Berliner Landesschülersprecher im Interview : „Hausaufgaben müssen begrenzt werden“

Bessere digitale Bildung, Politik als Schulfach, mehr Mitsprache – das fordert der neue Landesschülersprecher. Ein Gespräch.

Philipp Mensah, 18, ist Vorsitzender des Landesschülerausschusses. Er besucht die Martin-Buber-Oberschule in Spandau und macht im nächsten Jahr sein Abitur.
Philipp Mensah, 18, ist Vorsitzender des Landesschülerausschusses. Er besucht die Martin-Buber-Oberschule in Spandau und macht im...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Mensah, Sie sind neuer Landesschülersprecher. Kurz nach Ihrer Wahl hieß es, der Landesschülerausschuss will die Hausaufgaben abschaffen. Stimmt das?

Wir wollen die Hausaufgaben nicht komplett, sondern in ihrer jetzigen Form abschaffen. Hausaufgaben sind zum Vertiefen und Wiederholen da. Es passiert aber zu häufig, dass Unterrichtsinhalte in die Hausaufgaben ausgelagert werden, und das ist nicht der Sinn der Sache. Viele Schüler brauchen dann Unterstützung, allein um die Aufgaben zu verstehen, und müssen sich Nachhilfe organisieren. Das können sich aber nicht alle leisten.

Wie viel Zeit geht Ihrer Erfahrung nach für Hausaufgaben drauf?

Das ist natürlich individuell unterschiedlich. Aber ich kenne viele Fälle, da sitzen Schüler an einer Aufgabe eineinhalb Stunden – und das ist zu viel.

Wie sollen die Hausaufgaben Ihrer Meinung nach aussehen?

Ich habe einen Lehrer, der sagt: „Arbeitet mal zu Hause eine halbe Stunde lang an dieser Aufgabe. Wenn ihr in der Zeit nicht fertig werdet, hört auf und sagt in der nächsten Stunde, woran es gelegen hat.“ Das finde ich sinnvoll, denn das ist eine Begrenzung und auch für den Lehrer eine gute Rückmeldung.

Sie kritisieren, dass es keine verbindlichen Vorgaben für Hausaufgaben gibt.

Wir wollen, dass die Senatsbildungsverwaltung verbindliche Leitlinien vorgibt. Es soll festgelegt sein, wie lange die Hausaufgaben dauern sollen, und welche Formate erlaubt sind. Im Moment können die Schulen das regeln, wie sie wollen.

Sollten die Hausaufgaben in die Schulen verlagert werden?

Ja, wir wollen, dass alle Schulen eine vernünftige Hausaufgabenbetreuung gewährleisten. Dazu gehört, dass ein Ansprechpartner da ist, der die Methoden erklären kann. Und die Schulen sollen auch die Räume dafür und die Ausstattung zur Verfügung stellen – also Computer und die Software, die man zum Beispiel für Präsentationen braucht.

Haben Sie auf Ihre Forderungen schon eine Rückmeldung bekommen?

Von Schülern und auch Eltern haben wir vor allem Zuspruch bekommen. Wir finden es wichtig, dass das Problem erkannt und diskutiert wird. Wir werden uns Anfang des Jahres auch mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres treffen und das Thema ansprechen.

Der Landesschülerausschuss hat schon mit seiner Forderung nach einem Schulfach Politik etwas bewirkt – das soll bald als eigenständiges Fach in die Mittelstufe kommen. Wissen Sie schon, wie das umgesetzt wird?

Wir wollen eine Stunde Politikunterricht auch für die Klassen 7 bis 10. Es ist allerdings immer noch nicht klar, wie das in den Stundenplan integriert wird. Wir sind gegen eine Aufstockung der Stundenzahl. Eher müssen die Rahmenlehrpläne entschlackt werden. Ab dem nächsten Schuljahr soll es eine eigene Benotung für Politik geben. Und soweit wir wissen, soll Anfang des Jahres entschieden werden, wie das Fach dann tatsächlich organisiert wird.

Welche Themen sind dem Landesschülerausschuss noch wichtig?

Wir wollen, dass die Schülerpartizipation gestärkt wird. Viele Schüler wissen gar nicht, welche Gremien und Möglichkeiten es gibt, um sich einzumischen. Dass man beispielsweise auch auf Bezirksebene im Schulbeirat und Schülerausschuss mitarbeiten kann – oder dass es uns gibt. Vor Kurzem war ich bei einer Veranstaltung mit 200 Klassensprechern. Als ich fragte, wer den Landesschülerausschuss kennt, meldeten sich vielleicht zwanzig. Die Schulen müssen darüber besser informieren, sie müssen den Schülern erklären, welche Rechte sie haben. Und wir fordern auch, dass Schülervertretungen besser unterstützt werden und ihnen Räume und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Sie setzen sich zudem für eine bessere digitale Ausstattung und Medienbildung ein.

Wir beobachten, dass es an einigen Schulen eine Pseudo-Digitalisierung gibt. Da verfügen die Schulen beispielsweise über Smartboards oder Laptopklassen, aber es gibt keine stabile Internetverbindung. Manchmal fehlen bei den Lehrkräften auch die Kenntnisse, wie man die digitalen Medien sinnvoll einsetzt. Wir wollen, dass es überall eine vernünftige Ausstattung und auch das Know-How gibt. Außerdem wollen wir eine Abschaffung von pauschalen Handyverboten. Zu einer modernen Medienbildung gehört es dazu, dass man den Schülern einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien vermittelt – und das geht mit pauschalen Verboten nicht.

Apropos Ausstattung: Viele Schulen sind aufgrund des Sanierungstaus marode. Wie wirkt sich das auf die Schüler aus?

Es belastet teilweise schon die Unterrichtsqualität, zum Beispiel bei Baulärm. Inzwischen gibt es manche topsanierte, gut ausgestattete Schulen, und andere, die vergammelt sind und uralte Geräte haben. Das ist natürlich ungerecht und muss so schnell wie möglich behoben werden.

Sorgen macht vielen auch die hohe Zahl an Quereinsteigern bei den Lehrern.

Das Thema beschäftigt uns auch. Ich selbst habe gute Erfahrungen mit Quereinsteigern gemacht, besonders in der Oberstufe. Ich hatte in Physik und Chemie Quereinsteiger, die aus der Forschung kamen, die waren fachlich einfach super. Aber wir hören auch von Fällen, da fehlt den Quereinsteigern die pädagogische Kenntnis und Erfahrung. Da muss nachgebessert werden. Wir wünschen uns ohnehin eine bessere Evaluation aller Lehrkräfte – sie sollen sich regelmäßig einer anonymen Bewertung durch Schüler stellen. So kann man Probleme erkennen und bearbeiten.

Sie machen bald Abitur. Zusammen mit der Arbeit als Landesschülersprecher haben Sie ganz schön viel zu tun, oder?

Ja, in manchen Wochen, wenn wir viele Sitzungen haben, ist schon ziemlich viel los. Aber die Arbeit im Landesschülerausschuss macht mir Spaß, es haben sich Freundschaften gebildet und es ist toll, wenn man politisch etwas bewegen kann.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

Philipp Mensah, 18, ist Vorsitzender des Landesschülerausschusses. Er besucht die Martin-Buber-Oberschule in Spandau und macht im nächsten Jahr sein Abitur.

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