Lernen trotz Corona : Der Streit um geteilte Klassen erreicht die Berliner Koalition

„Berliner Gleichmacherei“: Die grüne Bildungsexpertin Remlinger fordert, dass zumindest Modellversuche für hybrides Lernen erlaubt werden. Ein Interview.

Was geht auch zu Hause? Berlin will seine Schulen möglichst lange offenhalten.
Was geht auch zu Hause? Berlin will seine Schulen möglichst lange offenhalten.Foto: imago images/Action Pictures

Sie werben für halbierte Klassen und hybride Unterrichtsmodelle: Das freut Eltern, die sich vor Ansteckung fürchten, besorgt aber Eltern, die keine Zeit haben, ihre Kinder zu Hause beim Lernen zu unterstützen.
Ich möchte, dass die Schulen und Kitas grundsätzlich offen bleiben, das ist unglaublich wichtig für die Kinder und Jugendlichen, für die Familien, für die Wirtschaft – für uns alle. Gleichzeitig kann ich die Augen nicht davor verschließen, dass wir keinen normalen Regelbetrieb haben, und je schlimmer die Pandemie wird, desto weiter kommen wir davon weg.

Was bedeutet das für die aktuelle Debatte?
Wir Bildungsleute sollten uns, so schwer das ist, damit beschäftigen, wie dieser nicht-normale Betrieb so funktionieren kann, dass möglichst alle gesund bleiben und gleichzeitig das Lernen gut funktioniert. Denn wenn wir wüssten, dass hybrides, schulisch angeleitetes Lernen zumindest für die Oberschulen genauso gut funktionieren kann wie reines Präsenzlernen, hätten wir eine ganz andere Debatte.

Wir wissen es aber nicht.
Ich sage nicht, dass wir da schon sind. Schon gar nicht flächendeckend. Es gibt auch nicht das eine, einzig wahre Konzept, das für alle Schulen funktioniert. Aber ich wünsche mir mehr Offenheit für den Gedanken, dass es möglich ist, und die Bereitschaft hinzuhören, nachzufragen, wenn Schulen sagen, sie sind sogar erfolgreicher als vor Corona.

Und diese Offenheit gibt es nicht?
Im Gegenteil. Es ist völlig unverständlich und aus meiner Sicht unverantwortlich, dass es Schulen bislang verwehrt wird, die aus dem ersten Lockdown gewonnen Erfahrungen auszuwerten, umzusetzen und für die Weiterentwicklung ihrer Unterrichtsmodelle zu nutzen. All das wird bitter fehlen, wenn die Schulen komplett umschalten sollen, womit zu rechnen ist.

Bildungssenatorin betont immer wieder, dass zu viele Kinder im Lockdown verloren gegangen seien. Darum wolle sie am kompletten Präsenzunterricht festhalten.
Die Senatorin ist aus meiner Sicht voreilig der Meinung, dass hybrides Lernen nur schaden kann. Warum hören wir nicht genauer hin, wenn einzelne Schulen sagen, sie haben erstaunlich gute Erfahrungen gemacht? Warum lassen wir den Gedanken nicht zu, dass teilweise sogar mehr als vorher gelernt wird, wenn man die Frage stellt: Was würde ich an meiner Schule, an meinem Unterricht nicht nochmal genauso erfinden, wenn es nicht schon da wäre? Wofür braucht es die Gemeinschaft vor Ort wirklich, und was kann man vielleicht sogar besser allein lernen oder auch in einer kleinen Gruppe von Gleichaltrigen? Welche Kraft hat die Lernmotivation, die teilweise freigesetzt wurde durch mehr Projektorientierung, offenere Fragen und die Möglichkeit, die Lernphasen mit dem eigenen Biorhythmus zu synchronisieren?

Stefanie Remlinger ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen und Sprecherin für Bildungsfinanzierung und Haushalt.
Stefanie Remlinger ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen und Sprecherin für Bildungsfinanzierung und Haushalt.Foto: promo

Die Bildungsverwaltung will offenbar nicht, dass die Schulen auseinanderdriften.
Ich habe einen fundamentalen Dissens mit einer Bildungspolitik, die sagt, es darf keine Schule anders und besser sein als die anderen. Wozu hat die Berliner Gleichmacherei geführt? Dass wir am Ende der bundesdeutschen Bildungsskala liegen. Und die räumliche Segregation in der Stadt hat es auch nicht aufgehalten. Wir sollten lieber schauen, wie wir die Erfahrungen guter Schulen auch für andere nutzen und wie wir die Qualität insgesamt verbessern, indem sich die Schulen gegenseitig befruchten. Dass wir noch nicht flächendeckend weiter sind, hat viele Gründe. Es ist schwer für die Schulen, mit dieser Unsicherheit, wie es weiter gehen wird, umzugehen. Da ist man mit dem Alltag bis oben zu geschüttet mit Arbeit, da bleibt wenig Zeit für alles andere.

Tritt Berlin daher auf der Stelle?
Die allermeisten Schulen sind nach meiner Wahrnehmung schon deutlich weiter als vor sechs Monaten. Das hybride Lernen hängt auch nicht nur von den digitalen Instrumenten ab. Es geht auch um räumliche Trennungen und die Frage, was kann ich allein lernen und einüben, und wofür brauche ich die Gruppe, wozu brauche ich Anleitung und Feedback. Da gab es nicht nur negative Überraschungen. Aber es hat natürlich auch mit den technischen Voraussetzungen zu tun, die oft nicht da sind. Da sagen die Schulen: Ich hätte schon Ideen, aber dafür bräuchte ich Breitband und ein gutes W-LAN.

Das wird aber noch ein paar Jahre auf sich warten lassen.
Dazu muss man nun sagen: Es ist dramatisch, wie spät wir mit der Schaffung digitaler Infrastruktur dran sind, denn diese Versäumnisse lassen sich nicht so schnell wett machen. Dramatisch ist es deshalb, weil wir auch bei einem möglichen zweiten Lockdown oder einem Teil-Lockdown technisch kaum besser vorbereitet sein werden.

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Der Senat hat wenig Energie gezeigt, beim Thema Schuldigitalisierung den Koalitionsvertrag umzusetzen. Der Auftrag zum Breitbandausbau ist noch nicht erteilt, es wird kaum noch etwas passieren in dieser Wahlperiode. Darüber, ob und wie man die strukturierte Verkabelung angeht, die Voraussetzung ist fürs W-LAN oder fürs LAN, besteht immer noch keine Klarheit, obwohl diese Verkabelung voll aus dem Digitalpakt bezahlt werden könnte. Leistungsfähiges Breitband, W-LAN und LAN sind aber die unabdingbaren Voraussetzungen für webbasierten Unterricht gerade bei einem Teil-Lockdown. Es ist zum In-die-Tischkante-Beißen.

Aber geht nicht die Ausschreibung für das Breitband bald raus?
Ich wünschte wirklich, wir könnten die Schulen lieber heute als morgen mit einer funktionierenden digitalen Infrastruktur versorgen. Aber ich kann wirklich nicht glücklich sein mit einer Ausschreibung, wie sie derzeit geplant ist. Nach meinem Kenntnisstand wird nur an den pädagogischen Teil von Schule gedacht und nicht an die Verwaltungsseite. Und wenn wir feststellen, dass die administrative Seite, samt all der Dienstgeräte, die wir gerade kaufen – Stichwort „Lehrerlaptops“ – auch Breitband benötigt, tja, was tun wir dann? Ein zweites Kabel graben? Ich denke, der Rechnungshof kann schon mal seine Bleistifte spitzen, das Thema Schuldigitalisierung dürfte ihn weiterhin interessieren.

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