• Schwerbewaffnete Soldaten, gehamsterte Avocados: Was eine Berliner Studentin bei der Ausgangssperre in Lima erlebt

Schwerbewaffnete Soldaten, gehamsterte Avocados : Was eine Berliner Studentin bei der Ausgangssperre in Lima erlebt

Es sollte ein Auslandssemester in Peru werden. Kurz nach der Ankunft erfasste die Coronakrise das Land. Ein Erfahrungsbericht.

Charlotte Jansen
Ausgangssperre. Kontrolle auf den Straßen Limas.
Ausgangssperre. Kontrolle auf den Straßen Limas.Foto: Charlotte Jansen

Als wir vor zwei Wochen ankamen, gab es in Peru gerade einmal eine Handvoll bestätigte Fälle von Coronavirusinfizierungen. Das war im Vergleich zu Deutschland eine sehr geringe Zahl. Deswegen fühlten wir Austauschstudenten uns in der Hauptstadt Lima sicher und dachten, wir wären dem Drama, das sich in China und Europa abspielt, gut entgangen.

Bei der Einreise trugen nur ein paar Grenzbeamte Atemmasken, und auch unser Spanischkurs an der Uni startete am Montag vergangener Woche regulär.

Einzig außerplanmäßig war ein Vortrag des Universitätsarztes zu Vorsichtsmaßnahmen in Zeiten von Corona. Dieser Vortrag war aufgrund seiner Wichtigkeit auf Spanisch. Vermutlich, damit sich der Arzt besser ausdrücken konnte. Verstanden habe ich außer ausführlichen Händewaschtechniken nicht viel. 

Anfang April sollte dann das Semester an der Universität in Lima starten, meine Kurse im Masterstudiengang Marketing beginnen.

Erste Präventionsmaßnahmen

Dann änderte sich alles schlagartig. Einen Tag später begann die peruanische Regierung unter dem Hashtag #ElPerúEstáEnNuestrasManos erste Präventionsmaßnahmen anzuordnen. Unter anderem wurden die Sommerferien für Schulkinder um ein paar Wochen (bis Anfang April) verlängert, auch die Universitäten wurden geschlossen.

Außerdem sollten wir keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr nutzen und größere Menschengruppen vermeiden. Zu dem Zeitpunkt gab es etwa 30 Fälle in Peru. 


Überall gibt's Kontrollen.
Überall gibt's Kontrollen.Foto: Charlotte Jansen

Am Wochenende wurden dann auf einmal sämtliche Orte, bei denen viele Menschen zusammenkommen, geschlossen. Man konnte also nicht mehr zum Strand. Bars, Clubs und andere Orte des öffentlichen Lebens wurden geschlossen. Und es wurde dazu aufgerufen zuhause zu bleiben. 

Das motivierte natürlich einen Großteil der Bevölkerung zu ausgiebigen Hamsterkäufen. In den Supermärkten gab es keine Einkaufswagen mehr und die Schlange zur Kasse reichte einmal durch den ganzen Laden. 

Jetzt spielten sich hier also auch ähnliche Bilder ab wie die, die wir auf Social Media aus Deutschland gesehen haben. Neben Klopapier wurden hier allerdings auch massenweise Sonnenblumenöl, Zucker und Thunfisch gehamstert.


Der Vermieter hat Lebensmittel für die Zeit der Ausgangssperre eingekauft.
Der Vermieter hat Lebensmittel für die Zeit der Ausgangssperre eingekauft.Foto: Charlotte Jansen

Sonntagabend hat der peruanische Präsident Martin Vizcarra den Notstand für das Land ausgerufen und eine Ausgangssperre für mindestens 15 Tage angeordnet.  #YoMeQuedoEnCasa - "Ich bleibe zu Hause" ist jetzt die Devise. 

Seit Montag dürfen wir unser Studentenhaus nur noch für Lebensmittel, Medikamente und Arztbesuche verlassen. Kontrolliert wird das Ganze von ständig vorbeifahrenden Polizeiwagen und schwer bewaffneten Soldaten auf den Straßen, denen man bei Aufforderung Reisepass und eine vorher ausgefüllte Selbsterklärung zeigen muss. 

Es ist ein merkwürdiges Gefühl durch komplett leere Straßen zu laufen, die normalerweise den ganzen Tag vom Verkehr verstopft sind.

Die Stimmung ist noch gelassen

Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet, aber die Stimmung ist noch gelassen. Im Supermarkt sind die sonst sehr gesprächigen Peruaner sehr ruhig und machen konzentriert ihre Einkäufe. Bis auf die billigsten Spaghetti, Reis und Tiefkühlpizza sind die Regale in unserem Viertel noch voll. 

Der Präsident hat bekräftigt, dass die Versorgung mit Lebensmitteln, Strom und Wasser durchgehend gewährleistet sein wird. Das klingt zunächst beruhigend, allerdings weiß man in einem Entwicklungsland wie Peru nicht, ob das wirklich lange möglich ist. 

Bilder aus armen Vierteln, die man auf den Websites peruanischer Medien sieht, zeigen auch aufgebrachte Menschenmengen. 

Ich wohne in einem großen, modernen Haus mit 20 anderen europäischen Austauschstudenten in einem wohlhabenden Bezirk von Lima. Seit Montag wohnt auch die Housekeeperin hier. Sie wird während der Quarantäne das Haus sauber halten und mittags und abends für uns kochen. 

Der Vermieter hatte am Sonntag noch groß für unsere Versorgung Lebensmittel eingekauft. Man könnte meinen, man wäre für zwei Wochen mit seinen Kommilitonen im Sommerurlaub, wenn da nicht das ständige Gefühl des Eingesperrtseins wäre. 


Gebunkert: Avocados
Gebunkert: AvocadosFoto: Charlotte Jansen


Am ersten Tag war die allgemeine Stimmung hier im Haus ziemlich niedergeschlagen. Wir wussten alle nicht so recht, was wir mit der Freizeit anfangen sollten und wie es die nächsten Wochen weitergehen soll. Alle waren die ganze Zeit nur am Handy um die Nachrichten zu googeln und mit der Familie in Europa zu reden.

Es ist schon unangenehm, in solch ungewissen Zeiten so weit weg von zu Hause zu sein. Auch mit dem Wissen, dass wir dorthin erst einmal nicht mehr zurückkommen, weil die Grenzen von Peru nun endgültig geschlossen sind. Zur Aufheiterung gab es dann ein leckeres peruanisches Mittagessen, und abends sind wir beim Netflixen auf dem Sofa eingeschlafen.

Nach und nach ging's zum Supermarkt

Am zweiten Tag haben alle beschlossen, heute das Haus einmal kurz zu verlassen, weil der erste Tag der kompletten Untätigkeit so deprimierend war. Da wir ja auch keine Spaziergänge mehr machen können, haben wir also die Selbsterklärung ausgefüllt und uns nach und nach auf den Weg zum Supermarkt gemacht. 

Wir hatten beispielsweise nicht genug Kaffee und mussten wegen der Hitze hier im Haus noch einen Ventilator kaufen.

Das Einkaufserlebnis war befremdlich. Am Sonntag konnten wir die Straßen zum Supermarkt wegen all der Autos kaum überqueren, und am Montag kamen uns nur schwerbewaffnete Soldaten entgegen. 

Obwohl wir ja demonstrativ mit Supermarkttüten losgelaufen sind, hatte man das Gefühl, etwas Falsches zu machen. Im Falle einer Kontrolle hätten wir uns kaum mit den Soldaten verständigen können.

Abends saßen wir auf der Terrasse

Im Supermarkt selber war alles normal. Es waren nicht übermäßig viele Leute da, alle waren ruhig und die Regale waren zum Großteil noch gut gefüllt. Abends saßen wir auf der Terrasse zusammen. Allerdings nur kurz, weil die Polizei bei Kontrollen Strafen verhängen könnte, da man nicht mehr in größeren Gruppen zusammenkommen darf. 

Eigentlich sollten wir uns nur noch in unseren eigenen Zimmern aufhalten. Das stelle ich mir schrecklich vor. Ich bin sehr froh, so viele andere Leute um mich herum zu haben, mit denen man die Zeit hier irgendwie überbrücken kann. Wir isolieren uns schließlich alle gemeinsam. 

Die einen machen Yoga, andere arbeiten an Uniprojekten

Am gestrigen dritten  Tag scheint die Stimmung gelöster. Man hat sich mittlerweile irgendwie mit der Situation abgefunden, und alle haben sich überlegt, wie sie heute den Tag verbringen können. Nur rumliegen und auf das Handy starren ist nicht erfüllend. Die einen haben sich zum Yoga verabredet, andere arbeiten an Uniprojekten.

Für die nächsten Tage wird es am wichtigsten sein, sich nicht verrückt zu machen und einigermaßen sinnvolle Beschäftigungen zu suchen. Und sich natürlich über die weltweite Lage und besonders hier in Peru zu informieren und auch zu schauen, was die Deutsche Botschaft empfiehlt. 

Ob es vielleicht auch hier eine Rückholaktion des deutschen Außenministeriums gibt, der wir uns dann anschließen sollten? Schließlich leben wir hier in unserem „Gringo-Viertel“ in einer Art Paralleluniversum. Wer weiß, wie es im Rest des Landes bei der Bevölkerung aussieht? Wie lange kann man sich trotz Polizei und Armee auf den Straßen noch sicher fühlen?

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