Eindrücke vom Corona-Abitur : Einfach unvergesslich

Bangen und Hoffen gehören immer dazu – und doch war dieses Mal alles anders. Fünf Betroffene erzählen, wie sie das Abi 2020 erlebten.

Pause machen, bevor es weitergeht. Die Coronakrise stellte die Zukunftspläne vieler Absolventen auf den Kopf.
Pause machen, bevor es weitergeht. Die Coronakrise stellte die Zukunftspläne vieler Absolventen auf den Kopf.Foto: Getty Images

„So hatten wir uns das nicht vorgestellt“

Das Abi-Jahrbuch ist das Highlight 2020, das Einzige, was noch geklappt hat. Ein Bild und ein paar lustige Kommentare: Das bleibt uns als Erinnerung an die Abi-Zeit. Alles andere wurde wegen Corona abgesagt. Klar, dass unsere Stimmung bedrückt war, so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Es gab keine Mottowoche, in der man jeden Tag anders verkleidet zur Schule kommt. Abi-Fahrten wurden storniert, die Abi-Feier abgesagt. Das alles gehört zur Tradition! Besonders der Ball, der nicht nur das Ende der Schulzeit markiert, sondern symbolisch den Weg in die Freiheit öffnet.

Überhaupt konnte ich meinen Jahrgang nicht so oft sehen, wie ich es gern getan hätte. Die Abi-Vorbereitung war stressiger als normal. Durch das Homeschooling war Chancengleichheit nicht gegeben, dagegen haben wir deshalb protestiert. Fast täglich bekam ich verzweifelte Anrufe von krebskranken Schülern und Asthmatikern, die um Hilfe baten. Wir haben bei den Schulleitungen Sondertermine für ihre Klausuren beantragt. Es gab rund 50 solche Fälle.

Auch die Prüfungsdurchführung lief nicht optimal. Einer meiner Leistungskurse war Chemie. Durch die Abstandsregelung sind die Experimente weggefallen, wo man relativ einfach punkten kann. Am Ende bin ich froh, dass ich alles hinter mir habe. Jetzt möchte ich studieren. Parallel dazu plane ich eine Abgeordnetenhauskandidatur für die SPD in Charlottenburg. Doch zuerst muss ich noch umziehen. Meine Mutter kehrt nach Kolumbien zurück. Eine Wohnung zu finden ist hart, viele Abiturienten kommen nicht klar mit der Suche. Der Rest wird schon klappen.

Miguel Góngora (18) ist Vorsitzender des Berliner Landesschülerausschusses. Er machte sein Abi am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium in Charlottenburg.

„Gerechter wäre ein Durchschnittsabitur“

Julia Dobbert (42) ist Lehrerin am Lessing-Gymnasium in Wedding und unterrichtet dort Mathe und Physik:

Als es endlich grünes Licht für das Abi gab, habe ich meinen Schülern im Leistungskurs Physik Video-Konferenzen angeboten, um noch einmal alle Fragen zu besprechen. Die Mehrheit machte mit. Zu meiner Überraschung herrschte auch während der Prüfung keine große Panik vor Ansteckung.

Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass die Vergleichbarkeit des Abiturs gegenüber anderen Jahrgängen nicht gegeben ist. Es gab einfach wesentlich schlechtere Voraussetzungen für die Vorbereitung. Allein durch die Isolation war die psychologische Belastung enorm. Normalerweise treffen sich die Schüler in Lerngruppen und üben gemeinsam. Gerade unsere Abiturienten kommen oft aus nichtakademischen Familien und haben nicht immer die optimalen Lernbedingungen. Ein Durchschnittsabitur wäre eine gerechtere Lösung.

Unterm Strich sind die Prüfungen aber gar nicht so schlecht verlaufen. Ich hatte ehrlich gesagt Schlimmeres befürchtet. Die meisten haben gute Leistungen abgeliefert – und starten inzwischen frohen Mutes in ihren neuen Lebensabschnitt.

„Ich fokussierte mich nur noch darauf, die Sache durchzuziehen“

Rahel Marie Yildiz (18) meisterte erfolgreich ihren Abschluss am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Prenzlauer Berg:

Corona hat meine Abiturnoten ziemlich beeinflusst. Ich habe jüngere Geschwister. Schon vor dem Lockdown konnte ich für meine Klausuren nie wirklich zu Hause lernen. Weil auch die Kitas geschlossen wurden, waren meine beiden kleinen Schwestern die ganze Zeit da. Früher wäre ich einfach in die Bibliothek gegangen oder in den Park, aber das durfte man nicht. Ab und zu flüchtete ich mit den Büchern zu meinem Freund.

Trotzdem konnte ich mich definitiv nicht so gut vorbereiten, wie ich es mir vorgenommen hatte. Hinzu kam diese unerträgliche Ungewissheit. Die Frage, ob das Abi überhaupt stattfindet, stand gefühlt ewig im Raum. Man konnte dadurch nicht konzentriert lernen. Deshalb war ich anfangs auch eher gegen die Prüfungen, einfach weil ich gesehen habe, dass ich nicht mein Bestes geben kann. Als dann endlich feststand, dass wir schreiben müssen, war ich zunächst schockiert, habe mich dann aber schnell nur noch darauf fokussiert, die Sache durchzuziehen, so gut es eben ging.

Ich wurde unter anderem in Kunst geprüft. Wir mussten eine Fotografie analysieren, eine Landschaft zeichnen und darüber eine Reflexion schreiben. Unser Leistungskurs wurde in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste bekam die Malutensilien von der Schule zur Verfügung gestellt, für meine hat es nicht mehr gereicht. Also mussten wir unsere eigenen Pinsel und Farben mitbringen. Das fand ich unfair, denn ich hatte zu Hause nicht alle Materialien, die nötig waren.

Zum Glück mussten wir während der Prüfung keinen Mundschutz tragen. Ich konnte in der Maske kaum atmen. Zwischendurch hatte ich aber schon auch Angst gehabt, mich anzustecken. Nach dem Abi wollte ich mit meiner Freundin eigentlich nach Neuseeland fliegen. Die Pläne liegen auf Eis. Noch weiß ich nicht, wie es weitergeht. Jetzt gönne ich mir erst einmal eine Pause, um zu entspannen.

„Ihr Reifezeugnis haben sie wirklich verdient“

Mechthild Baron (51) ist Mutter von Charlotte, die das Canisius-Kolleg in Tiergarten besuchte:

Gibt es die Prüfungen, oder gibt es keine? Die ständige Verunsicherung hat einerseits an den Nerven gezerrt. Andererseits war ich erleichtert, dass die Entscheidung anfangs verschoben wurde. Schließlich waren wir alle gerade damit beschäftigt, den Alltag anders zu organisieren.

Meine Tochter hat das komplett ausgeblendet, für sie stand von Anfang an fest: Ich will das Abi machen. Weil all die schönen und lustigen Ablenkungen letztlich weggefallen sind, konnte sie ihren Lehrplan zu Hause konsequent umsetzen. Außerdem hatten wir eine tolle Oberstufenkoordinatorin, die viele Fäden gleichzeitig gezogen hat, um die Prüfungen reibungslos durchzuführen. Ich fand das bemerkenswert, wie engagiert uns die Schule zur Seite stand.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass unsere Kinder ihr Reifezeugnis wirklich verdient haben. Die Noten sind das Eine. Die Schüler haben die wertvolle Erfahrung gemacht, dass man jede, noch so unerwartete Veränderung bewältigen kann. Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: Wir haben all diese unglaublichen jungen Menschen an ihrem ersten Schultag begleitet und würden das nur zu gern auch beim Abiball tun. Das fehlt mir sehr.

„Das war mit Abstand der beste Jahrgang“

Ralf Treptow (60) leitet seit 1991 das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow und ist außerdem als Berliner Oberstudiendirektor aktiv:

Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter werden ständig mit neuen Aufgaben konfrontiert. Die vergangenen Monate waren allerdings eine besondere Herausforderung. Warum? Der Sinn von Schule ist, Kinder zu vereinen und einen Ort zu schaffen, wo soziales Miteinander erlernt wird. Genau das war in der Krise nicht möglich.

Die Organisation von Prüfungen mitten in der Pandemie war an sich nicht das Problem, sondern vielmehr die Unsicherheit hinsichtlich der Termine, die mehrfach verschoben wurden. Die Dinge stellten sich von Woche zu Woche anders dar. Wir mussten schnell Entscheidungen treffen. Doch zum jetzigen Zeitpunkt lohnt es sich nicht mehr, die Vergangenheit zu betrachten und all die Schwierigkeiten aufzulisten. Deshalb lasse ich das lieber weg.

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Was mir in Erinnerung bleibt: Es ist für mich als Schulleiter bisher der beste Jahrgang gewesen, den wir jemals entlassen haben. Die diesjährigen Absolventen haben alle Rekorde, die es an unserer Schule im Abitur gab, geradezu pulverisiert. Schade, dass sie das und sich nicht so zelebrieren können, wie geplant: Der Ball sollte im Maritim Hotel in der Stauffenbergstraße gefeiert werden, in dem für mich persönlich schönsten Saal Berlins. Das muss leider entfallen, genauso wie der Festakt in der Gethsemanekirche. Stattdessen gab es einen Livestream von der Zeugnisübergabe von unserem Schulhof. Abschiednehmen gehört zum Abitur dazu. Wer 20 Jahre später daran denkt, weiß: Abitur, das war einer der Zeitpunkte, an denen sich mein Leben verändert hat.