricht zu erzählen. Auch Tom Werner machte mit, hatte gleich noch ein paar Utensilien aus seiner Jugend mitgebracht: Burattino eben, seinen Pionierausweis von der SED-Jugendorganisation, ein Hausaufgabenheft und sogar Schulbücher aus seiner 4. Klasse. Authentischer geht es nicht.

Als dann die Einladung kam, am Schülerwettbewerb des Tagesspiegels zum Mauerfall teilzunehmen, war das eine prima Vorbereitung. Alle wollten sofort mitmachen, und die allermeisten hätten es auch getan, erzählt die zehnjährige, mittlerweile in der 5. Klasse angekommene Lillya, deren Text mit dem zweiten Preis prämiert wurde.

Das Ost-West-Thema lag in ihrer Familie nahe: die Mutter aus Bremen, der Vater, ihr Interviewpartner, aus Ost-Berlin, heute als Eventmanager tätig. Vor 30 Jahren war er Student an der Babelsberger Filmhochschule, setzte sich mit zwei Kommilitonen gleich am Abend des 9. November kurzentschlossen ins Auto, fuhr über Dreilinden und die Avus nach West-Berlin. Das wäre am nächsten Morgen auch der nächste Weg zum Fernsehzentrum Adlershof gewesen, zur Theorieprüfung in TV-Technik. Aber nein, sie mussten wieder außenrum über Teltow. Transit durch West-Berlin? So offen war die Grenze doch nicht.

Von Wissenschaft und Zauberei

Es gab für Lillya noch eine Vorbereitung auf das Interview: den im Unterricht angesehenen Trickfilm „Fritzi“ – eine „Wendewundergeschichte“ über ein Mädchen aus Leipzig im Herbst 1989, deren Freundin aus dem Ungarn-Urlaub nicht zurückkommt. Aber Fritzi sollte doch auf ihren Hund aufpassen...

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Für die Niederschrift des Interviews war keine Form vorgeschrieben. Lillya entschied sich für die Ich-Form, aus der Perspektive des Befragten. Doch trotz des Erfolges im Wettbewerb, der Interesse an Geschichte und Spaß am Schreiben voraussetzte: Ihr Lieblingsfach bleibt „Nawi“, die Naturwissenschaften. Eine Wissenssparte, bei der es um Naturgesetze, nicht um die solcher Gesetze spottende Zauberei geht wie in den Harry-Potter-Büchern, die Lillya alle mit Begeisterung gelesen hat.

Da noch kein Weg gefunden wurde, das in Hogwarts gepflegte Quidditch-Spiel um den goldenen Schnatz passgenau auf die Welt der Muggels zu übertragen, spielt sie eben Hockey. Angst, sich dabei zu verletzen, schließlich ist der Ball ziemlich hart, hat sie keine. Sie spielt nur gut gepolstert, das Gesicht vergittert: Lillya steht im Tor. Andreas Conrad

Text von Lillya van Dyk: Die Party am Kudamm

Am Abend des 9. November 1989 war ich in der Nähe vom Griebnitzsee, in der „Bratpfanne“, dem Studentenklub der Babelsberger Filmhochschule. Ich saß zusammen mit einem Freund vor dem Fernseher, und wir verfolgten gespannt die Liveübertragung der legendären Pressekonferenz mit Günter Schabowski. Das war so gegen 19.00 Uhr. Danach überschlugen sich die Ereignisse, und die TV-Sender kamen mit ihrer Berichterstattung kaum hinterher. Es war spannender als jeder Krimi!

Irgendwann um 22.00 Uhr wurde von der Öffnung des ersten Grenzübergangs in der Bornholmer Straße in Berlin berichtet. Kurze Zeit später stürmte ein Kommilitone in unser Zimmer und sagte: „Kommt, wir fahren zum Kudamm.“ Mein Freund und ich sahen uns verwundert an, zogen uns aber trotzdem schnell die Jacken an und stiegen gemeinsam ins Auto. Wir fuhren in Richtung Autobahn. Uns war schon etwas komisch und unheimlich zumute. Denn in Richtung Grenzübergang „Dreilinden“ sind wir vorher noch nie gefahren. Wir waren nicht die einzigen, die sich auf den Weg zur Grenze gemacht hatten.

Während sich an der Bornholmer Straße und anderen Grenzübergängen innerhalb von Berlin viele Menschen zu Fuß auf den Weg in den Westen gemacht haben, waren hier ausschließlich Autos unterwegs. Ohne große Probleme konnten wir den Grenzübergang passieren. Wir mussten nur unseren Personalausweis vorzeigen, bekamen einen Stempel reingedrückt, und wenig später fuhren wir über die damals noch hell erleuchtete Avus in Richtung Kurfürstendamm.

Das erste Freibier im Westen

Viel konnte man auf den ersten Metern vom Westen nicht sehen, da links und rechts von der Autobahn nur Wald war. Aber dann sahen wir den angestrahlten Funkturm und das ICC. Dieses Postkartenmotiv war für uns schon sehr unwirklich und absurd. Um uns herum hupten die ganze Zeit viele Autos und wildfremde Menschen winkten uns zu. Wir folgten der Ausschilderung weiter in Richtung Kurfürstendamm. Dort waren sehr viele Menschen unterwegs, und wir kamen mit dem Auto kaum noch durch.

So parkten wir unweit vom Adenauer-Platz in der Nähe der Kneipe „Klo“. Dort war schon volles Haus und wir bekamen unser erstes Freibier. Auf dem Kudamm ging es gegen Mitternacht zu wie bei einem großen Volksfest. Viele fremde Menschen aus Ost- und West-Berlin kamen zusammen und fielen sich vor Freude weinend in die Arme. Überall Jubel, Schulterklopfen und Sekt. Von einer Telefonzelle rief ich bei meiner Mutter an, und auch sie konnte kaum fassen, dass ihr Sohn jetzt am Kudamm in West-Berlin stand.

Alle waren voller Glückseligkeit und feierten ausgelassen. In vielen Kneipen wurden wir eingeladen, um mit den anderen Gästen anzustoßen. Es war einfach unglaublich! Da wir am nächsten Morgen eine wichtige Prüfung hatten, mussten wir dann doch irgendwann wieder zurück nach Babelsberg.

So kurz nach 4.00 Uhr fielen wir überglücklich in unsere Betten und mussten wenig später schon wieder aufstehen, um nach Adlershof zu fahren – diesmal jedoch außenrum über Teltow. Unsere Prüfer fragten uns, warum wir so müde und völlig fertig aussehen. Die Prüfung habe ich mit Bravour bestanden – vielleicht, weil ich sowieso in einem Glücksrausch war.

Platz 3: Malte Kutschik, 10 Jahre, aus Friedrichshain

Malte Kutschick und seine Mutter Marén.
Malte Kutschick und seine Mutter Marén.Foto: Stefan Weger

Nun gut, das Nilpferd ist also im Leuchtturm steckengeblieben, das sollten sie malen, das hat er getan. Aber wie ist es die Treppe hochgekommen? Damit hat sich der zehnjährige Malte nicht beschäftigt, aber jetzt, nur so zum Spaß, danach gefragt, hat er sofort eine Antwort: „Na, auf den Beinen.“

Muss ein fantasievoller Unterricht sein, der Malte Kutschick in der Friedrichshainer Temple-Grandin-Schule geboten wird, einem Sonderpädagogischen Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Autismus. Auch in seiner fünften Klasse, geleitet von den Lehrerinnen Ulrike Oels und Beate SchwabeWitt, werden drei seiner Mitschüler besonders gefördert.

Erst am Vortag wurde in der Klasse bekanntgegeben, dass Malte im Tagesspiegel-Schülerwettbewerb zum Mauerfall den dritten Platz errungen hat. Klar, da gab es Applaus. Alle seien gleich dafür gewesen, sich am Wettbewerb zu beteiligen, erzählt Malte. Also die Eltern zu interviewen, wie das vor 30 Jahren war. In seinem Fall die Mutter, Marén Kutschick, Gewandmeisterin an der Volksbühne, die damals an der Staatsoper Schneiderlehrlinge ausbildete.

Den Abend des 9. November hatte sie nach Schabowskis Pressekonferenz nicht weiter verfolgt, anders als ihr damaliger Freund, der losgezogen war und sie morgens überraschte, er sei im Westen gewesen. Sie selbst fuhr erst zwei Tage später hin, eher skeptisch, verständnislos gegenüber den Schlangen vor den Supermärkten – als habe man im Osten hungern müssen, als sei Konsum das Wichtigste. „Das war nicht meins.“

Was er vorher über die Mauer gewusst habe? Nicht sehr viel, gibt Malte zu. Aber beim Interview war er gut vorbereitet, hatte mit der Klasse die Gedenkstätte in der Bernauer Straße besucht, Tipps fürs Schreiben bekommen – der Wettbewerb wurde so zum fachübergreifenden Projekt von „Gewi“, Gesellschaftswissenschaften, und Deutsch.

Lieber Fußball als Historie

Auch mit dem Holocaust hat sich die Klasse schon beschäftigt. Die Kinder besichtigten in der Charlottenburger Villa Oppenheim die Ausstellung „Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“, putzten Stolpersteine, suchten nach Spuren jüdischen Lebens, bemalten für das „Butterfly Projekt“ Keramikschmetterlinge zur Erinnerung an ermordete jüdische Kinder und Jugendliche, Malte für ein Mädchen namens Doris Birnbaum. Sie wohnte von seiner Wohnung aus fast gleich um die Ecke, er kann es genau beschreiben.

Aber so spannend die historische Arbeit auch war: Seine Lieblingsfächer bleiben doch „Nawi“, also Chemie und die anderen Naturwissenschaften, und besonders Sport. Seit sechs Jahren spielt er im Verein Fußball, zweimal die Woche. Seine Lieblingsmannschaft? „Bayern München.“ Seine Mutter runzelt die Stirn, diese Liebe teilt sie nicht.

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Aber gegen Maltes andere Interessen hat sie offenkundig keine Einwände. Westerncomics beispielsweise, Klassiker wie „Ringo“ und „Lucky Luke“, den er auch als Trickfilm und mit Terence Hill kennt. Und die „Star Wars“-Figuren von Lego, die vor dem Gespräch erst mal vom Tisch geräumt werden mussten, deuten an, dass Malte auch an der Zukunft heftiges Interesse hat. Andreas Conrad

Text von Malte Kutschik: Der verschlafene Mauerfall

Meine Mutter lebte mit ihrem Freund Markus in Ost-Berlin im Prenzlauer Berg. Sie war 22 Jahre alt. Meine Mutter war am 9. November, an dem Tag, als die Mauer fiel sehr müde und ging früh in Bett. Ihr Freund Markus schaute abends noch Nachrichten. Als er erfahren hatte, dass die Grenzübergänge an einigen Stellen in Berlin geöffnet wurden, ging er heimlich mit seinem Freund zur Mauer.

Am nächsten Morgen klingelte er um 5 Uhr bei meiner Mutter. Sie öffnete die Tür und er sagte, dass er gerade im Westen gewesen war. Meine Mutter antwortete: „Spinnst du?!“ Sie verstand gar nicht, was los war. Ihr Freund berichtete von diesem Ereignis. Er erzählte, dass er mit dem Zug bis zum Zoologischen Garten gefahren und zum Kudamm gelaufen sei. Er war überwältigt von den vielen bunten und leuchtenden Reklamebannern. Aber am meisten faszinierte ihn die singende und grölende Menschenmasse. Zwei Tage später ging meine Mutter dann in den Westen. Sie fühlte sich fremd und verstand die Menschen nicht, die Schlange standen an den Supermärkten.

Kinder lesen ihre Geschichten im Sonderzug aus Pankow

Einige Schüler der Evangelischen Schule Pankow haben ihre Texte am 9. November im Sonderzug von Tagesspiegel und „Berliner Zeitung“ vorgelesen, hier ihre Texte im Wortlaut.

Von Franz Brambosch

Wäre der Mauerfall nicht gewesen, gäbe es mich gar nicht. Meine Mutter kommt nämlich aus der ehemaligen DDR. Sie war am 9. November 1989 vierzehn Jahre alt. Mein Vater war zwanzig und lebte in der BRD. Sie lernten sich Jahre später kennen. Wie erlebte meine Mutter den Mauerfall? Gar nicht. Sie verschlief ihn.

Am nächsten Tag ging sie fröhlich zur Schule. Dort herrschte eine merkwürdige Stimmung. Alle standen in Grüppchen und haben getuschelt. Auch die Lehrer waren komisch. Meine Mutter hörte, wie jemand sagte, die Mauer sei gefallen. Und sie fragte laut, wessen Mauer da kaputt gegangen war. Alle lachten.

Nachmittags kam sie nach Hause und raunzte ihre Mutter, meine Oma, an, warum sie ihr das nicht gesagt hat. Da gestand ihr meine Oma, dass sie das mit der Mauer tatsächlich im Fernsehen gesehen hatte und es trotzdem nicht glauben konnte. Aber es stimmte trotzdem.

Von Paula Bornemann

Die Freundin meiner Mutter war 14 Jahre alt und wohnte in Thüringen in der DDR, als die Mauer fiel. Die ganze Familie saß vorm Fernseher. Niemand hatte damit gerechnet, alle waren erstaunt und freuten sich. Verwandte aus dem Westen, aus Mannheim, riefen an und fragten, ob sie nicht vorbeikommen wollten.

Ihre Eltern waren sich am Anfang unsicher, weil sie nicht so ein gutes Auto hatten. Aber nun wuchs die Neugier und so stand fest: Nächstes Wochenende geht es los in den Westen!

Alle waren aufgeregt. Am nächsten Tag in der Schule war eine schöne und gespannte Stimmung. Viele Kinder waren nicht da. Die Freundin meiner Mutter war noch bis zum Wochenende in die Schule gegangen, dann war es aber soweit! Es ging in den Westen. Direkt hinter der Grenze wurden sie und ihre Eltern von den Verwandten abgeholt. Es war überwältigend! Sie hatten sich bisher noch nie besuchen können. Im Westen angekommen war alles anders: viel bunter, greller und in den Läden roch es unglaublich süß.

Von Leni Mieritz

Mein Papa kommt aus Ost-Berlin. Er war 10 Jahre alt, als die Mauer fiel und ging in die 4. Klasse. Sein Papa war demonstrieren und seine Mama war zu Hause, weil sie erkältet war.

Papa hat den Mauerfall verschlafen und am nächsten Morgen haben seine Eltern ihm davon berichtet. Er ging dann zur Schule und ganz viele Kinder fehlten, worüber sich seine Klassenlehrerin Frau Schütze ganz furchtbar aufregte weil sie den Mauerfall doof fand. Am darauf folgenden Tag ging Papa mit seinem Bruder und seinen Eltern nach West-Berlin und er war ganz überrascht, wie dreckig es dort war.

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