Magersüchtige funktionieren super - eine gewisse Zeit lang

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Zwanghaftes Hungern : Magersucht, die stille Krankheit

Die Mutter dachte damals, die Gewichtsabnahme hätte mit der Pubertät und dem täglichen Training zu tun. Sie glaubte, dass sich das Übergewicht nun von allein zurechtruckelt. Weder Lauras Eltern noch ihr Bruder haben eine Gefahr bemerkt. Die Magersucht war noch nicht sichtbar und Laura hatte das Nichtessen gut versteckt. „Suchtentwicklung und psychische Störungen sind gerade in der Anfangszeit schwer wahrnehmbar“, sagt Heinz Kaufmann, der seit 38 Jahren als Lehrer tätig ist. Trotzdem kann die Mutter es immer noch schwer verwinden, dass sie es nicht bemerkt hat. Doch sie hat viel gelernt, Eltern sind stark beteiligt in der Therapie von Magersüchtigen – ohne sie heilen die Kinder nicht. Heute weiß sie: „Magersüchtige funktionieren super, solange sie körperlich können, sie ziehen ihren Selbstrespekt daraus.“

Darum ist es auch für Lehrer schwierig, die Magersucht zu bemerken. „Es sind meist die stillen, leistungsstarken Mädchen, die laufend Einsen schreiben, aber mit 40 Kilo in die Klasse kommen“, sagt Suchttherapeutin Hartmann. Lauras Lehrer wussten von ihrer Krankheit, die Eltern legten es offen: Bei ihrem ersten stationären Aufenthalt war Laura im zweiten Halbjahr der sechsten Klasse in der Grundschule und stand vor dem Wechsel aufs Gymnasium. Ihre Eltern informierten die neuen Lehrer. Dort kannte man das Thema schon, an dem Gymnasium sind sehr viele Mädchen von der Magersucht betroffen.

An jeder Oberschule gibt es eine ausgebildete Lehrkraft, sogenannte Kontaktlehrer für Suchtprophylaxe. „Um Tendenzen wie eine beginnende Magersucht zu erkennen, braucht man guten Kontakt und Vertrauen zu Schülern über den Unterricht hinaus“, sagt Kaufmann. Es brauche offene Augen und Ohren, Lehrer müssten aktiv werden, etwa in Pausen Gespräche mit den Schülern suchen.

Geschulte Fachleute, wie etwa die Kontaktlehrer, sollten bei eventuellen Unsicherheiten beratend hinzugezogen werden, sagt Kaufmann. Auch Martina Hartmann hebt hervor, wie wichtig es sei, dass Lehrer auffällige Schüler ansprechen. Als Außenstehender könne man oft hilfreicher sein als die Eltern, die schon alles gesagt haben. Die Lehrer sollten beobachten und den Betroffenen rückmelden, dass sie sich Sorgen machen.

Auch das mediale Umfeld spiele eine Rolle, meint Suchttherapeutin Hartmann. Sendungen wie Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ zum Beispiel. Vor wenigen Tagen wurde die 17-jährige Luisa als Gewinnerin gekürt: sehr dünn, hübsch, von den Medien wird sie für ihren Look bejubelt. Und in den Jugendzentren üben kleine Mädchen den Catwalk, beobachtet Hartmann. Die gefährliche Botschaft: Mädchen müssen dünn sein.

Das war Laura auch irgendwann, sie hatte rund 30 Kilo abgenommen. Zwischen ihrem elften und 15. Lebensjahr war sie dreimal in der Psychiatrie. Regelrecht phobisch sei sie gewesen, was Essen angeht, sogar der Geruch war schlimm für sie. Sie hat gelogen, um nicht essen zu müssen, verbal um sich geschlagen, Essen heimlich verschwinden lassen. Mittlerweile ist sie 16 Jahre alt und gilt als gesund. Darum werden die Eltern Lauras neuen Lehrern nichts von der magersüchtigen Vergangenheit erzählen. Bald wechselt sie auf eine andere Schule. Sie habe es nicht geglaubt, aber heute könne sie ihrer Tochter wieder vertrauen, sagt die Mutter.

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