Berlin : Schwarzes Gold

Die Saarow-Therme bietet sämtliche Trendsetter-Anwendungen – aber auch Traditionelles wie Moorbäder

Claus-Dieter Steyer

Der Einstieg in die Badewanne kostet Überwindung. Immerhin fällt der Blick auf eine schwarze Masse, die obendrein noch einen etwas ungewohnten Geruch verströmt. Doch die beiden resoluten Damen erlauben keinen Rückzug. Außerdem haben sie die Zeremonie wirklich schön vorbereitet. Kerzen brennen, stilvoll verkleidete Lampen an den Wänden verbreiten gedämpftes Licht, mystisch anmutende Musik erfüllt den Raum. Dann der entscheidende Schritt: Die Füße durchdringen die Oberschicht des Morasts und erreichen langsam den Wannenboden, der Körper sinkt hinab – und schon sitzt der Gast im Moor.

Das freundliche Personal in der Therme von Bad Saarow wird nicht müde, den Nutzen eines solchen Bades zu preisen. Ach, was wird durch das Gemisch aus abgestorbenen Pflanzen, Bakterienresten und anorganischen Stoffen nicht alles besser: Beschwerden aller Art sollen verschwinden, weil im Gehirn einfach keine Schmerzsignale mehr ankommen. Hautallergien und Pilzerkrankungen verflüchtigen sich ebenso wie Herpes. Die Liste der beiden Damen wird immer länger, während die Muskulatur in der schwarzen Masse spürbar entspannt.

Der Test in der bronzenen Badewanne hatte sich am Ende gelohnt – obwohl gerade der Kurort Bad Saarow eine schier unüberschaubare Auswahl an Gesundheits- und Wellnessangeboten bietet. Die reicht vom indischen Ayurveda, über ein märkisches Seifenpeeling bis zur neuzeitlichen Weintherapie. Nirgendwo sonst in Brandenburg gibt es mit dem „Esplanade“ und dem „A–Rosa“ gleich zwei große Wellnesshotels im Ort, mit der „Villa Contessa“ das kleinste First-Class-Hotel mit einem anspruchsvollen Wohlfühlbereich und zahlreiche andere Herbergen. Außerdem eröffnete Ende 1998 die SaarowTherme den auch heute längst noch nicht geschlossenen Reigen brandenburgischer Thermalbäder. Das heilende Solewasser sprudelt aus 457 Metern Tiefe in die Becken. Dazu kommen gleich vier Golfplätze der Spitzenklasse sowie Zentren für Segelsport, Tennis und Reiten.

Zweifellos beflügelte die Erschließung der Mineralquelle den Aufstieg des knapp 4000 Einwohner zählenden Badeortes nach der Wende. „Wir werden besser als Sylt“, tönte die neue Kurdirektion Mitte der neunziger Jahre. Man wollte wieder an die noble Klientel der Vorkriegszeit anknüpfen, als die Prominenz der UFA zu Gast war: Käthe Dorsch, Harry Liedtke, Gustav Fröhlich, Heinz Rühmann oder Viktor de Kowa. Auch Max Schmeling und Anny Ondra, Maxim Gorki und viele andere kamen. Bad Saarow sollte nach dem Regierungsumzug wieder zur mondänen Adresse für Wohnen, Promenieren, Feiern und die Erholung werden.

Längst nicht alle Träume gingen in Erfüllung. Andere Regionen punkteten, weil sie näher an Berlin liegen. Die Gießkannenpolitik der Landesregierung machte Fehler beim Verteilen von Fördermitteln. Halbherziges Engagement verhinderte den raschen und eigentlich programmierten Aufstieg Bad Saarows zum auch international renommierten Ausflugsziel.

Wenig hilfreich waren interne Streitereien über den richtigen Kurs, die in der Absetzung des visionären Kurdirektors gipfelten. Selbst großen Hotelketten wie Kempinski und SAS Radisson unterliefen in Bad Saarow Fehler: Sie gaben auf oder zogen sich noch in der Bauphase wieder zurück.

Im Moorbad lässt sich über die verpassten und genutzten Chancen wunderbar sinnieren. Die tiefschwarze Masse ist letztendlich auch die Antwort auf alle Fragen nach der richtigen Strategie: Die meisten Menschen kommen nach Bad Saarow der Gesundheit wegen. Das war vor fast 90 Jahren nicht anders als heute. Zwar übte das Märkische Meer, wie Brandenburgs wandernder Dichter Theodor Fontane den großen Scharmützelsee rühmte, schon immer eine faszinierende Anziehungskraft besonders auf großstadtmüde Menschen aus. Sonst hätte es 1906 wahrscheinlich den Kauf des Rittergutes Saarow durch die Landesbank Berlin gar nicht gegeben. Sie veräußerte die parzellierten Grundstücke für noble Sommerfrischen.

Bei so einer schlichten Ansammlung von Villen wäre es wahrscheinlich ohne eine entscheidenden Entdeckung in dieser Zeit geblieben: Man stieß auf große Moorvorkommen. Den Gemeindechefs kam die zündende Idee, und 1914 empfing das Moorbad seine ersten Gäste. Bis heute steht die Jahreszahl an dem Gebäude. Hier ließen es sich die russischen Militärs bis 1994 gutgehen, die den Kurpark mit einem Zaun abgesperrt hatten.

Noch immer reichen die Moorvorräte für die tägliche Verwendung in der SaarowTherme. Nach dem Gebrauch als gesundheitsförderndes Mittel wird das Moor wieder in den Boden gepresst, wo es sich dann nach sieben bis zehn Jahren regeneriert hat.

Doch die Nachfrage hält sich selbst in Bad Saarower Wellnesstempeln in Grenzen. Die Werbung für Zeremonien aus dem Orient, dem Fernen Osten oder sogar aus indianischen Traditionen hat das alte Hausmittel schon ein wenig verdrängt. Nur die Lehre aus dem Moorbad von 1914 haben die meisten Hoteliers und die Chefs der Saarowtherme beherzigt, wenn auch meistens erst im zweiten Anlauf: Der Wellnessbereich muss so anspruchsvoll wie möglich sein. Dann kommen die Gäste in Scharen, vor allem unabhängig von Wetter und Jahreszeit.

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