Berliner Schule : Jede Schwänzerstunde zählt

Bildungssenatorin Scheeres kündigt strengeres Vorgehen und mehr Hilfen bei Schuldistanz an. Bezirke verfolgen unterschiedliche Konzepte.

Wer viel schwänzt, läuft Gefahr, zu den rund zehn Prozent eines Jahrgangs ohne Abschluss zu gehören.
Wer viel schwänzt, läuft Gefahr, zu den rund zehn Prozent eines Jahrgangs ohne Abschluss zu gehören.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Viel hilft viel? Nicht unbedingt: Neukölln geht rigoros gegen Schwänzer vor, und dennoch ist hier die Schwänzerquote höher als etwa in Friedrichshain-Kreuzberg, wo nicht einmal Bußgeldanzeigen geschrieben werden – während Neukölln hunderte an die Eltern verschickt. Sind also die Anzeigen umsonst? Oder sind sie zumindest nicht so wirkungsvoll wie die „pädagogischen Gespräche“, die Friedrichshain-Kreuzberg an die Stelle der Bußgeldbescheide setzt?

Fragen wie diese sind schwer zu beantworten: Zu komplex ist das Geschehen rund um die Schuldistanz und zu ungleich die sozialen Bedingungen in den Bezirken. Dennoch ließ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag keinen Zweifel daran, dass sie den Verzicht auf Bußgeldbescheide „unverantwortlich“ findet, denn „eine Androhung von bis zu 2500 Euro Bußgeld schreckt die Eltern auf“, ist sich Scheeres sicher.

Die Schwänzerstatistik wird sich verändern

Es ging am Montag aber noch um mehr als nur Bezirksvergleiche: Die Senatorin kündigte an, ab August offensiver gegen das Schwänzen vorzugehen, indem nicht nur Fehltage, sondern auch Fehlstunden zu Buche schlagen sollen. Mit anderen Worten: Wenn ein Schüler 30 Einzelstunden unentschuldigt fehlt, findet sich das aktuell nur auf dem Zeugnis wieder. Künftig sollen die Fehlstunden in Fehltage umgerechnet werden. Dies bedeutet, dass die 30 Stunden als fünf Fehltage gewertet werden, und ab fünf Tagen ist eine Schulversäumnisanzeige fällig. Die Schwänzerzahlen dürften somit rein statistisch steigen.

Förderung in Kleingruppen

Harald Leppler hält das für den richtigen Weg. Der Leiter der Steglitzer Helene-Lange-Sekundarschule war am Montag in die Bildungsverwaltung gekommen, um seine Erfahrungen mit einem Bezirksprojekt zu schildern, mit dem Schwänzer wieder an den Schulalltag herangeführt werden sollen. Es heißt „Deine Stärken aktivieren“ und besteht darin, dass die Schüler einige Monate lang in Kleingruppen gefördert werden. Dafür geben die beteiligten Schulen einen Teil ihrer Lehrerstunden ab, um das Projekt personell zu unterfüttern. Zudem gibt es eine enge Anbindung an den schulpsychologischen Dienst.

Kleinklassen oder temporäre Lerngruppen für schwierige Schüler gehören zur Agenda der rot-rot-grünen Koalition. Scheeres betonte, diese Strukturen seien wichtig, um „Kinder zu schützen und zu stärken“ – was viele Lehrer ebenso sehen, aber lange vermissen mussten: Insbesondere verhaltensauffällige Schüler sprengen den normalen Unterricht, und ohne Kleingruppen kommt man schnell an die Grenze, zumal es in Berlin kaum Angebote für verhaltensgestörte Kinder gibt.

Bisher kein Durchbruch

Ob die Schwänzerquoten in der Zukunft sinken werden, wenn es mehr Kleingruppen gibt, ist allerdings schwer vorauszusagen: Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Schwänzerzahlen – trotz immer neuer Projekte, Vorschriften und Hilfen – kaum sinken. Umso mehr Wert legt das Abgeordnetenhaus auf maximale Transparenz beim Thema Schwänzen.

Im ersten Halbjahr weniger Schwänzer

Daher gab es einige Verwunderung über Scheeres’ Ankündigung, dass die Schulleiter ihre Fehlzeitenstatistik „ab 2018 nur noch einmal erheben sollen und zwar zum Ende des ersten Schulhalbjahres“. Da es im ersten Halbjahr viel weniger Schwänzer als im zweiten gibt, wurde die Vermutung laut, dass Scheeres „Statistik-Kosmetik“ betreiben wollte. Das aber bestreitet ihre Sprecherin: Zumindest die Zahl der unentschuldigten Fehltage soll auch weiterhin im zweiten Halbjahr erhoben werden, betonte Beate Stoffers.

Andernfalls wäre Scheeres wohl auch in Erklärungsnöte geraten, denn die Erfassung der ganzjährigen Schwänzerzahlen war ihr - nicht zuletzt auf Druck ihres Parteifreundes Joschka Langenbrinck - vom Abgeordnetenhaus auferlegt worden. Damals wurde auch festgelegt, dass unentschuldigten Fehlens Anzeigen geschrieben werden müssen.

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