Kitas in Berlin : „Berlin sollte eine Zulage für Erzieher zahlen“

Stefan Spieker vom Berliner Kitaträger Fröbel über Wege aus der Betreuungskrise – und über Digitalisierung in frühkindlicher Bildung. Ein Gespräch.

Kinder in einer Kita.
Kinder in einer Kita.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Herr Spieker, am Montag haben die Tarifverhandlungen der Länder begonnen. Es geht es auch um die Bezahlung der Erzieher. Was erhoffen Sie sich aus Trägersicht?

Wir brauchen unbedingt eine Aufwertung des Erzieherberufs und eine bessere Bezahlung. Berlin hängt deutlich hinterher im Vergleich zu anderen Ländern und muss nachziehen. Denn es wird für die Träger immer schwieriger, Personal zu finden. Die meisten Erzieherinnen und Erzieher sind zwar hoch motiviert, mit Kindern zu arbeiten, aber auch diese Motivation hat Grenzen, wenn die Gehaltsentwicklung so auseinandergeht.

Was schlagen Sie vor?

Berlin sollte zum Beispiel umgehend eine arbeitsmarktpolitische Zulage einführen, so wie München das schon macht. Dort werden 130 Euro als Sonderzulage gezahlt. Ein weiterer Baustein könnte eine gesonderte Eingruppierung für akademische Fachkräfte sein.

Welche weiteren Ideen sehen Sie?

Es muss an vielen kleinen Schräubchen gedreht werden. Wir brauchen beispielsweise zusätzliche Anleiterstellen für Kitas, die viele Quereinsteiger in ihren Einrichtungen haben. Die Anerkennung von Qualifikationen, die Erzieher aus dem Ausland haben, müsste unbürokratischer erfolgen. Und wir brauchen auch eine Ausbildungsvergütung, ein Pilotprojekt für eine klassische vergütete duale Ausbildung für Erzieher, damit sich mehr junge Menschen für diesen Beruf entscheiden.

Erleben Sie oft, dass Erzieher nach Brandenburg gehen, weil da mehr gezahlt wird?

Nein, eigentlich nicht. Denn tatsächlich sind die Rahmenbedingungen in Berlin besser. In Brandenburg müssen Erzieher mit mehr Kindern arbeiten, und die Kitaleitungen haben weniger Zeit, sich um das Personal zu kümmern. Man sollte sich klarmachen, dass in Berlin auch vieles gut läuft.

Wie meinen Sie das?

Es gibt hier im Vergleich zu anderen Städten ein relativ einmaliges Kita-Ökosystem: eine Vielzahl von Institutionen, die sich um die frühkindliche Bildung kümmern, zahlreiche Fachschulen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut, Stiftungen wie das Haus der kleinen Forscher, das Kinderkünstezentrum und Kindermuseen. Wir haben außerdem als einziges Bundesland eine externe Evaluation der Kitas und ein Qualitätsmanagement. Ich glaube, dass man diese Ressourcen nutzen kann, um das System noch mehr strahlen zu lassen.

Aber Eltern suchen trotzdem verzweifelt nach Plätzen.

Ja, und diese Situation muss unbedingt besser werden. Im Moment gehen fast alle freien Plätze in den Kitas an Geschwisterkinder. Es gibt einen großen Druck – auch bei der Schaffung neuer Räume. Da ist eine bessere Finanzierung nötig: Im Moment ist in der Kitaförderung die Anmietung von Räumen nicht adäquat vorgesehen. Berücksichtigt wird eine Miete von etwas mehr als vier Euro pro Quadratmeter. Realistisch sind aber mittlerweile eher zwölf bis 14 Euro. Nötig ist auch ein besonderer Schutz von Kitas vor kurzfristigen Kündigungen und Mieterhöhungen.

Ein Thema, das Eltern zurzeit sehr beschäftigt, sind die neuen Zuzahlungsregelungen. Maximal 90 Euro pro Monat dürfen Kitas von Eltern für freiwillige Zusatzangebote verlangen. Dagegen gibt es nun Klagen. Wie beurteilen Sie das?

Ich kann verstehen, dass der Senat die Beiträge begrenzt, zumal die Kitas in Berlin ja gebührenfrei sind. Aber da die Träger nur eine Finanzierung von 93 Prozent vom Land bekommen, kann ich auch verstehen, dass Träger die fehlenden sieben Prozent ausgleichen müssen. Hier muss eigentlich ein Umdenken stattfinden. Langfristig brauchen wir eine 100-Prozent-Finanzierung.

Kommen Sie in den Fröbel-Kitas ohne Zusatzbeiträge aus?

Wir nehmen nur Beiträge für eine Vollverpflegung, also maximal 30 Euro monatlich für Frühstück und Vesper.

Trotzdem schaffen Sie es, Zusatzangebote und vielerorts auch bilinguale Konzepte anzubieten. Wie geht das?

Wir sind ein großer Träger und haben ein dienstjunges Personal. Das heißt, viele unserer Mitarbeiter sind tariflich noch in den unteren Stufen. Bei einigen Kita-Neugründungen haben wir zudem mit Unternehmen wie der Charité, Helios oder Zalando zusammengearbeitet, die einen Beitrag für Zusatzangebote leisten. Diese Kitas und alle Angebote sind aber dennoch für alle offen.

Mit dem Gute-Kita-Gesetz des Bundes stehen Berlin in den nächsten Jahren rund 300 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Der Senat will das Geld unter anderem für ein kostenloses Frühstück und eine Zulage für Erzieher in Kitas in sozial benachteiligten Gebieten einsetzen. Was würden Sie sich wünschen?

Ich schlage vor, einen Verfügungsfonds für die Kitas einzuführen – je nach Größe der Einrichtung in Höhe von einer halben oder ganzen Stelle. Die Kitas könnten das Geld für das einsetzen, was bei ihnen am dringendsten ist. Eine braucht vielleicht eine Verwaltungsassistenz, eine andere eher Spracherzieher. Bundesweit betrachtet haben sich wohl fast alle Träger gewünscht, dass mit dem Geld aus dem Gute-Kita-Gesetz mehr für vergleichbare Rahmenbedingungen und Qualitätsverbesserungen getan wird. Berlin steht beim Personalschlüssel nicht schlecht da, aber einige Länder hinken weit hinterher. Jetzt sieht es aber so aus, dass die meisten Länder einen Großteil des Geldes für eine Gebührenfreiheit nutzen werden. Denn an die Personalschlüssel traut man sich angesichts des Fachkräftemangels nicht heran. Das ist schade, denn wie wir aus Umfragen wissen, ist den meisten Eltern eine Qualitätsverbesserung wichtiger als Gebührenfreiheit.

Wo sehen Sie Zukunftsthemen in der frühkindlichen Bildung?

Ich denke, wir brauchen eine öffentliche Diskussion darüber, wie digitale Medien in Kitas sinnvoll eingebracht werden können. Es geht mir ausdrücklich nicht darum, dass man Kitakindern ein Smartphone oder Tablet in die Hand drückt und sie damit ruhigstellt. Aber digitale Medien gehören zur Lebensrealität auch schon von Kitakindern. Ich habe schon von Kindern gehört, die auf Buchseiten wie auf einem Tablet wischen, statt die Seiten umzublättern.

Ich kann mir vorstellen, dass einige Eltern skeptisch reagieren, wenn digitale Geräte in Kitas Einzug halten.

Es geht darum, dass Kinder lernen, digitale Medien als Instrumente kreativ und aktiv zu benutzen – so wie sie lernen, andere Werkzeuge zu benutzen. Man kann da tolle Sachen machen, zum Beispiel Stop-Motion-Filme von Projekten mit Bausteinen. Wir haben Waldgruppen, die nehmen mit Mikrofonen das Rascheln in den Bäumen auf. Mit solchen Projekten kann man auch die Dokumentation der pädagogischen Arbeit verbessern – man kann den Eltern gut zeigen, was tagsüber passiert ist. Aber natürlich müssen wir auch ganz klar sagen, was wir nicht wollen und wovor wir warnen – nämlich digitale Medien passiv zu konsumieren.

Stefan Spieker, Geschäftsführer des Kitaträgers Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH.
Stefan Spieker, Geschäftsführer des Kitaträgers Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH.Foto: Promo

Stefan Spieker, 49, ist Geschäftsführer des Kitaträgers Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH. Fröbel betreibt rund 180 Einrichtungen in Deutschland, davon 25 Kitas in Berlin. Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

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