Schutzlos gegen Stalking : Er stellt ihr nach, sie zeigt ihn an – jetzt ist sie tot

Pro Jahr werden 20.000 Anzeigen wegen Stalkings erstattet. Eine kommt von Maria M. Ihr Ex-Freund bedroht sie, alle wissen Bescheid. Jetzt ist sie tot.

Maria M. wurde von ihrem Ex-Freund verfolgt – und machte alles richtig. Er fand sie doch.
Maria M. wurde von ihrem Ex-Freund verfolgt – und machte alles richtig. Er fand sie doch.Foto: picture alliance / Nicolas Armer

Frau M. war 1,66 Meter groß. Sie war 70 Kilogramm schwer und sie hatte einen sehr dicken Schädelknochen. Diesen zu durchdringen, erfordert ein hohes Maß an Kraft“, sagt die Gerichtsmedizinerin.

„Faktisch gesehen“, sagt der Polizeibeamte, „hat die Polizei in diesem Fall alles richtig gemacht. Doch an ihm lässt sich sehen, dass es leider keinen endgültigen Schutz gibt. Wir können jetzt nur noch eine Fehleranalyse machen.“

Sie. Das war Maria M. Sie wurde 32 Jahre alt. Er. Das ist Nelson B. Er ist 33 Jahre alt.

Am Anfang war es die große Liebe. Daraus wurde Eifersucht. Dann Psychoterror. Dann Stalking.

„Was ich meine“, sagt die Gerichtsmedizinerin: „Es braucht ein hohes Maß an Gewalt, um mit dem Messer durch den Schädel zu kommen. Wir haben im Knochen einen metallenen spitzen Gegenstand gefunden, die Messerspitze, diese war stecken geblieben.“

Es war der Winter 2016, als sie sich kennenlernten. Er ging mit seinem Hund spazieren, sie ging mit ihrem Hund spazieren, im Volkspark Friedrichshain. Sie kamen ins Gespräch. Ihr Hund hieß Erna, seiner Bobby, beides Miniatur-Terrier. Nelson und Maria tauschten Telefonnummern aus, verabredeten sich wieder, kamen sich näher.

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Knapp 20.000 Mal werden jedes Jahr in Deutschland Anzeigen wegen Stalking erstattet. Knappe 2.000 davon in Berlin. In den allermeisten Fällen sind es Ex-Freunde oder Ex-Männer, die ihren ehemaligen Partnerinnen nachstellen. So sehr, dass diese sich bedroht fühlen, ihr normales Leben nicht mehr leben können. Es zu Gewalt und Übergriffen kommt. Manchmal dauert all das jahrelang, manchmal ein paar Monate. Und selten kommt es dabei auch zu Tötungsdelikten.

Er durfte sich ihr nicht nähern

Maria hatte seit sechs Jahren keine richtige Beziehung mehr gehabt. Nelson wurde von seiner letzten Freundin betrogen und verletzt, so erzählte er es ihr.

Von diesen Anfängen berichtet Marias Schwester Julia vor dem Kriminalgericht Moabit, 21. Strafkammer. Mit kerzengerader Haltung geht sie zum Zeugentisch. Mit fester Stimme spricht sie. Sie arbeitet als Tierärztin in Berlin. Sie ist die Jüngere.

Julia und Maria: Wie beste Freundinnen seien sie gewesen, Seelenpartner. Auch: wie gegenseitige Tagebücher. Maria hatte ihr alles über Nelson erzählt. Von der Verliebtheit, den ersten Unsicherheiten. Dann von der Angst. Julia war es, zu der Maria sich flüchtete. Die die Schreie ihrer Schwester hörte, noch versuchte, Maria zu beatmen. Julia hatte das Blut aus Marias Mund an ihren Lippen, damals am frühen Morgen des 8. Dezembers 2018, im Treppenflur ihres Wohnhauses in Zehlendorf.

Nelson B., groß und bullig, raspelkurze dunkle Haare, über den Augen dichte Brauen. Angeklagt wegen Mordes, gerichtliches Aktenzeichen 521 Ks 3/19. Hier wird verhandelt, wie heimtückisch seine Tat und wie arglos das Opfer war. Aber auch, wie zurechnungsfähig er dabei war und ob man es der Gesellschaft zumuten kann, ihn nach der Strafe wieder in Freiheit zu entlassen.

Nelson hatte sich Maria nicht mehr nähern dürfen, so hatte es erst die Polizei verfügt und dann das Familiengericht festgelegt. „Doch was bringt einem ein Stück Papier, auf dem steht, dass der Täter sich nicht nähern darf, wenn er es trotzdem einfach tut? Ein Papier schützt nicht vor einem Stich mit dem Messer“, sagt der Opferanwalt Roland Weber, der Julias Nebenklage vertritt.

Hätte das Leben von Maria gerettet, diese Tat verhindert werden können? Haben sich Polizei und Justiz ausreichend bemüht?

Eine Familie, zu der er gehörte

Wie es ihr, Julia selber, gerade gehe, fragt die Richterin. Sie gehe in eine Traumaambulanz, um mit der Tat und ihren Folgen leben zu lernen, antwortet Julia.

Ihre psychosoziale Prozessbegleitung weicht im Gericht nicht von ihrer Seite. Und auf den Zuschauerbänken sitzen immer Kollegen, Freunde und die Familie. Eine Familie, zu der einmal auch Nelson gehörte. Kurz nur, ein Jahr, aber sie hatten ihn aufgenommen, wie einen Schwiegersohn, wie man das eben macht, wenn das Kind, die Nichte, die Schwester verliebt und glücklich ist, wenn man nichts Böses ahnt.

Nelson B. sitzt in einem Sicherheitskäfig aus Glas, nur ein paar Meter vom Zeugentisch entfernt. Manchmal schaut er in die Runde, zu den Zuschauern oder auf Julia. Immer bleibt seine Miene starr und unbeweglich. Man könnte meinen, dass er gar nicht zuhört. Doch er passt genau auf. Einmal weist er seinen Verteidiger darauf hin, dass auf den Zuschauerbänken eine Frau sitzt, die später noch als Zeugin aussagen soll. Sie wird des Saales verwiesen.

„Was für ein Mensch war Ihre Schwester?“, fragt die Richterin.

Julia sammelt sich kurz, holt Luft.

„Sie hat es immer gut mit allen gemeint, hatte ein offenes Herz, war für alle da, für Freunde und Kolleginnen. Man konnte sie mitten in der Nacht anrufen und sagen, dass es einem schlecht ging, dass man ihre Schulter brauchte. Sofort kam sie vorbei. Wir beiden wurden von unseren Eltern zu Fairness und Gerechtigkeit erzogen. Und sie wollte was vom Leben, strengte sich an, um Karriere zu machen“, erzählt Julia.

2010 waren die Geschwister aus Mecklenburg nach Berlin gezogen, vom Land in die große Stadt, wohnten zusammen in einer Wohnung. Julia studierte. Maria arbeitete als Kellnerin im Park-Inn-Hotel. Später wechselte Maria ins Motel One, als Managerin der Rezeption. Wenn Maria freihatte, traf sie sich mit Freunden, mit Kollegen, mit den Tanten, die auch in Berlin lebten.

Und wie war es, als Maria den Angeklagten kennenlernte?, fragt die Richterin.

„Ihre Augen leuchteten“, sagt Julia. Nelson B. tat ihr gut. Wenn sie von der Arbeit kam, massierte er ihre Füße. Sie kochte für ihn. „Obwohl sie das überhaupt nicht kann. Maria lässt sogar Spaghetti anbrennen. Doch für ihn machte sie Kohlrouladen, was gar nicht so einfach ist.“ Auf den Zuschauerbänken lachen die Freunde und die Familie. In diesem kurzen Moment ist es, als ob Maria noch da wäre.

Gleichzeitig war es nie ganz einfach mit Nelson. Mal meldete er sich nicht zurück. Mal sagte er Verabredungen kurz vorher ab. Einmal nur ein paar Stunden bevor sie in den Urlaub fahren wollten, oder als sie ihn endlich der Familie vorstellen wollte. Er brauche Zeit für sich. Ihm gehe es nicht gut. Er habe Angst, dass die Familie ihn nicht mag.

„Viele Hundert Whatsapp-Nachrichten, die wir auf ihrem Telefon gefunden haben“, sagt die Beamtin von der Mordkommission, die für die Datenauswertung zuständig war. „Und sie alle verweisen auf eine normale Beziehung. Höflich, freundlich, harmonisch.“ Wenn Nelson B. sich zurückzog, machte Maria ihm keine Vorwürfe. Sie war geduldig und wartete.

Als er sich schließlich doch noch zur Familie traute, bemühte er sich, einen guten Eindruck zu machen. Versuchte, sich gewählt auszudrücken, kleidete sich ordentlich, roch gut, hatte kurze Fingernägel, war höflich und schaute Maria liebevoll an. Wortkarg sei er gewesen. Schwer einzuschätzen. Sie trafen sich nun häufiger im Garten von Tante Andrea, spielten Tischtennis, grillten und redeten.

Auch noch, als erste Schatten aus seiner Vergangenheit auftauchten. Gerichtsvollzieher und Polizisten, die in seiner Wohnung standen. Eine aufgelöste Maria und ein Nelson, der die Beamten anpöbelte. Später gestand er Maria, dass er diverse Schulden hatte, viele Tausend Euro, darunter die Behandlungskosten für einen Mann, den Nelson B. attackiert hatte. Es sei nur Selbstverteidigung gewesen, beteuerte Nelson. Sie glaubte ihm.

Er war schon mehrmals im Gefängnis. Sie ahnte davon nichts

Später wird ein Polizist vor Gericht aussagen, dass Nelson B. bei ihnen sehr bekannt war. Zwischen 2000 und 2018 trat er 144 Mal polizeilich in Erscheinung, davon 99 Mal als Tatverdächtiger. Er hatte diverse Vorstrafen, saß schon mehrmals im Gefängnis, auch wegen Körperverletzung. Weil er mit dem Messer zugestochen hatte. Zuletzt war er auf Bewährung entlassen worden. Seinen Ex-Freundinnen hatte er nachgestellt. So schlimm, dass sich alle drei an die Polizei gewandt hatten.

All das wusste Maria nicht.

Als Nelson seine Schulden nicht mehr verstecken konnte, half ihm Tante Andrea. Ordnete seine Dokumente, setzte sich mit den Banken, den Rechtsanwälten und seinem Bewährungshelfer an einen Tisch. Bezahlte seine Schulden von ihrem Geld.

„Wenn Maria glücklich war, waren wir es auch, deswegen habe ich das gemacht. Außerdem hat jeder eine zweite Chance verdient, so dachten wir. Wenn er erst mal raus wäre aus seinem Schuldenloch, könnte er sein Leben besser ordnen, so dachten wir“, sagt die Tante mit einer Bitternis in der Stimme. „Er wusste ja, welche Knöpfe er drücken musste, welche Tränendrüsen er anschmeißen musste, um Mitleid und Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Während Julia versucht, vor Gericht sachlich zu sprechen, ist die Tante zornig. Einmal wird sie vom Verteidiger von Nelson B. gefragt: „Sind Sie sauer auf meinen Mandanten?“

Sie antwortet: „Sauer? Ich verachte ihn zutiefst, für das, was er getan hat, und für das, was er ist. Ich verachte Menschen, die sich über andere hinwegsetzen und anderen wehtun.“

Nelson B. schlägt die Hände vors Gesicht. Weint. Und äußert sich: „Es tut mir leid.“ Seine Schluchzer dringen durch den ansonsten totenstillen Saal. „Ich habe jeden Menschen, der mich liebt, enttäuscht. Ich wollte Maria nichts antun, dafür war sie ein viel zu toller Mensch. Ich habe sie sehr geliebt und habe ihr und ihrer Familie viel zu verdanken. Ich wollte mich einfach nur entschuldigen, wollte nur mit ihr reden.“

„Ich hätte ihr auch den Kopf abgeschnitten“

Nach der Tat hatte Nelson bei der Polizei ausgesagt, dass er hingefahren sei, um sie zu umbringen: „Ich hätte ihr auch den Kopf abgeschnitten, um sicherzugehen, dass sie zu 100 Prozent tot ist.“

Richterin: „Den Kopf wollten Sie also nicht abschneiden?“

Nelson B.: „Nein.“

Sein Problem sei die Eifersucht. Er könne nicht vertrauen, sei schnell verletzt. Dann werde er ungerecht, gemein, beleidigend. „Innerlich bricht dann eine Welt zusammen“, sagt er weinend.

Nelson B. ist in Berlin aufgewachsen, lebte als Jugendlicher zwischenzeitlich in einem Brandenburger Heim, war arbeitslos, war im Gefängnis, arbeitete als Straßenbauer. Nahm Drogen, trank Alkohol, stritt sich mit seiner Mutter, die 2013 starb, ohne dass sie sich versöhnt hatten. Und doch: „Wenn er auftrat, konnte er sehr charmant sein“, sagt die Tante. „Alle Ex-Freundinnen sprachen auch von seinen guten Seiten“, sagt die Polizistin der Mordkommission.

Im Mai 2018, sechs Monate vor Marias Tod, begann es zu kippen. Nelson erledigte an ihrem Tablet seine Bankgeschäfte, da poppten zwei Facebook-Messenger-Nachrichten auf. Ein Gast des Hotels bat darum, für ihn ein Zimmer zu reservieren. Aus irgendeinem Grund hatten Maria und er sich auf Facebook befreundet und aus irgendeinem Grund nutze er diesen Kanal für seine Anfrage. Nelson B. dachte, dass sie ihn betrügt. Dass das ein Code sei für ein heimliches Treffen. Es war der Anfang von Nelsons Weg in eine andere Realität. Eine, in der er nur noch Betrug und Gemeinheiten gegen ihn sah.

Die Polizistin der Mordkommission gibt zu Protokoll: „Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich sein Whatsapp-Verhalten.“ Er meldete sich jetzt mehrmals am Tag. Wann sie Zeit hätte? Ob sie nicht die Arbeit ausfallen lassen könne? Warum sie immer ihre Freunde und die Familie über ihn stellen würde? Ob sie ihn überhaupt liebe? Seien nicht alle anderen immer wichtiger als er?

Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen

„Erst war sie geduldig, hat sich erklärt, alles begründet. Doch je mehr von ihm kam, umso knapper wurde sie. Sie müsse nun mal arbeiten und wolle nun mal ihre Familie sehen. Je mehr sie sich zurückzog, umso verzweifelter und wütender wurde er“, sagt die Beamtin.

Er drohte damit, sich das Leben zu nehmen, wenn sie sich nicht mit ihm träfe. Doch wenn sie sich trafen, stritten sie, machte er ihr Vorwürfe, nannte sie Fotze oder Drecksau. Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Er durchsuchte ihre Notizbücher, fotografierte eine Seite, auf der sie alle ihre Passwörter notiert hatte. Screenshots, die die Polizei auf seinem Handy fand, belegen das.

„Ich muss aber wissen, dass ich geliebt werde“, sagte Nelson mal zu Maria, mal zu Julia. Fing an zu zittern, zu weinen und wurde gleichzeitig laut.

Im September hatte Maria genug. Sie machte Schluss.

Der Horror beginnt.

Nelson ruft an, schreibt Nachrichten, klingelt nachts an der Tür und möchte rein, fragt die Nachbarin nach dem Ersatzschlüssel. Legt sich auf Facebook ein Fake-Profil an, kontaktiert Freundinnen von Maria. Lauert ihr im Volkspark Friedrichshain auf, springt aus dem Gebüsch. Wirft seinen Schlüssel weg und sagt: „Dann wohne ich jetzt bei dir.“

Einmal nimmt sie ihn mit rein, als er betrunken vor der Tür liegt, da rennt er auf den Balkon, stellt sich auf das Geländer und sagt: Ich springe. Als sie die Polizei rufen möchte, droht er mit einem Blutbad. Dann wieder schmeißt er sein Handy und seinen Schlüssel in ihren Aufzugschacht und verlangt, dass sie sich darum kümmert. Zwischendurch lässt er sich in die psychiatrische Abteilung einer Klinik einweisen, weil Maria ihn darum gebeten hat, endlich an sich zu arbeiten und mit alldem aufzuhören. Doch er entlässt sich wieder, weil er zu ihr möchte, weil er wissen möchte, ob sie ihn nicht doch betrügt.

Er lauert in der Tiefgarage

Dann, am 22. Oktober 2018 um 21 Uhr 40, erhält die Polizei einen Notruf. Maria ist dran. Sie ist in die Parkgarage ihres Hotels gefahren, da hat sie eine dunkle Gestalt hinter dem Auto herlaufen sehen. Nelson B. versucht, die Tür aufzumachen. Abgeschlossen. Er schlägt mit dem Ellbogen gegen die Scheibe. Versucht, sie mit dem Fuß zu zertrümmern.

„Sie zitterte am ganzen Körper, war in einem Schockzustand, war fix und fertig“, sagt einer der Polizisten, der sie schließlich fand. Die Beamten nehmen sie mit auf die Wache. Sie erzählt, wie er sie bedroht und terrorisiert, welch panische Angst sie hat. Eine Anzeige wegen Stalking wird aufgenommen. Eine Akte angelegt. Sie geben eine einstweilige Verfügung in Auftrag, dass er sich ihr nicht nähern darf. Andere Kollegen fahren bei ihm vorbei und halten die sogenannte „Gefährderansprache“. Dass er sich strafbar mache, wenn er Maria weiter belästige. Dass sie ihn in Gewahrsam nehmen können, wenn er bei Maria auftaucht. Dass hier eine rote Linie ist, die er nicht überschreiten darf.

Maria selbst geht zum Familiengericht und beantragt ein Kontakt- und Näherungsverbot.

Alle Instrumente, die in Berlin zur Verfügung stehen, um Stalker in die Schranken zu weisen, werden bedient.

Seit einigen Jahren hat jede Berliner Wache speziell geschulte Beamte. Sie bewerten die Gefahr, die von dem Täter ausgeht, und erstellen die sogenannte Gefährdungsanalyse. Was hat der Täter für eine Vorgeschichte? Hat das Opfer große Angst? Bezieht der Täter dritte Personen mit ein? Ist er gewalttätig oder könnte er es werden? Die Polizei muss insgesamt abwägen, welche Maßnahmen den Konflikt entschärfen könnten oder welche ihn erst recht anheizen.

Der Stadtstaat Bremen geht noch weiter: Sofort, nachdem eine Stalking-Anzeige aufgenommen wird, schickt die Polizei ein Fax an ein Kriseninterventionsteam. Das meldet sich unverzüglich beim Beschuldigten, erst per Brief, dann per Telefon, und bietet Beratung und Therapie an. Die Beschuldigten müssen nicht mitmachen. Noch sind sie ja nicht schuldig gesprochen worden. Trotzdem öffnet sich damit ein Ausweg, den viele wahrnehmen. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit, Wut und Verzweiflung vom Opfer wegzuverlagern.

Er ruft: „Ich komme in Frieden“ und hämmert gegen die Tür

All das regelt eine Verwaltungsvorschrift, die 2006 in Bremen nach zwei aufsehenerregenden Stalking-Morden umgesetzt wurde. Ob alle zwei Wochen, jede Woche oder mehrmals wöchentlich: Die Beratungsstelle arbeitet solange und intensiv mit dem Stalker, bis er aufhört, einer zu sein. „Seitdem wir das so machen, hat es in Bremen keinen Tötungsdelikt in den Fällen mehr gegeben, in denen wir eingeschaltet waren“, sagt der Leiter der Beratungsstelle.

Auch in Berlin gibt es eine Beratungsstelle mit dem Namen „Stop Stalking“. Aber alle Vorstöße, das Bremer Angebot auch in Berlin zum Standard zu machen, scheiterten bislang mit dem Hinweis auf den Berliner Datenschutz. So melden sich die Stalker bei „Stop-Stalking“ in den allermeisten Fällen aus eigenem Antrieb. „Letztendlich haben wir nur mit 130 Stalkern und Stalkerinnen im Jahr Kontakt und das bei knapp 2.000 Anzeigen“, sagt der leitende Psychologe Wolf Ortiz-Müller.

Es gibt Einmal-Stalker, die die Trennung nicht verkraften, die aber nach einer gewissen Zeit und nach den ersten Kontakten mit der Polizei oder dem Gericht wieder mit dem Stalking aufhören. „Viele realisieren auch gar nicht, was sie mit ihren Handlungen bei ihren Ex-Partnerinnen oder Ex-Partnern auslösen, wollten das häufig auch gar nicht. Das sind die einfachen Fälle.“ Und dann gibt es notorische Stalker, die es immer wieder machen. „Sie haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl, haben nie gelernt, mit Trennung oder Zurückweisung umzugehen, bauen sich ihre eigene Realität und Rechtfertigung, fühlen sich als Opfer und wollen das kompensieren, das eigentliche Opfer spüren lassen, wie gemein sie sich behandelt fühlen. Das kann unter Umständen schnell eskalieren“, sagt Ortiz-Müller.

So einer ist Nelson.

Plötzlich steht er auf dem Grundstück der Tante, ist über den Zaun geklettert und hämmert gegen die Tür, gegen das Fenster. „Ich komme in Frieden“ ruft er dabei. Er geht erst, als die Polizei ihn vom Gelände führt. Oder er steht auf der anderen Straßenseite von Marias Wohnung auf der Petersburger Straße. Trinkt Bier, schaut nach oben, stundenlang. Dann klingelt er, setzt sich in den Hof, ruft nach Maria. Maria holt die Polizei, die in Mannschaftsstärke anrückt und Nelson B. über Nacht auf die Wache mitnimmt. Insgesamt gibt es 16 dokumentierte Polizeieinsätze in diesen Wochen.

Er googelt: "GPS-Tracker kaufen" und "Messerstich ins Herz"

Längst schläft Maria mal bei ihrer Schwester, mal bei ihrer Tante. Längst hat sie Freunde mobilisiert, die sie überallhin begleiten. Längst hat sie ihren Computer neu aufgesetzt und die Passwörter geändert. Längst steht sie in Kontakt mit dem Landeskriminalamt, Zentralstelle für Individualgefährdung. Dort werden spezielle Schutzmaßnahmen für Maria entworfen, die man nur mit einer der höchsten Gefahreneinschätzungen bekommt.

Nelson beginnt zu googeln. Die Richterin liest ein paar Auszüge vor.

5. November: GPS-Tracker kaufen.

11. November: Mord unter Drogen und Medikamenten / JVA Moabit / Fernsehen in Untersuchungshaft / Psychisch krank / Wann geht ein Täter straflos aus.

Er liest den Artikel: „Auch Töten ist menschlich“ auf „Zeit Online“. Darin heißt es: „Wer mordet, ist nicht normal. Dabei liegt das Töten in unserer Natur.“

13. November: Rechtsanwalt Mord / Citrön C1 Unterbau / Welche Drogen machen aggressiv / Buttersäure kaufen Berlin / Was passiert mit dem Mörder nach der Tat.

14. November: Ein Tag in der U-Haft / Polizei JVA Berlin.

21. November: Schusswaffe Görlitzer Park / Buttersäure / Messerstich ins Herz / GPS-Tracker Conrad

Irgendwann in diesen Tagen kauft er dann auch den GPS-Tracker, bringt ihn an Marias Auto an, weiß jetzt immer, wo sie ist. Kauft ein Steakmesser bei Edeka. Es kostet 9,99 Euro und ist 16 Zentimeter lang und drei Zentimeter breit. „Schwer ist es“, sagt die Richterin, als sie den Messergriff mit der nun abgebrochenen Klinge in die Hand nimmt. Irgendwann jetzt bringt Nelson B. ein Antirutsch-Tape am Griff des Messers an. Wegen des Blutes, damit er nicht abrutscht und sich am Ende selbst verletzt. Den Tipp hat ihm ein Mitpatient in der Klinik gegeben.

Sie schläft bei ihrer Schwester. Sie traut sich nicht nach Hause

Nur in ganz krassen Fällen verordnet die zuständige Amtsanwaltschaft oder das zuständige Gericht dem Stalker eine Therapie. Manchmal im Tausch für eine Einstellung des Verfahrens, manchmal als Auflage und damit als Teil der Strafe. So oder so passiert das erst, nachdem die polizeilichen Ermittlungen und das juristische Verfahren abgeschlossen sind. In Berlin kann das wegen der Überlastung der Justiz Monate dauern.

Nelson B. wäre wohl so ein krasser Fall gewesen.

7. Dezember, 18 Uhr 14. Die Polizei ruft ein letztes Mal bei Nelson B. an. Der Beamte ermahnt, nicht noch einmal bei Maria zu klingeln. Nelson streitet alles ab und wirkt auf den Beamten „genervt, unhöflich, frech und patzig“. Das Telefonat dauert fünf Minuten.

Maria ist bei ihrer Schwester in Zehlendorf. Wie auch in den zurückliegenden Nächten. Sie traut sich nicht nach Hause. Julia hat gekocht, Maria gegessen. Dann gehen sie zusammen ins Bett. Maria will noch etwas auf Amazon schauen, schläft aber wie immer schnell ein. Julia steht wieder auf, geht an ihren Schreibtisch, arbeitet weiter an ihrer Doktorarbeit. Draußen ist es dunkel. Der Wind weht heftig.

Nelson hockt bei sich zu Hause im Prenzlauer Berg, eine dunkle Wohnung, aber nicht zugemüllt oder chaotisch, wie Tante Andrea auf Nachfrage der den Prozess begleitenden Psychologin aussagt. Eine chaotische Wohnung wäre ein Anzeichen von Depression, unter der Nelson angibt, zu leiden.

Das Telefonat mit der Polizei habe ihn aufgewühlt, sagt Nelson vor Gericht. Er sucht im Internet nach einer Verbindung nach Zehlendorf. Erst die Straßenbahn bis zum Nordbahnhof, von dort mit der S-Bahn bis nach Zehlendorf, dann mit dem Bus. Er weiß, dass Maria bei Julia ist, dass sie Frühdienst hat, gegen sechs Uhr das Haus verlassen wird.

Er sagt, es ging so schnell wie ein Wimpernschlag

4 Uhr 30. Marias Wecker klingelt. Sie steht auf, macht sich fertig. Julia hört noch, wie Maria mit einer ihrer Arbeitskolleginnen telefoniert. Diese will sie im Parkhaus vom Hotel treffen, damit Maria dort nicht alleine ist. Sie will Frühstück mitbringen und fragt, was Maria gerne hätte. Maria lacht. Julia erinnert sich, wie sie sich freute, dass Maria so viele Freunde hat, die sie unterstützen. Als Nächstes hört sie die Tür.

6 Uhr. Ein Nachbar, der mit seinem Hund spazieren geht, sieht Nelson vor dem gegenüberliegenden Haus im Dunklen hocken und wundert sich. Geht aber weiter. An der Eingangstür trifft der Nachbar auf Maria. Sie grüßen sich, Maria streichelt den Hund, dann tritt sie hinaus.

Nelson läuft mit drei, vier schnellen Schritten auf sie zu. Maria soll noch gesagt haben: „Was willst du hier? Ich bring dich zur Polizei.“ Dann stößt er mit dem Steakmesser Richtung Herz, Richtung Kopf. „Es ging so schnell wie ein Wimpernschlag“, sagt er vor Gericht. Zehn, vielleicht 20 Sekunden lang sticht er zu, dann bricht die Klinge ab. „Ich hatte den Griff in der Hand, sie stand noch, ich bin weggerannt und habe den Griff fallen gelassen. Ich dachte, sie sei nur verletzt.“

Julia hört die Schreie. Lang gezogen und laut. „Ich wusste, dass sie es ist. Ich wusste, dass er es ist. Ich hatte ihr ja gesagt: Wenn er dich angreift, dann schrei so laut und so viel du kannst. Es muss sich nach was Schlimmem anhören.“

Sie rennt die drei Stockwerke nach unten, ihre Schwester steht mit der Schulter an die Tür gelehnt und sagt: „Er hat mich angegriffen.“ Julia sieht das Blut an der Stirn, am Oberarm, und Marias Handy, das sie in der Hand hält und aus dem ein Polizist: „Hallo, hallo“ ruft. Dann sackt Maria weg, wird blass, ihre Augen flackern. Julia reißt Marias Oberteil hoch, beginnt mit der Reanimation. Nachbarn kommen dazu, wechseln sie ab. Julia übernimmt die Beatmung.

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Nach der Tat geht er zu McDonalds

Nach 12, 15 Minuten kommen Polizei und Rettungswagen. Maria wird ins Krankenhaus gebracht. Sie hat keine Chance.

Todesursache: inneres und äußeres Verbluten.

„Selbst wenn man den Angeklagten früher in U-Haft gesteckt und die Stalking-Anzeige schneller zu einem Verfahren geführt hätte, heißt das immer noch nicht, dass er nach U-Haft oder nach einer Strafe aufgehört hätte. Wenn er bleibt, wie er ist, wenn nicht mit ihm gearbeitet wird, dann ist er genauso gefährlich, wenn er wieder rauskommt“, sagt Opfer-Anwalt Roland Weber. Über die Schwere der Schuld hat das Gericht zu entscheiden. Geht er ins Gefängnis? Für 15 Jahre oder sogar länger? Soll anschließend geprüft werden, ob der Angeklagte in Sicherungsverwahrung bleibt, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit bleiben könnte?

„Wenn man eine Lehre für Berlin aus diesem Fall ziehen kann, dann diese: Die Beschuldigten sollen endlich bei der polizeilichen Vernehmung ihr Einverständnis abgeben können, sich von einer Beratungsstelle kontaktieren zu lassen“, fordert der Psychologe Ortiz-Müller.

Direkt nach der Tat versteckt Nelson B. sich, dann geht er frühstücken zu McDonalds, raucht noch eine Zigarette und stellt sich schließlich auf der Wache am Ostbahnhof der Polizei. Warum er sich diese Wache ausgesucht hat, fragen ihn die Beamten. Sie sei die bequemste, die Betten nicht aus Holz, er habe es ein bisschen mit der Schulter, sagt er, er kenne ja schon ein paar. Ruhig und kühl kommt er den Beamten vor. Als sie ihm sagen, dass Maria gestorben ist, soll er vernehmlich ausgeatmet und erleichtert gewirkt haben.

Hinweis: Um künftigen Tätern keine Hinweise auf konkrete polizeiliche Schutzmaßnahmen zu geben, wurden einige Passagen leicht überarbeitet.

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