Neue Ausstellung : Neuköllner Schule: Die letzten 50 Jahre

Glanz- und Tiefpunkte, Persönliches und Grundsätzliches: In Alt-Britz bietet eine sehenswerte Schau Einblicke in die Neuköllner Schulgeschichte.

Zur Ausstellung "Neukölln macht Schule" gehören auch etliche Exponate aus Klassen- und Lehrerzimmern.
Zur Ausstellung "Neukölln macht Schule" gehören auch etliche Exponate aus Klassen- und Lehrerzimmern.Foto: Museum Neukölln

Manchmal lässt sich Abstand nicht durch Entfernung gewinnen, sondern durch den Wechsel der Perspektive. Warum also nicht mal die Ferien nutzen, um eine andere Perspektive auf Berlins Schulen zu gewinnen? Wer dieser Idee etwas abgewinnen kann, könnte sich jetzt direkt auf den Weg nach Alt-Britz machen. Denn dort kann man nicht nur fantastisch zwischen Schlosspark und -teich flanieren und sich im Schlossrestaurant stärken, sondern auch im Museum Neukölln etwas ganz Besonderes erleben: Einen tiefen Einblick in einen entscheidenden Teil deutscher Schulgeschichte, der bis in die Gegenwart reicht.

„Neukölln macht Schule. 1968-2018“ heißt die Ausstellung, die Museumsdirektor Udo Gößwald konzipiert und mit einem aufschlussreichen Katalog versehen hat. Wobei der Katalog weit über die Ausstellung hinausgeht, indem er Pädagogen zu Wort kommen lässt, die Neuköllns Schule geprägt haben oder bis heute prägen, dazu Wissenschaftler, Politiker und Zeitzeugen, die die vergangenen 50 Jahre Schulgeschichte beleuchten.

Die erste deutsche Gesamtschule liegt in Neukölln

Das Jahr 1968 als Ausgangspunkt der Ausstellung ist nicht zufällig gewählt, denn vor 50 Jahren wurde in Neukölln die Walter-Gropius-Schule als erste Gesamtschule Deutschlands gegründet. Wissenschaftler wie Heinz-Elmar Tenorth begeben sich im Katalog auf Spurensuche – schlagen die Brücke von der bundesdeutschen Schulpolitik bis zur Pisa-Studie und zeigen die Fäden auf, die immer wieder nach Neukölln führen. Der Bezirk habe schulisch „durchaus eine Vorreiterfunktion gehabt“, stellt Tenorth fest – was auch schon vor 1968 galt, als Schulreformer wie Kurt Löwenstein und Fritz Karsen in Neukölln wirkten.

Der Rütli-Komplex

Ausstellung und Katalog verharren aber nicht bei der historischen Betrachtung, sondern weisen immer ins Heute – bis hin zur aktuellen Debatte darüber, ob es erlaubt sein sollte, dass Lehrkräfte auffällige religiöse Symbole tragen. Zu diesem Thema lässt Gößwald Befürworter und Gegner des Neutralitätsgesetzes zu Wort kommen. Es gehört überhaupt zu den Vorzügen von „Neukölln macht Schule“, dass immer wieder die Perspektive gewechselt wird. Das gilt auch für den Rütli-Komplex, dem zwei Beiträge gewidmet sind: Der eine – geschrieben von der Stadtsoziologin Viola Dollinger-Rauch – widmet sich der Spurensuche im Reuterkiez bis hin zum Brandbrief von 2006 und der Lage heute. Den anderen hat Klaus Lehnert verfasst: Er war nach dem Brandbrief vom damaligen Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky gebeten worden, als pädagogischer Projektleiter den Campus Rütli mitzugestalten. Lehnert ruft in Erinnerung, welche Hürden zu nehmen waren, und warum er den Bildungscampus für ein „unterschätztes Erfolgsmodell“ hält.

Mit Schulmöbeln Geschichten erzählen

Es ist nicht das einzige Mal, dass der Ausstellungsbesucher auf Lehnert trifft, denn der Pädagoge hatte sich schon vorher in Neukölln einen Namen gemacht – als ebenso langjähriger (1989-2007) wie erfolgreicher Leiter des Britzer Albert-Einstein-Gymnasiums. Sein Konferenztisch gehört denn auch zu den Schulmöbeln, die in der Ausstellung zu sehen sind und die jenseits des Schulalltags eine ganz eigene Spannung erzeugen – ebenso wie die Fotos von menschenleeren Lehrerzimmern, Aulen und Turnhallen, die im Katalog zu sehen sind.

Erfolgreiche Konzepte

Kaum ein relevanter und hoffnungsvoller Ansatz, der nicht gewürdigt würde von Gößwald. Darum begegnet man dem erfolgreichen Lateinkonzept des Ernst-Abbe-Gymnasiums ebenso wie der engagierten Elternarbeit an der Karlsgarten-Grundschule oder dem Musikschwerpunkt der Clay-Sekundarschule. Und es macht auch Spaß zu lesen, wie sich Schüler der Walter-Gropius-Schule anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums auf die Spurensuche begeben haben.

Ein Exkurs zu den Parallelwelten

Mitunter scheint im Katalog aber auch auf, dass Neukölln – trotz allen Reformeifers und aller Innovation – weit davon entfernt ist, die Probleme seiner Parallelwelten zu lösen. Besonders deutlich wird dies im Gespräch Gößwalds mit dem Leiter der Alfred-Nobel-Schule, Fabio Ficano. Ficano berichtet, dass seine Lehrer – nach Kontakten mit muslimischen Schülern – „manchmal als Deutsche bezeichnet werden, auf die man, so klingt es heraus, nicht hören muss“. Ficano sagt, dass manche Familien „in ihrer Welt bleiben, sich abgrenzen wollen“. Aber Gößwald lässt das so nicht stehen, sondern fragt Ficano, ob das Integrationsinteresse in der zweiten oder dritten Einwanderergeneration nicht stärker werden könnte. Ficano bejaht.

Die Ausstellung ist bis 30.12. täglich von 10-18 Uhr im Museum Neukölln zu besuchen. Eintritt frei. Ort: Alt-Britz 81. Das Ausbildungsrestaurant Schloss Britz ist Mittwoch bis Sonnabend von 11.30-22 Uhr und Sonntag von 11.30-20 Uhr geöffnet. Reservierungen und Infos: Tel.: 030 6097 5039

Mehr zum Thema

Der Katalog zur Ausstellung. "Neukölln macht Schule. 1968–2018." von Udo Gößwald (Hg.): Berlin 2018, Band 3. Schutzgebühr 18,00 € zzgl. Versandkosten

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben