Mindestens dreieinhalb Stunden sind sie draußen, jeden Tag

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Conrad-Schule in Zehlendorf : Erste Klasse unter Bäumen
Mit Stöcken im Boden graben.
Mit Stöcken im Boden graben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Zehn Meter vom Lehmhügel entfernt legt Erzieher Thore Krietemeyer mit Kindern einen Stockkreis an. Die Jungen und Mädchen haben einen daumentiefen Kreis im Waldboden ausgehoben. Den füllen sie mit Zweigen und Ästen und verkleben ihn mit Lehm. Am Ende wird sich alles zu einem kreisrunden, knöchelhohen Windschutz auftürmen. Die Kinder werden dann am Ende eines Tages im Ring sitzen und erzählen, was sie erlebt haben. Diesen Ring hat Julius angesteuert, als er den Lehmhügel verlassen hat. Er will Zweige und Äste verkleben.

Elina trägt einen roten Sonnenhut auf den langen, blonden Haaren, die Achtjährige freut sich, „dass es hier Tiere gibt“. Ihre Sammlung umfasst bisher: Feuerkäfer, Tausendfüßler, Wanzen, Würmer. Neben ihr taucht Henni auf, sechs Jahre alt, grünes Kleid, weiße Jacke, ein Malbuch unterm Arm. Sie hat Benny gemalt, der an Zweigen gesägt hat.

Lesen, Schreiben, Rechnen stehen auch auf dem Stundenplan

Von circa 10 Uhr bis zum Mittagessen um 13.30 Uhr sind die Kinder im Wald. Der Schulalltag beginnt allerdings zwischen 8 und 8.30 Uhr, er basiert auf der Montessori-Pädagogik. Bis zum Ausflug in die Natur stehen die üblichen Themen auf dem Programm, Rechnen, Schreiben, Lesen. Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit, dann gibt’s noch mal Unterricht, mal draußen, mal drin. Der Stoff orientiert sich an der ganz normalen Regelschule. „Von hier aus kann man sofort problemlos in eine andere Schule wechseln“, sagt Birgit Eiselt.

Neues Schulfach: Lebenskompetenz

Zwei Fächer freilich heben die Waldklasse von anderen Schulen heraus. „Kultur und Lebenskompetenz“ und „Natürliche Lebensräume“. Zur Lebenskompetenz gehört zum Beispiel Fahrradreparieren oder der Umgang mit Bohrmaschinen. Und natürliche Lebensräume erleben die Kinder jeden Tag im Wald. Die Fächer werden bewertet und tauchen im Zeugnis auf. „Wir haben sehr viel Unterstützung von der Senatsverwaltung für Bildung erhalten“, sagt Birgit Eiselt.

Zu den Erfolgsgeschichten der Waldklasse gehört auch jener Junge, den Anne Tlach bewundernd beobachtet hatte. Er hatte sich am Anfang, fast resignierend, mit den Worten vorgestellt: „Ich kann ja nichts. Ich habe eine Lese-Rechtschreibschwäche.“ Ein paar Tage später fand die Eröffnungsfeier der Waldklasse statt. Der Junge las dabei stolz einen Text vor.

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