Grunewald-Grundschule in Berlin : Geschichten gegen Mauern

Kinder der Grunewald-Schule haben Prominente sowie Lehrerkräfte zum Mauerfall befragt und ein Spiel entwickelt. Auch einen Kurzfilm haben sie gedreht.

Schülerinnen und Schüler der Grunewald-Schule reißen das Papier ab, mit dem zwei Mauer-Dominosteine verhüllt waren.
Schülerinnen und Schüler der Grunewald-Schule reißen das Papier ab, mit dem zwei Mauer-Dominosteine verhüllt waren.Foto: Sven Darmer

Als die Kinder die beiden Mauersteine enthüllen, gibt es kein Halten mehr. Jeder will ein Stück der Verpackung abreißen. Und dann sind sie in voller Pracht zu sehen: Zweieinhalb Meter hoch, bunt bemalt mit dem Brandenburger Tor der eine, mit Tagesspiegel-Schlagzeilen aus der Zeit des Mauerfalls der andere. Die „Steine“ aus Styropor wurden vor zehn Jahren von Schülerinnen und Schülern der Grunewald-Grundschule im Ortsteil Grunewald gestaltet, sie waren Teil der Aktion zum 20-jährigen Mauerfall-Jubiläum, als entlang des ehemaligen Mauerstreifens rund tausend solcher Steine aufgebaut und dann wie Dominosteine symbolisch zu Fall gebracht wurden.

Ausstellung in der Schule ab 8. November

Jetzt stehen die beiden Mauer-Dominosteine wieder in der Grunewald-Grundschule – in einer Ausstellung, die ab dem 8. November in der Schule zu sehen ist. Lehrerin Claudia Syll, 52, die an der Schule evangelische Religion unterrichtet, hat die Ausstellung mit ihren Schülerinnen und Schülern gestaltet. Sie vermittelt einen Eindruck davon, mit wie viel Engagement und Vielfältigkeit die Kinder und ihre Lehrerin sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben: Sie haben Briefe an Prominente geschrieben und Antworten erhalten, sie haben ein Spiel entwickelt und ihre Lehrerinnen und Lehrer gefragt, wie sie vor 30 Jahren den Mauerfall erlebt haben.

Auch einen Kurzfilm hat Syll mit Kindern der sechsten Klasse und einer Kollegin gedreht: Die Kinder spielen eine Geschichte nach, die Gesine Lange, geborene Gauck, die Tochter des früheren Bundespräsidenten, als Schülerin in der DDR erlebt hat: Die Lehrerin erzählt von den Erfolgen der Kosmonauten und fragt dann Gesine, wo denn nun ihr lieber Gott sei. Die Kosmonauten hätten ihn jedenfalls nicht gesehen. Gesine reagiert mit einer Gegenfrage: „Wo ist denn die Liebe? Können Sie mir mal zeigen, wo die ist?“ Der Film wurde am Montag beim Festival „Aus Mut gemacht“ gezeigt, einem Projekt für Kurzfilme zum Mauerfall von Kindern und Jugendlichen.

Geschichte wird dann lebendig, wenn wir uns Geschichten darüber erzählen. Persönliche Geschichten. Religionslehrerin Claudia Syll hat in den vergangenen Jahren schon etliche Projekte zum Mauerfall und Mauerbau auf die Beine gestellt, aber auch zu anderen Themen, zuletzt zu Luther und zur Reformation. Auch das Gedenken an die Pogromnacht spielt in der Schule eine große Rolle. Jedes Jahr legen die Kinder der sechsten Klasse zum 9. November Blumen am Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald ab.

Die Beschäftigung mit der friedlichen Revolution hat für Claudia Syll auch eine religionspädagogische Dimension. „In der Religion soll es um Frieden gehen“, sagt sie. „Ich will meinen Schülern vermitteln, dass man sich gegen Ausgrenzung und für die Demokratie einsetzt und Verantwortung übernimmt.“

Schüler schrieben Briefe an Merkel, Steinmeier und viele andere

Vor zehn Jahren schrieben ihre damaligen Schülerinnen und Schüler schon einmal an Prominente, auch aus der Politik, und fragten sie, wie sie den Mauerfall erlebt haben. Sie schrieben an Angela Merkel, den Papst, die Queen und viele weitere. Jetzt haben die Kinder erneut Briefe losgeschickt – und fragten, was den Prominenten die Begriffe Mut, Freiheit und Zusammenhalt bedeuten. „In der DDR hat die Bundeskanzlerin es immer unglaublich bedrückend empfunden, nicht mit Menschen frei arbeiten und offen sprechen zu können. Das hat sich dann nach der Wende geändert“, antwortet das Büro von Angela Merkel. „Die Freiheit zu haben, seine Meinung äußern zu können, wird von der Bundeskanzlerin als sehr wichtiges Gut angesehen. Etwas Befreiendes hat für sie auch das Mitsingen in der Gemeinschaft des Gottesdienstes.“

Wolfgang Schäuble schreibt: „Jeder von uns braucht Mut, um sich zum Beispiel mal etwas Neues zu trauen. Das kann schwer sein. Aber es lohnt sich.“ Der Mauerfall sei für ihn „ein großes Wunder“ gewesen. „Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass Deutschland wiedervereinigt wird, zumindest nicht während meiner Amtszeit als Politiker.“ 30 Jahre Mauerfall, das müsse den Schülern ja wie eine Ewigkeit vorkommen, schreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Freiheit, Mut und Zusammenhalt seien Begriffe, „die heute genauso wichtig sind wie sie damals waren. Mut braucht es zum Beispiel auch auf dem Schulhof, wenn man einem Mitschüler oder einer Mitschülerin beisteht.“

Mehr als 20 Antwortbriefe werden in der Ausstellung zu lesen sein. Die Kinder der fünften Klasse freuten sich jedes Mal riesig, wenn eine Antwort ankam. „Ursula von der Leyen hat mir einen ganz großen Umschlag und Autogrammkarten geschickt“, erzählt die zehnjährige Clara.

"Erzählend zur Einheit" heißt das Spiel der Schüler

Die Schüler haben auch ihre Lehrerinnen und Lehrer gefragt, wie sie den Mauerfall erlebt haben. Manche waren noch ganz klein und haben Kinderfotos von sich auf ihre Berichte geklebt. Diese sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Auch das von den Kindern entwickelte Spiel "Erzählend zur Einheit" wird in der Ausstellung präsentiert.
Auch das von den Kindern entwickelte Spiel "Erzählend zur Einheit" wird in der Ausstellung präsentiert.Foto: Sven Darmer

Ums Erzählen geht es auch bei dem Spiel, das die Kinder entwickelt haben: Auf Spielkarten sind Motive abgebildet, die mit der DDR zu tun haben, vom Sandmännchen bis zu Grenzanlagen. Wenn ein Symbol aufgedeckt wird, erzählen die Kinder, was sie darüber wissen. „Erzählend zur Einheit“ heißt das Spiel.

Bei so vielen Geschichten kommen die Kinder ganz leicht selbst ins Erzählen: „Meine Mutter musste aus der DDR flüchten, als sie ungefähr so alt war wie ich“, sagt Golda, 10. „Sie musste alle ihre Kuscheltiere zurücklassen und konnte nur ihre Puppe mitnehmen. Die hat sie immer noch.“

Die Ausstellung ist ab dem 8. November in der Grunewald-Grundschule, Delbrückstr. 20A, Grunewald, zu sehen.

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