Katholisches Gymnasium : Unterricht zwischen Verzweiflung und Loyalität

„Es zerreißt mich fast" – in der katholischen Theresienschule diskutieren Lehrer und Schüler über Missbrauchsfälle in der Kirche. Doch nicht jeder möchte reden.

Diskussion über Missbrauchsfälle: "Es muss einen Raum für solche Themen geben"
Diskussion über Missbrauchsfälle: "Es muss einen Raum für solche Themen geben"Foto: dpa

Die Frau, die ein ganzes Land behüten soll, steht stumm da, in sanfter, fast demütiger Haltung, ganz in Weiß, ein Bild voll Unschuld. Teresa von Avila, Schutzpatronin von Spanien, große Mystikerin, 1622 heilig gesprochen, thront über den Dingen, in einem Bücherregal, aufgestellt als Figur, einem Meter über dem Tisch im Besprechungsraum der Schulleiters. Die Heilige ist auch Schutzpatronin der katholischen Theresienschule, einem wuchtigen Gymnasium in einer Nebenstraße von Weißensee, deshalb steht sie da.

Aber unter der Figur, am Tisch, geht’s um die rauen Seiten des katholischen Alltags. Da durchlebt Christiane Schottek diese inneren Kämpfe, die sie nicht wirklich gewinnen kann. Die katholische Religionslehrerin Schottek sagt: „Es zerreißt mich fast, wenn ich daran denke, was diesen Kindern angetan wurden. Bei diesem Thema zieht sich in mir alles zusammen.“

Sie sagt aber auch, mit fast verzweifeltem Unterton: „Meine Aufgabe ist es auch zu sagen, wir sind diese Kirche. Meine Aufgabe ist es, die Schüler nicht mit offenen Fragen zurückzulassen, sondern die Kirche wieder als positive Institution zu zeigen.“ Sie redet vom Missbrauch in der Katholischen Kirche.

Eine Gratwanderung, verdammt schwierig, verdammt spannend. „Solche Herausforderungen sind Sternstunden des Unterrichts“, sagt Matthias Tentschert, der Schulleiter. Er sitzt neben Christiane Schottek.
Es ist Mittwoch vergangener Woche, ein Tag vor Beginn der Bischofskonferenz im Vatikan, 190 der höchsten Kirchenvertreter debattierten dort über Prävention und Versäumnisse beim Thema Missbrauch. Der Elfenbeinturm der Institution Kirche.

Aber die Theresienschule ist die pädagogische Basis, 650 Schüler, ein Drittel katholisch, ein Drittel evangelisch, ein Drittel nicht-religiös, sechs katholische und drei evangelische Religionslehrer, Träger der Schule ist das Erzbistum Berlin. Wie wird an dieser Schule über Missbrauch diskutiert? Intensiv? Verschämt? Gar nicht?

Im Unterricht wird über Täter und Opfer diskutiert

Intensiv, jedenfalls bei Christiane Schottek, der attraktiven Frau, die heute schwarz trägt, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, nur die Haare sind braun. Freya, 15, eine von drei Schulsprecherinnen, erinnert sich noch gut, „wie Frau Schott in die Klasse kam und sagte, wir müssen darüber reden, weil es mir wichtig ist“.

Die Pädagogin sprach dann über aktuelle Ereignisse, über Fälle, Opfer, über Täter, sie versuchte zu erklären, wie viele Abläufe in der Kirche historisch gewachsen sind. Jetzt sagt Christiane Schottek: „Es muss einen Raum für solche Themen geben, ich muss als Lehrerin auch solche Räume schaffen.“

Sie steht dann in solchen Momenten vor ihrer Klasse, eine Frau, die nichts vorgibt, die ihren Schülern zeigen will, „dass ich die gleichen Frage habe wie sie“. Eine 35-Jährige, erst mit 20 Jahren getauft, die „sich als Teil der Kirche Jesu sieht“, gerade weil sie auch in der Schule vieles „aufbrechen“ kann. „Ich kann nur hier ansetzen, ich kann im Rahmen der Schule schauen, dass angstfreies Lernen möglich ist.“ Sie steht da ja auch als Repräsentantin der Institution Katholische Kirche.

Die Lehrerin gibt zu, dass sie teilweise keine Antworten hat

Christiane Schottek besetzt diesen produktiven Zwischenraum zwischen Fundamentalopposition und blinder Loyalität. Denn irgendwann stößt sie unweigerlich auf Fragen, die sie nicht beantworten kann. Wie soll sie denn Schülern erklären, dass die Kirche Missbrauchstäter nicht der Staatsanwaltschaft übergeben hatte, sondern nur versetzte? Kann sie gar nicht. Also erklärt sie das auch ihren Schülern. Es ist die ehrlichste Rolle, die sie haben kann. Schüler spüren diese Authentizität.

Freya, die 15-Jährige mit dem Pferdeschwanz, die am Tisch neben ihrer Religionslehrerin sitzt, erwartet auf solche Fragen „ja gar keine konkreten Antworten, klar, dass da nicht sofort etwas Schlagfertiges kommt“. Aber eine Diskussion kommt in Gang, die Schüler debattieren über Ursachen, über Wirkungen, über Hintergründe, das ist entscheidend. „Wir können nicht dahinter stehen, dass so etwas passiert, nur damit das Image der Kirche geschützt wird“, sagt Freya. Vor allem aber reden bei solchen Diskussionen.

Lehrerin und Schüler auf Augenhöhe, ein Austausch von Gedanken und Argumenten ohne formale Hierarchie. Freya „gefällt das“.
Helena ist auch Schülersprecherin, auch sie sitzt am Tisch, auch sie erlebt in ihrem Unterricht solche Diskussionen. Für die 17-Jährige sind es die „wertvollsten Stunden“ im Unterricht. „Sie hinterlassen einen einen tiefen Eindruck, auch wenn man danach wieder in der Matheunterricht geht.“

Aber es gibt feine Grenzen, das Thema Missbrauch ist ja hochsensibel. Im Grundkurs hatte Christiane Schottek mal gesagt, wer das Thema Missbrauch nicht aushalte, dürfe rausgehen. Außerdem, grundsätzlicher Punkt, sie weiß ja nie, ob ein Opfer in ihrer Stunde sitzt. Die Theresienschule hat Ansprechpartner für solche Schicksale. Aber selbst wenn niemand rausgehen sollte, es gibt ja natürliche, emotionale Grenzen für so ein anspruchsvolles Thema. Und deshalb sagt Schottek auch, dass sie ihre Schüler „nicht überfordern darf“.

Für die Religionslehrer an der Schule gilt das nicht, die reden intensiv untereinander über das Thema Missbrauch. Es geht um die Art des Umgangs. Wie viel Bedarf besteht? Wie geht man das Thema an? Vor allem die Frauen, sagt Christiane Schottek, trieben das Thema voran. Es gibt unter den katholischen Pädagogen doppelt so viele Frauen wie Männer.

Ein Schüler hat im Unterricht nie über Missbrauch geredet

Tja, der Bedarf, schwierige Frage. Der Bedarf ist offenbar nicht so groß wie man annehmen sollte. Oder er wird nicht sanft geweckt, da verschwimmen die Grenzen. Samuel, der Abiturient mit den blonden Wuschelhaaren, hat am Tisch Freya und Helena zugehört, mit einer Mischung aus Interesse und Erstaunen.

„Was gerade erzählt wird, ist mir nicht bekannt. In meinem Unterricht wurde das Thema Missbrauch überhaupt nicht angesprochen. Aber die Schüler haben das Thema auch nicht extra erwähnt.“ Und überhaupt, „dass man sagt, die Kirche hat auch eine gewisse Schuld, wird eher nicht gemacht. Dieser letzte Schritt, dass man sagt, dass Straftäter geschützt werden.“ In seinem Erfahrungsbereich zumindest.

Müsste man das im Unterricht nicht automatisch ansprechen, als Teil der tagesaktuellen Betrachtungen? Da lächelt Matthias Tentschert, der Schulleiter, milde und sagt freundlich: „Das ist Zeichen der Vielfalt an der Schule, dass jeder Lehrer seine eigenen Schwerpunkte hat. Ich gebe keine Vorgaben, wie das Thema Missbrauch angesprochen wird.“ Von der Erzdiözese gebe es die auch nicht.
Tentschert geht’s um den Mehrwert. Wenn jemand über Missbrauch reden möchte, gerne, bitte, sofort. Aber das Thema ist zu heikel, als dass man es mit dem emotionalen Engagement eines Vortrags über Kurvendiskussionen abhandeln sollte. „Es ist nicht sinnvoll, dieses Thema zu bürokratisieren“, sagt Deutsch- und Geschichtslehrer Tentschert.

Aber in seinem Unterricht behandelt er rituell in den ersten zehn Minuten tagesaktuelle Ereignisse. Wenn Missbrauch ansteht, dann geht’s um Missbrauch, ganz einfach.

Und Christiane Schottek verstärkt mit ihrem Unterricht ja auch nur Impulse, die längst vorhanden sind. Diese kritische Sicht auf die Kirche, die haben einige ihrer Schüler selber entwickelt. Für Helena, die 17-jährige, getaufte Katholikin, hat das „Bild der Kirche Kratzer bekommen“. Diese Kratzer haben sich in ihre Seele eingekerbt.

„Ich hinterfrage mich, wie ich zur Kirche stehe.“ Es sind einfach zu viele Punkte, die das Bild der reinen, anbetungswürdigen Kirche zerkratzen. „Der Missbrauch, der Umgang mit Homosexuellen, der Sexismus. Vermittelt zu bekommen, dass es in der Kirche keine Gleichstellung von Mann und Frau gibt, finde ich schwierig.“ Eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Themen sei wichtig.

Die uralten Muster der Kirche, alles mit Tradition erklären oder sogar entschuldigen zu wollen, das muss aufhören. So eine Argumentation ist für Helena aus der Zeit gefallen. „Mir ist es ganz wichtig, dass es Akzeptanz gibt.“ Auch Freya, Vater evangelisch, Mutter katholisch, „hatte schon immer Probleme mit dem Frauenbild der Kirche und ihrem Umgang mit Homosexualität“. Die 15-Jährige ist gerade gefirmt worden, sie glaubt „immer noch fest an die Nächstenliebe, aber hinter solchen Dingen kann ich nicht stehen.“ Der Missbrauch kommt jetzt noch dazu.

Der Abiturient Samuel hat seinen "eigenen Glauben"

Die Distanz zur Kirche wächst auch bei Samuel. Der 18-Jährige ist Protestant, seine Entfernung zur Kirche war ohnehin schon bedeutsam, jetzt ist sie noch größer geworden. Kirche und Glaube, das trennt er strikt. „Ich bin nicht weniger gläubig als vorher, aber der Grundgedanke ist verloren gegangen.“ Er hat seinen „eigenen Glauben“ und seinen „eigenen Gott“. Niemand soll ihm bitteschön vorgeben, wie er zu glaube habe.

Die Theresienschule bietet aber auch ein breites sportliches Angebot. 13 Sportarten werden verstärkt betrieben, doch jene, die ideal zur sanft wirkenden Figur auf dem Regal passen würde, die fehlt. Die Heilige Theresa ist auch Schutzpatronin der Schachspieler.

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