Aus der Not schicken Eltern ihre Kinder auf Privatschulen - nicht aus Ehrgeiz

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Privatschulen im Trend : Künftige Elite zwischen Lernfreiheit und Leistungsdruck

Kurz darauf, eine Köchin schält Gemüse, Kinder spielen Fangen, Emil streichelt einen Hund. Er gehört der Betreiberin der Kiezlokale Bull-Bar und Cortina Bob. Alle zwei Wochen kommt sie in die Schule, ehrenamtlich, „weil es schön ist für den Hund“, wie sie sagt. Hundevorlesen heißt ihre Stunde für die Schulanfänger. Den Kindern sei es oft peinlich, laut vorzulesen, erklärt sie. Vor dem Hund haben sie diese Hemmungen nicht.

Der Hund, mit dem sich David beschäftigt, ist ein Deutscher Schäferhund. Für ihn ein virtuelles Tier. David und seine 14 Mitschüler sollen im Internet ein Referat zur Hunderasse ihrer Wahl recherchieren. Es geht um selbstständiges Arbeiten und Präsentation. „Dog-Project“ heißt die Unterrichtseinheit.

Berufsziel Ameisenforscher: Emil Peuschel findet gut, dass er in der Freien Schule Kreuzberg zu nichts gezwungen werde.
Berufsziel Ameisenforscher: Emil Peuschel findet gut, dass er in der Freien Schule Kreuzberg zu nichts gezwungen werde.Mike Wolff

David ist ein lebendiger Junge, ein wenig unordentlich. Er sagt, dass sich sein Notenschnitt von 1,6 auf 2,1 verschlechtert habe. Er braucht mindestens 2,7, um im nächsten Jahr auf das Gymnasium von Phorms zu wechseln. David will an der Privatschule bleiben. „An ihre Macken gewöhnt man sich. Schon okay“, sagt er. Der Hof sei „öde“.

Dafür gibt es für die 550 Kindergartenkinder und Schüler drei Turnhallen, eine Theaterbühne und mit interaktiven Smartboards ausgestattete Klassenräume, deren Geräumigkeit für David mitunter von Nachteil ist. Er sitzt an einem Einzeltisch und kann sich mit seinem Freund nur in Zeichensprache verständigen. „Wer hat am Wochenende an seinem Dog-Project weitergearbeitet?“, fragt die Lehrerin. Alle Kinder melden sich.

Die Lehrer sind jung und engagiert

Höchstens zehn Minuten habe David daran gesessen, sagt seine Mutter. Er lerne schnell, mitunter nachlässig. Sabine Amirdschanjan hat ihre drei Kinder bei Phorms. Ihr ältester Sohn war erst an einer staatlichen Schule. Kaum eingeschult, wurde ein Elternabend zum Thema Gewalt auf dem Schulhof einberufen. Aus Not schicken viele Eltern ihre Kinder auf eine Privatschule, nicht aus Ehrgeiz. Außerdem, sagt Amirdschanjan, finde bei Phorms der Unterricht immer statt. Für sie als alleinerziehende Mutter, die arbeitet, sei das entscheidend. Ihr gefalle an der Schule, dass viele Fächer auf Englisch von Muttersprachlern unterrichtet würden. „Das sind meist junge, engagierte Lehrer. Ich habe noch keinen erlebt, der keinen Bock mehr hat. Der Nachteil ist, dass die Lehrer oft nicht lange bleiben.“

Davids Klassenlehrer kommt aus Michigan. Zuvor unterrichtete er Schwererziehbare. David findet ihn streng. Der Lehrer seinerseits hat den Eindruck, dass es bei Phorms nicht so streng zugehe, verglichen mit den Gepflogenheiten in seinem alten Schulbezirk. Zwar vergibt er „Effort Grades“ nach jeder Stunde – Fleißnoten. „Um den Schülern zu helfen, sich zu konzentrieren“, sagt er. Sie tauchen aber im offiziellen Zeugnis nicht auf. Letztlich, sagt er, wechseln bei Phorms über 90 Prozent der Kinder ohnehin aufs Gymnasium.

Schon allein der teure Apparat von Phorms verhindert allzu hohe Prüfungshürden. Die Privatschulkette, die vor drei Jahren finanzielle Probleme hatte, könnte es sich gar nicht leisten, Schüler rigoros auszusieben. Aus den Städten Hannover und Köln zog sich die Kette zurück. Die Schulgründer gingen. Das neue Management ist leiser.

"Mit Eigenverantwortung kann man viel erreichen"

Das Ziel, unternehmerisches Denken zu vermitteln, interpretiert die Grundschulrektorin in Mitte, Stephanie Jansen, mittlerweile so: „Zu zeigen, dass die Dinge ihren Wert haben.“ Sie verwahrt sich auch gegen das Wort Eliteschule. Sie selbst besuchte früher eine Waldorfschule und hat nach dem Studium eine Schule dieses Typs aufgebaut. Sie hegt noch immer Sympathien für reformpädagogische Ideen. „Mit Eigenverantwortung kann man viel erreichen“, sagt sie.

Auch an ihrer Grundschule bleibt fast niemand sitzen. Jansen erinnert sich an zwei, drei Fälle, in denen ein noch sehr unreifes Kind nach langen Gesprächen mit den Eltern zurückgestellt wurde. Bei einem Schulgeld, das je nach Einkommen bis 670 Euro im Monat beträgt, sind die Ansprüche der Eltern an die Schule größer als die Ansprüche der Schule an die Kinder.

„David leidet wirklich nicht sehr unter Leistungsdruck“, sagt seine Mutter. Aber lernt man, wie versprochen, bei Phorms wirklich besser als beispielsweise an der Freien Schule Kreuzberg?

Dort gibt es keine smarten Tafeln, dafür Zelte, Lesehöhlen, denn gerade ist Projektwoche zum Thema „Ich erzähle dir eine Geschichte“. Die Höhle eines Jungen ist kaputt. Emil glaubt, dass das „irgendjemand extra gemacht“ hat. Ein anderer sagt, dass es „sicher die Mädchen“ gewesen seien. Konflikte auszutragen und zu lösen ist an Freien Alternativschulen Lernziel. In Vollversammlungen entscheiden die Kinder über Regeln an der Schule. Ihre Interessen, nicht der Berliner Rahmenlehrplan, bestimmen das Curriculum. Und statt eines Zeugnisses bekommen die Schüler Briefe mit nach Hause, die auch Vorschläge enthalten, was sie besser machen können. „Bei mir stand eigentlich immer nur Gutes drin“, sagt Emil Peuschel.

Die ganz große Freiheit ist hier nicht zu finden

Doch die ganz große Freiheit, wie A. S. Neill sie beschrieb, ist in Kreuzberg nicht mehr zu sehen. Was auch an dem Zusammentreffen von Attilerie, Rufname Atti, und Nanke Meems liegt.

Atti ist Kunstpädagogin, Meems Biologin, die lange für das Institut für Gewässerökologie arbeitete und sich als „sehr strukturierte Person“ beschreibt. Die Selbstbestimmung, die sie an der Kreuzberger Schule anfangs antraf, war ihr zu chaotisch. Nun gibt es feste Lernzeiten mit verschiedenen Angeboten, von denen sich jedes Kind eines aussuchen muss. In Deutsch steht Comicschreiben, in Lexika lesen oder Handschriftüben zur Auswahl. Meems nimmt es ernst, die Schüler auf weiterführende Schulen vorzubereiten.

Der Schulstreik in Berlin
Mit Transparenten wie "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ziehen die demonstrierenden Lehrer durch die Straßen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dpa
23.04.2013 13:33Mit Transparenten wie "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ziehen die demonstrierenden Lehrer durch die Straßen.

„Emil wäre für jeden Schultyp ein super Schüler“, sagt sie. „Er kann gut selbstständig arbeiten, er hat viel Wissen und sehr komplexe Gedanken.“

Emils Vater sagt, dass er für den Sohn „eine möglichst lässige Schule“ gesucht habe. Er selbst sei in der DDR auf Leistung getrimmt worden. Man müsse „seinem Kind vertrauen“, wenn man es an eine Schule jenseits des tradierten Systems schicke. Die Lehrer an der Freien Schule Kreuzberg ließen sich viel einfallen, um die Kinder zu begeistern. Außerdem ist der Personalschlüssel hoch: 8 Lehrer und Erzieher für 31 Kinder.

Lernzeit Mathematik. Meems multipliziert an einer Tafel Brüche miteinander. Emil hat seinen Kopf auf der Bank liegen. „Ich muss mit ihm wissenschaftliches Arbeiten nachspielen“, sagt Meems, „pures Rechnen ist ihm zu langweilig.“ Bei Phorms in Mitte hängt David in ähnlicher Haltung über seinem Tisch. Auch er mag Mathematik nicht besonders. Sein Lehrer macht David und seine Mitschüler zu Unternehmern eines Vergnügungsparks und lässt sie als Rechenübung für 28 000 Dollar Fahrgeschäfte und Imbisse kaufen.

Zwei engagierte Lehrer, die einem trockenen Stoff zu trotzen versuchen. Schule bleibt mitunter Schule, ob sie eine Vollversammlung hat oder ein Management. Der größte Unterschied der beiden Privatschulen liegt in ihrem Geist. Bei Phorms sagen sie Vision.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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