Das gemeinsame Lernen will versteckte Talente fördern

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Inklusion : Ein Hauch normales Leben
Raphael Schirocki (zweiter von links) im Kreis seiner Klassenkameraden.
Raphael Schirocki (zweiter von links) im Kreis seiner Klassenkameraden.Foto: Thilo Rückeis

Ein Schultag im September. In der Klasse 4a sticht der Zehnjährige schnell ins Auge. Raphael sieht kräftiger aus als die 14 anderen Kinder, seine Wangen leuchten rot, sein rotes T-Shirt zieren Flammen und ein Auto mit großen runden Augen. Außerdem sitzt er nicht allein an seinem Schultisch. Neben ihm hat sich Frieda Friedrichs einen Platz reserviert. Die Sonderpädagogin mit den langen Beinen und dem grauen Haar begleitet Raphael in vielen Schulstunden. Nur im Moment braucht er ihre Hilfe nicht. Raphael darf endlich den Touristen mimen. Freudestrahlend läuft er an den Schulbänken vorbei seiner Englischlehrerin entgegen. Zerrt auf halbem Weg noch mal an seiner lockeren Jeans, so dass die blaue Unterhose unter ihr verschwindet.

Schon kurz nach seiner Geburt diagnostizierten die Ärzte bei ihm das Down-Syndrom. Raphael fällt es schwer, deutlich zu sprechen. Beim Lernen kommt er nur langsam voran. Um voll und ganz für ihn da zu sein, gab Claudia Schirocki, Mutter von drei Kindern, ihren Job als Zahnarzthelferin auf. Schon lange bevor Raphael die Kita verlassen sollte, begann sie, eine Schule für ihn zu suchen. Ohne Erfolg. Alle Grundschulleiter in Reinickendorf lehnten ab. Das ist sechs Jahre her. Claudia Schirocki war entsetzt, ließ sich in den Behindertenbeirat wählen, gründete eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, wendete sich an die Presse. „Die ständigen Anrufe haben etwas bewirkt“, sagt sie heute.

An der Tafel angekommen, greift Raphael die ausgestreckte Hand seiner Lehrerin. Sich in einer fremden Sprache im Ausland zurechtfinden, darum geht es. „Let's go to the Tower Bridge“, heißt es und Raphael saust im Eiltempo samt Lehrerin quer durch den Raum. „Tau-aaa Bitsch“, ruft er und stoppt vor dem Bild der berühmten Klappbrücke.

Das gemeinsame Lernen will versteckte Talente fördern und den Zusammenhalt in der Klasse stärken. Alle Kinder sollen davon profitieren, doch kann das funktionieren? Eine Klasse, in der Begabte neben Hochbegabten sitzen, Lernstarke neben Lernschwachen, Taube neben Stummen und dazwischen ein schwer mehrfach behindertes Kind wie Sophie?

Sophie kann nicht sprechen. Sie sieht auch wenig. In ihrem ersten Lebensjahr befällt ein Netzhauttumor ihr linkes Auge. Die Ärzte müssen es entfernen. Aber Sophie hat ein Leben. Das Mädchen mit dem schulterlangen glatten Haaren lacht, nimmt ihre Umwelt wahr. Sie drückt sich aus mit ihrem strahlend blauen Auge, sieht nach rechts, oder links, um Fragen zu beantworten. Sie zieht eine Schnute, wenn ihr etwas nicht gefällt, kämpft gegen die Schwerkraft an, um ihren Kopf zu heben, wenn sie etwas sehen will. Zeigt man Sophie einen Atlas und fragt nach Australien, dann guckt sie nach unten rechts. Sie kennt die Zahlen bis 100.

Im August 2006 beginnt für Sophie an einer Regelschule in Berlin-Steglitz der Unterricht. Schulaufsicht und Schulleiter versichern Irmgard Ochsenknecht, dass sich Sonderpädagogen und Schulhelfer ständig um ihre Tochter kümmern. Doch die Helfer sind überfordert. Sie sichern Sophie nicht im Rollstuhl und widmen sich während der Schulzeit immer öfter anderen Kindern. Ein Musiklehrer legt der Mutter nahe, Sophie aus dem Unterricht zu nehmen. Sie könne sich kaum daran beteiligen. Auch der Sportlehrer sieht das bald so. „Sie haben Sophie behandelt wie eine Sache, nicht wie einen Menschen“, sagt Ochsenknecht.

Die anderen Kinder grüßen Sophie nicht. Jeden Tag sollen sich in den Pausen zwei Kinder um sie kümmern. Das ist wie Tafeldienst und geht nicht lange gut. Sophie beginnt stundenlang zu schreien, sie wirkt verwirrt und verängstigt. Nach drei Monaten liegen die Nerven in der kleinen Familie blank. Sophie soll an eine neue Schule, doch die Suche erweist sich als schwierig. Oft fehlt es an einfachen Dingen wie Fahrstühlen oder an komplizierten, wie Lehrmethoden für ein Kind, das sich nicht bewegen kann.

Nach Monaten wechselt Sophie auf ein Förderzentrum für sehbehinderte Kinder. „Sie hat viel gelacht“, erzählt Irmgard Ochsenknecht. Einmal lag ein Radieschen in der Schultasche. Die Kinder hatten im Unterricht den Buchstaben R gelernt. Mit Erfolg. „Rrrrrrr hat Sophie gemacht, das war richtig süß.“ Doch auch hier fehlt es an einem Schulhelfer. Die Familie zieht vor Gericht. Über ein halbes Jahr springt die Mutter ein, hilft aus, bis sie den Prozess gewinnt. Doch die neue Helferin enttäuscht alle Hoffnungen. Sie sieht sich nicht in der Lage, Sophie zu versorgen, lehnt immer mehr Aufgaben ab. Auch sie kümmert sich öfter um andere Kinder in der Klasse. Zu tun gibt es genug, sagt Ochsenknecht.

Den Helfern wirft sie das nicht vor. Oft sind es Quereinsteiger, Abiturienten, die die Zeit bis zum Studium überbrücken. Nur wenige hätten eine Ausbildung, um sich eines Kindes wie Sophie anzunehmen, sagt Ochsenknecht. Ihre Tochter braucht viel Zuwendung, um ein gleichberechtigtes Leben zu führen. Regelmäßig bettelt die Mutter bei der Schulaufsicht um andere, neue, ausgebildete Helfer. „Die Behörden machen einem das Leben schwer.“ Das Vertrauen zu den Lehrern, zu den Helfern, zur Schulaufsicht zerbricht. Sophie bekommt immer weniger vom Unterricht mit. Sie kann hier nicht mitmachen, dort nicht dabei sein, steht oft am Rand, ist im alten Sinne integriert, aber weiter außen vor. Als schwer mehrfach behindertes Kind fällt sie durch ein Raster. Die Integration funktioniert, doch die Inklusion stößt an ihre Grenzen. „Dann ist es besser, sie bleibt zu Hause“, sagte sich Ochsenknecht.

Man muss die Inklusion wollen, sagt Bettina Peglow. Das ist das Credo der Leiterin der Franz-Marc-Grundschule. Nur so lassen sich Hindernisse aus dem Weg räumen. Die Frau mit der kantigen Brille empfängt Gäste in einem großzügigen Büro. „Wir lernen am Kind und von dem Kind“, sagt Bettina Peglow. Sie erinnert sich gerne an die Anfangszeit mit Raphael zurück. Keiner der Lehrer hätte sich gesträubt, mit ihm zu arbeiten. Es gebe schließlich die UN-Konvention. „Da kann ich nicht sagen, ich mache nicht mit.“

Inklusion per Gesetz, entworfen in Konferenzräumen statt in Klassenzimmern? Inklusion ist eine Haltung, sagt Peglow. Sie sieht, dass alle Kinder von der besseren Ausstattung profitierten. Der Unterricht wird abwechslungsreicher, die Schüler lernen miteinander umzugehen. Es ist normal, anders zu sein, das singen sie schon zur Einschulung. Von den rund 400 Schülern gelten 41 als Inklusionskinder. Aber glatt läuft es nie. Zum neuen Schuljahr hat die Schulaufsicht der Grundschule die Zahl der Schulhelferstunden gekürzt. Ersatz für kranke Helfer gibt es nicht, sie wechseln oft. Jedes mal müssen sich die Kinder umstellen. Von anderen Schulleitern hört Peglow die gleichen Probleme, personelle wie auch bauliche. Einen neuen Waschraum hat die Grundschule erhalten. Der einzige mit Warmwasseranschluss. Ein Fahrstuhl und ein Ruheraum fehlen. Deshalb hat Peglow wieder Bewerbungen von Eltern behinderter Kinder ablehnen müssen.

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