Musikbetontes Gymnasium in Zehlendorf : Wenn die Coronakrise das letzte Schuljahr vorzeitig beendet

In der Droste-Hülshoff-Oberschule gehen die Schulleitung sowie die Musikfachbereichsleitung in den Ruhestand. Der Abschied fällt nun stumm aus. 

Abschied. Die Lehrerinnen Katrin Kobin (links) und Kirsten Gatemann (rechts) hören auf.
Abschied. Die Lehrerinnen Katrin Kobin (links) und Kirsten Gatemann (rechts) hören auf.Foto: Privat

Der Zaun der Droste-Hülshoff-Oberschule ist nicht wiederzuerkennen. Unzählige Transparente sollen die angehenden Schulabgänger anspornen: „Ihr rockt das!“ Als ich vor sieben Jahren hier das Abitur gemacht habe, waren es nur vereinzelte Botschaften gewesen. Jetzt ist das komplette Schulgelände mit Transparenten abgehängt. Hat die Coronakrise eine neue Solidarität unter den Prüflingen hervorgebracht? Oder sind die heutigen Jahrgänge vielleicht politischer und durch Fridays-for-Future-Proteste geübter, Transparente zu entwerfen?

Trotz schlechter Noten denke ich heute gerne an meine Schulzeit. Mit zwölf saß ich beim Sommerkonzert in der Schulaula. Der Chor beeindruckte mich am meisten. Diese Spannung in den Blicken der Sängerinnen und Sänger! Diese Gemeinschaft, die sie umgab! Noch vor dem letzten Akkord wusste ich, dass ich Teil von ihr sein wollte.

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Zum Ende des Schuljahres 2020 steht dem Gymnasium an der Schönower Straße in Zehlendorf ein Umbruch bevor. Schulleiterin Elke Wittkowski geht in den Ruhestand, ebenso Oberstufenkoordinatorin Angelika Hackbarth. Ein Dekadenwechsel. Die lange geplante Verabschiedung mit zwei Sommerkonzerten muss nun ausfallen. Wittkowski hat die Schule elf Jahre geleitet. „Das, was die Droste so besonders macht“, sagt sie, „das sind die Schüler. Die Jahrgänge kennen sich untereinander. Das hat sicherlich viel mit unserer Chor- und Orchesterarbeit zu tun.“

„Die Kinder wollen wegen der Atmosphäre an diese Schule“

Insgesamt gibt es drei Chöre, ebenso einen Elternchor, zusätzlich zwei Orchester. In meinem ersten Schuljahr führte die Schule „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck auf. Sämtliche Solisten sowie Chor und Orchester waren Schüler der Droste. „Wenn beim Tag der offenen Tür die Kinder vor uns stehen, sagen uns viele: Wir wollen wegen der Atmosphäre hierhin“, sagt Wittkowski.

Diese Atmosphäre kenne ich. Jetzt merkt man im Schulgebäude wenig davon. Die Gänge sind wie leer gefegt. An einer Tür klebt ein Zettel: „Bitte einzeln eintreten“. Daneben ein Hinweis zur korrekten Desinfektion. Die letzten Wochen waren anstrengend für die Schulleitung. Unter schwierigen Bedingungen mussten die Abiturprüfungen und die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts für einige Jahrgänge vorbereitet werden. Lehrerinnen und Lehrer über 60 zählen zur Risikogruppe und können nur eingeschränkt eingesetzt werden. „Es ist wichtig und richtig, dass die Schüler ihr Abitur schreiben“, sagt Wittkowski. Ein Not- oder Durchschnittsabitur hänge den Schülerinnen noch lange nach, verringere außerdem die Studienchancen. Dennoch ein trauriges Ende, finden die Beteiligten. „So einen Abschied hat sich keiner gewünscht.“

Das 65köpfige Sinfonieorchester probt die Originalstummfilmmusik zur Begleitung des Chaplin-Films "Shoulder Arms" im Jahr 2012.
Das 65köpfige Sinfonieorchester probt die Originalstummfilmmusik zur Begleitung des Chaplin-Films "Shoulder Arms" im Jahr 2012.Foto: Thilo Rückeis

Neben der Schulleitung gehen die Musiklehrerinnen Kirsten Gatemann und Katrin Kobin ebenfalls in den Ruhestand. Über Jahrzehnte haben sie die Musikbetonung des Gymnasiums aufgebaut. Musik sollte Spaß machen und gleichzeitig ernst genommen werden. Jeder konnte mitmachen, solange er mit Begeisterung dabei ist – und regelmäßig zu den Proben kommt. Einige Abgänger spielen heute in Orchestern, stehen auf Opern- und Theaterbühnen oder sind als Dirigenten und Chorleiter unterwegs. Wer sich nicht für den professionellen Weg entscheidet, der trägt die Musik ein Leben lang mit sich – als Hobby neben dem Beruf oder als schöne Erinnerung. „Zusammen singen gibt dem Leben Ausdruck“, findet Kirsten Gatemann.

Das Schuljahr ist beendet - Musikunterricht ist nicht systemrelevant

Ihr Schreibtisch sieht aus wie immer. Neben Heften, Mappen und Notizblöcken stapelt sich Notenpapier. Das Coronavirus hat ihr Schuljahr – ihr letztes von fast 40 Jahren – abrupt beendet. Musikunterricht ist nicht systemrelevant. Von ihren Schülerinnen und Schülern verabschieden konnte sie sich nicht mehr. „Ich kann mir selber noch nicht vorstellen, dass ich jetzt in Rente gehe“, sagt sie.

Jetzt sind alle Korrekturen gemacht, die Konzertvorbereitungen waren bereits in vollem Gange. Sie zeigt das Programm, das sie für das Sommerkonzert geprobt hatten und das nun nicht zur Aufführung kommen wird: Robert Schumann, Arvo Pärt, Benjamin Britten, dazu von ehemaligen Schülern selbst arrangierte Songs von Avicii und Rammstein. Wie es ihr damit gehe? „Es ist schon sehr schade“, sagt sie. Die viele Freizeit sei für sie ungewohnt. Beim Aufräumen habe sie letztens Chornoten gefunden. „Mein erster Gedanke war: Das wäre super für den Chor II.“ Bis es ihr wieder eingefallen sei.

Immerhin: Ein paar Abschiede gab es bereits. Die letzte Probenfahrt nach Pottenstein, diesmal gemeinsam mit Chor und Orchester, sei sehr emotional gewesen, sagt Miriam Fahnert. Die 42-Jährige ist seit drei Jahren Musiklehrerin an der Schule. Schon als Schülerin war sie hier gewesen, kennt Gatemann und Kobin schon lange. „Ein bisschen Druck spüre ich aber schon“, sagt sie. „Alleine deshalb, weil die Jahrgänge jetzt nicht dieses Erfolgserlebnis hatten, ein gemeinsames Konzert zu singen.“ Das könne die Motivation für das kommende Jahr beeinflussen. Außerdem trete sie nicht nur musikalisch ein großes Erbe an: „Katrin und Kirsten haben diese Schule geprägt.“

Neben der Arbeit als Lehrerinnen, Chorleiterinnen und Fachbereichsleiterinnen waren sie in der „Schule ohne Rassismus“-AG und als Vertrauenslehrerinnen aktiv. Das Verhältnis zur Schulleitung war innig. Man arbeitete gerne zusammen. „Für uns alle war immer klar“, sagt Wittkowski, „dass der einzelne Schüler immer zuerst kommt.“ Mehr und mehr Kollegen würden heutzutage stärker darauf achten, dass die Balance zwischen Arbeit und Freizeit stimmt. „Das ist auch ein gesellschaftlicher Wandel“, findet sie. Auch wenn sie dafür privat einige Entbehrungen in Kauf genommen habe – die Schule war ihr sehr häufig wichtiger.

Auch Katrin Kobin geht es da ähnlich. „Diese Schule war mein Leben“, sagt sie am Telefon. „Dort habe ich mehr Zeit verbracht als sonst wo.“ Angst vor Langweile habe sie aber nicht. Ihr Mann, ebenfalls Musiklehrer, sei schon vor zwei Jahren in Pension gegangen. So schlimm könne es nicht sein. Auch Wittkowski sieht ihrem Ruhestand gelassen entgegen. Langeweile werde nicht aufkommen. „Dafür habe ich zu viele Hobbys.“

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Und Kirsten Gatemann? „Ich möchte gerne weiter Musik machen“, sagt sie. Sie habe eine große Familie, die ihre Aufmerksamkeit beanspruchen werde, sagt sie. „Aber ich kann mir gut vorstellen, im sozialen Bereich weiterzumachen. Es gibt viele Kinder, die Musik machen wollen.“ Zusammen gehen wir durch den leeren Musikraum. Die Tische stehen ordentlich in Reihe. „Etwas Gutes hat das Ganze dann doch“, sagt sie. „Jetzt gibt es nicht diese ,letzte Stunde‘. Wenn die Klingel läutet und klar ist: Das war’s jetzt wirklich.“

„Dann hätt ich mit den Schülern Hip-Hop gemacht“

Am Anfang sei es ihr schwergefallen, daran zu denken, sagt sie. Inzwischen habe sie aber gelernt, loszulassen. Zumal sie mit Miriam Fahnert ihre Chöre in guten Händen weiß. Die Orchesterleitung bleibt weiterhin bei ihren Kollegen Michael Werneburg und Mirko Siegel.

Was sie eigentlich gemacht hätte, frage ich sie zum Schluss, wenn sie nicht nach Zehlendorf an die Droste-Hülshoff-, sondern vielleicht an eine Brennpunktschule gekommen wäre? „Dann hätte ich zuerst mit den Schülern Hip-Hop gemacht“, sagte sie und lacht. „Und dann hätten wir gesungen.“